Zell u. A. / SWP  Uhr
Die Firma Ortlieb ist von Kirchheim in ihren Neubau im Gewerbepark Wängen in Zell umgezogen. Ein innovatives Firmengebäude mit Ausstrahlung.

Das Gebäude, so glaubt Architekt Hanspeter Glemser, wird wahrscheinlich jedem im Vorbeifahren auffallen, wegen seiner individuellen Fom und dem dominanten Rundbau, der auf gläsernem Sockel zu schweben scheine. Glemser berichtete bei der gestrigen Einweihung, was ein Zeller Spaziergänger dazu meine: „Da habt ihr ja einen schönen Klotz hingestellt, vorne auch noch rund, ich hab gestern Abend gedacht, da ist ein Ufo gelandet, und es hat auch noch geleuchtet.“

Dass das „Ufo“ steht, sei fast ein Wunder, resümiert Ortlieb-Geschäftsführer Dr. Dieter Simpfendörfer, der als Bauherr einiges durchgemacht hat. Im Juni 2015 war die Grundsteinlegung, ein Jahr später sollte das neue Werk schon stehen und der dritte Umzug in dann 105 Jahren Firmengeschichte kommen. Aber: Das Unheil habe sich angebahnt in Gestalt eines Baukolonnenführers, der sich als studierter Sportwissenschaftler entpuppt habe, und Gestalt angenommen in krumm betonierten Wänden.  Der Maserati, den man bestellt habe, sei in  Nachverhandlungen mit der Baufirma als hässlicher Wagen zum Preis von zwei Maseratis geworden. So habe man die Reißleine gezogen. Dank einer Reihe großartiger Experten, darunter auch ein Rechtsantwalt und ein Bausachverständiger, sei es mit dem Bau noch was geworden, so Simpfendörfer. Eine große Stütze sei ihm seine Frau gewesen, die ihm je nachdem mit Ratschlägen, Durchhalteparolen und Kampfansagen geholfen habe. Da dies „vermutlich repräsentative Erfahrungen“ seien, gab der Firmenchef der anwesenden Landes-Wirtschaftministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut mit auf den Weg, „Laien und Glücksrittern im Schlepptau von Generalunternehmern“ durch Zulassungsbeschränkungen das Handwerk zu legen.

„Endlich geschafft. Ende gut, alles gut?“ So kommentierte der Zeller Bürgermeister Werner Link das „herausragende Ereignis“  auch für den Verband Gewerbepark Wängen, der damit eine erste große Firma bekommt. Link erinnerte daran, dass auch die Gründung des Gewerbeparks von drei Gemeinden ein langer Weg gewesen sei und stellte fest: Der westliche Teil des Landkreises rücke dank der A8 immer mehr in den Fokus der Wirtschaft. Ortlieb habe mit 12 000 Quadratmetern und Option auf weitere 8000 optimale Voraussetzungen, um sich weiter zu entwickeln, was erklärte Absicht ist. So ist das Gebäude in fast jeder Richtung erweiterbar, erläuterte Architekt Glemser, und auf den Rundbau für die Verwaltung kann man noch einen Stock draufsetzen.

Die Kirchheimer Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker konnte nur bedauern, dass Ortlieb weggezogen ist. Man habe leider keine Einigung im neuen Gewerbegebiet von Kirchheim erzielen können. „Das Angebot aus Zell war einfach das wirtschaftlich bessere“, räumte sie ein. Aber Zell ist für Kirchheim nicht aus der Welt. Weil Zell bis 1938 zum Oberamt Kirchheim gehörte, ist es jetzt noch eingeschlossen in die Vergabe von Stipendien, die die Kirchheimer Narr-Stiftung verleiht. Zu der gehört Ortlieb. Die Oberbürgermeisterin ist Stiftungsrats-Vorsitzende.

Es tue ihm ein bisschen leid für Kirchheim, sagte Landrat Edgar Wolff. „Des einen Freud, des anderen Leid, diesmal waren wir die Glücklicheren.“ Dass Zell es geworden sei, sei bei einem Suchlauf von zehn Standorten nicht selbstverständlich. „Wir freuen uns auf Sie, ein traditionelles und innovatives Unternehmen.“ Das Gebäude sei ganz offenbar ein Meisterwerk, und der Meister sei Geschäftsführer Dr. Simpfendörfer selbst, der auf Architektur und Ästhetik Wert lege und auch der Kunst im Inneren Geltung verschafft – zwei Kunstwerke gehören zum Neubau. Der Rundbau soll die Rotationssysteme der Firma symbolisieren.

Es gibt auch eine Innenarchitektur. Die Decke hat feine Bleche und gewölbte Dachelemente, und der Eindruck ist: Die Luft ist sauber. Ein angenehmes Raumklima. Ingenieur Fritz Nüssle spricht von gesunden, behaglichen Arbeitsplatzbedingungen. Was man nicht sieht: Ein Energiekonzept steckt in dem Bau, er sei ein leuchtendes Beispiel für ganz Baden-Württemberg, erläuterte Nüssle. Unterm Parkplatz liegt ein Energiespeicher, der heizen und kühlen kann, der Wärme in Eis umwandle und über die Schmelzwärme wieder freisetze. Wärmegedämmt sei die gesamte Außenhaut, man unterschreite die Vorgaben locker, und auf dem Dach liefere eine Fotovoltaikanlage 370.000 Kilowattstunden im Jahr, die den Strombedarf wesentlich decke. Die Abwärme der Maschinen wird für die Heizung genutzt. Dies alles aus der Vermutung heraus: Energie wird noch kostbar.

Anspruch hoher Wettbewerbsfähigkeit

Vorreiter Als „Vorreiter in Innovation“  lobte Dr. Michael W. Müller vom Wirtschaftsrat der CDU, des größten Wirtschaftsverbands in Deutschland, die Firma Ortlieb. Sie sei nicht mehr wegzudenken. Im Publikum saßen Kunden der Firma aus den USA, aus China, Südkorea, Russland, Spanien, Slowenien und Tschechien.

Überzeugend Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut sieht den Neubau als überzeugendes Ganzes von Architektur und innovativem Energiekonzept. Der Anspruch hoher Wettbewerbsfähigkeit sei spürbar, der Bau bringe sie zum Ausdruck.