Porträt Leidenschaft für Beton und Stahl

Umgeben von Bauten aus Beton und Stahl ist Susanne Gieler-Breßmer in ihrem Element.
Umgeben von Bauten aus Beton und Stahl ist Susanne Gieler-Breßmer in ihrem Element. © Foto: Giacinto Carlucci
Süßen / Karin Tutas 09.08.2018

Manchmal muss man zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein und die Kernkompetenz haben, die gerade gebraucht wird.“ Ein wenig Glück gehört dazu, um so eine Karriere hinzulegen, meint Susanne Gieler-Breßmer. Die Bauingenieurin betreibt gemeinsam mit einem Partner in Süßen eines der größten, auf die Instandsetzung von Stahlbetonbauwerken spezialisierten Büros in Deutschland. Als erste Frau in Deutschland wurde Gieler-Breßmer 1992 zur öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen im Bereich Betonschäden und -instandsetzung von der IHK Stuttgart bestellt.

Beton, Stahl und Baustellen sind so eine Art Lebenselixier für die aus Westfalen stammende Unternehmerin, die in einem Metier Karriere gemacht hat, in dem Frauen lange als Exotinnen galten, heute immer noch in der Minderheit und in Führungspositionen an einer Hand abzuzählen sind. Schon als kleines Mädchen kam sie an keiner Baustelle vorbei. „Das hat mich schon immer fasziniert“, erzählt die Süßenerin. Stundenlang konnte sie als Kind die Betonbauer, Maurer oder Zimmerleute beobachten. Wenn sie heute als Bauleiterin auf einer Großbaustelle herumturnt oder in ihrer Funktion als Gutachterin tätig ist, in jeden Winkel kriecht, um jeden noch so kleinen Riss im Beton aufzuspüren und mit Polieren diskutiert, dann ist die 59-Jährige in ihrem Element. „Ich habe einen ganz tollen Beruf.“

„Mich hat immer nur die Technik gereizt“, erzählt die zierliche Frau. Deshalb währt der Ausflug in Mathematik und Informatik  – „zu langweilig“ – nur zwei Semester und sie steigt auf ein Studium im Bauingenieurwesen um. Mitten hinein eine damals typische Männerdomäne, „wir waren in dem Studiengang zwei Frauen“. Gesundes Selbstbewusstsein kann da nicht schaden.

Sie spürt schnell, dass sie am richtigen Platz ist. Zu forschen, wie der Beton beschaffen sein muss und wie der Baustoff länger hält, habe sie von Anfang an fasziniert. Sie kniet sich rein ins Studium, das sich die Power-Frau als studentische Hilfskraft verdient. Im Nachhinein empfindet sie es als Glück, dass sie Ausbilder ohne Vorbehalte gegen weibliche Studenten hatte: „Mein Professor hat mich auf alle Kühltürme in Nordrhein-Westfalen mitgenommen, als Frauen dort noch nicht gerne gesehen und mit fadenscheinigen Argumenten, wie ‚Wir haben keine getrennten sanitären Anlagen’ fern gehalten wurden.“ Dass da das Engagement für Frauenrechte nicht ausbleibt, versteht sich von selbst. Während eines Auslandsjahres in Haifa, wo Susanne Gieler auch auf Großbaustellen arbeitete, kommt sie mit einem ihrer späteren Spezialgebiete in Berührung: Korrosion von Stahl in Beton im Meeresklima. „Die Forschungsarbeit hat mir immer unheimlich viel Spaß gemacht.“

Ihr früherer Professor für Bauphysik, ein Schwabe, vermittelt ihr eine Stelle im Landkreis Göppingen, wo sie für ein Unternehmen das physikalische Entwickungslabor für Polymerbeton aufbaut. Dass ihr Chef großes Vertrauen in die damals 24-Jährige setzte und ihr die Bauleitung für den firmeneigenen Fabrikationsneubau übertrug, habe ihr Selbstvertrauen gegeben, sagt Susanne Gieler-Bressmer.

Und doch zieht es sie wieder in die Forschung. Drei Jahre leitet sie ein Projekt für Betoninstandsetzung an der Universität Stuttgart und entschließt sich dann, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. „In der Industrie hätte ich als Frau nie eine leitende Position bekommen“, ist sie überzeugt.

Sie bleibt in Schwaben – auch der Liebe wegen – gründet 1990 ihr eigenes Büro, das die Instandsetzung von Großprojekten wie Brücken, Hoch- und Verwaltungsbauten, Industriebetrieben oder Betonkonstruktionen ind Meer- und Süßwasser-Schwimmbädern plant und überwacht. Als Frau auf der Baustelle habe sie keine Probleme. Zu den Leuten am Bau habe sie ein empathisches Verhältnis. „Ich habe mich nie verdreht, ich bin ich – eine Frau und kein Mann“, nennt sie ihr Rezept. Und: Klare Ansagen, „knallhart in der Überwachung“, sie habe sich Respekt erarbeitet.

Fünf Jahre führt sie ihr Büro allein, bis sich Nachwuchs einstellt. Sohn Felix verändert viel, aber nicht alles. „Für mich war immer klar, dass ich weiterarbeite.“ Fortan aber mit einem Partner im Unternehmen mit insgesamt 14 Mitarbeitern. „Es war nicht immer leicht, die Balance zwischen Verantwortung für mein Kind und das Büro zu halten“, räumt Susanne Gieler-Breßmer rückblickend ein. Ohne ihren „sehr emanzipierten Ehemann,  der voll hinter mir stand“, kurzzeitig Oma und Opa aus Westfalen und später eine Haushälterin wäre das nicht möglich gewesen, sagt sie. Und wenn es überhaupt nicht anders ging, wurde Klein Felix von einer Mitarbeiterin spazieren gefahren, wenn Mama auf die Baustelle musste. Umso mehr lege sie Wert auf Familienfreundlichkeit im eigenen Betrieb, betont die 59-Jährige, die die Sorgen und Nöte von berufstätigen Eltern nur zu gut kennt, obwohl die Möglichkeiten der Kinderbetreuung heute deutlich besser sind als vor 20 Jahren. „Familie lässt sich in jedem Betrieb machen, das ist nur eine Frage der Organisation“, lautet ihre Überzeugung.

Sie führt ein Leben im D-Zug-Tempo, eilt durch ganz Deutschland und ins europäische Ausland. Arbeitstage mit mehr als 12 Stunden sind eher Regel als Ausnahme. Und auch in der knapp bemessenen Freizeit hat sie es eilig: „Laufen ist mein größtes Hobby, da kriege ich den Kopf frei.“ Diese Passion teilt sie mit ihrem Ehemann. Trainiert wird am Wochenende oder frühmorgens. Den Berlin-Marathon und mehrere Halbmarathons hat die sportliche Endfünfzigerin in den Beinen. Trotz ihres strammen Programms findet die Süßenerin noch Zeit für ihr Ehrenamt beim Lions Club Göppingen, dessen Vizepräsidentin sie derzeit ist  und der viele lokale Projekte unterstützt. „Soziale Projekte sind mir ein echtes Anliegen“, insbesondere weil der Club sich vor Ort engagiere. Wie sie das alles schafft? Susanne Gieler-Breßmer lacht: „Was ich tue, macht mir Spaß“, letztendlich sei alles eine Frage der Organisation.

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