Lauterstein Lebenslust statt Altersfrust: d`Kronawirtsanne

Die "Mama Anne Primary School" in Uganda ist nach Anna Kierstein aus Weißenstein benannt.
Die "Mama Anne Primary School" in Uganda ist nach Anna Kierstein aus Weißenstein benannt. © Foto: Claudia Burst
CLAUDIA BURST 03.08.2016
Anna Kierstein, d` Kronawirtsanne, ist eine Institution in Weißenstein. Sie singt und betet, grillt und tanzt, putzt, plant, hilft - und feiert demnächst ihren 80. Geburtstag.

Für Anna-Maria Kierstein reicht der Platz eigentlich nicht aus, den ein Zeitungsbericht bietet. Am 7. August feiert die rüstige Dame mit den sorgfältig frisierten, grauen Haaren in ihren 80. Geburtstag hinein. Mit 150 Gästen im Weißensteiner Schützenhaus – das Fest organisiert sie selbst. „Ich freu mich schon drauf“, sagt sie und ihre blauen Augen blitzen. „D’ Kronawirtsanne“ wird sie im Dorf meist liebevoll genannt, weil sie als älteste Tochter des Wirts der „Krone“ im Jahr 1936 geboren wurde und bis weit nach ihrer Rente ihrem Bruder Alfons dort geholfen hat.

Organisieren ist ihr Ding. In Gedichtform wird sie die vergangenen zehn Jahre seit ihrer 70er-Feier Revue passieren lassen. So, wie sie in ihrer Funktion als Schriftführerin beim Weißensteiner Chor „Chorisma“ die Jahresberichte ebenfalls immer als Gedicht verfasst. Bei Chorisma singt „Anne“ Kierstein seit 26 Jahren. „Sogar die hohe Sopranstimme“, erzählt sie mit hörbarem Stolz und betont „Senga du i edno gern.“

Nicht nur singen. Anna Kierstein gehört auch zu den Schützen im Dorf. Als einzige Frau unter elf Männern im Ausschuss des „Zimmerstutzenvereins Weißenstein“ hat sie vor 22 Jahren, ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes Helmut, dessen Nachfolge dort angetreten. „Ich schieß auch manchmal“, bekennt sie mit spitzbübischem Grinsen, aber vor allem sei sie diejenige, die Feste mitorganisiert und an jedem ersten Donnerstag im Monat „Schützengöckele“ für die Schützen-Senioren grillt.

„Lebenslust statt Altersfrust“ lautet ihr Motto. „Ich hatte und habe immer Freude am Leben, am Schaffen und daran, unter Menschen zu sein“, erklärt Anna Kierstein ihre Vitalität. Fast 50 Jahre gehörte dem Vorstand des Katholischen Frauenbunds in Weißenstein an, bis der sich auflöste. Als Hausmeisterin schaut sie seit elf Jahren im „Haus der Kirchengemeinde“ ehrenamtlich nach dem Rechten. Sie gehört zum „Kirchenputz-Team“, zur Paulusgemeinde, tanzt mit im Donzdorfer Tanzkreis, reist gern – allerdings nie im Flugzeug –, ist Mitglied im Seniorenkreis.

Die Zuversicht im Leben hat sie selbst während der Tiefschläge, deren es einige gab, nie verlassen, erzählt sie. Da hat ihr ihr tiefer Glaube geholfen. „Ohne meinen Glauben könnte ich nicht leben. Ich lege Gott täglich mein Leben in die Hände, schon morgens vor dem Aufstehen“, erzählt sie. Und davon, wie ihr das nach dem frühen Tod ihres Mannes geholfen habe. Nie vergessen wird die Noch-79-Jährige auch das Jahr 2000, in dem sie durch einen Virus innerhalb einer Februar-Woche von Kopf bis Fuß gelähmt wurde. „Ich konnte nur noch sprechen und die Augen bewegen“, erinnert sie sich mit Schaudern. Aber: „ganz Weißenstein hat für mich gebetet“, sagt sie und erzählt, dass sie nach vier Monaten aus dem Christophsbad in die Reha entlassen wurde und der Professor zu den Anwesenden gesagt habe: „An dieser Frau ist ein Wunder geschehen.“

Ein Gelübde hat die katholische Christin zu jener Zeit ihrem Herrn gegeben: Wenn sie wieder schaffen dürfe, wolle sie ein gutes Werk tun. „Such du dir was aus, Herr“, habe sie gesagt. Drei Jahre später kam Pfarrer Francis Muchocho Araali nach Weißenstein – als Vertretung für den erkrankten Pfarrer Wolfgang Straub. Anne Kierstein kümmerte sich während der acht Wochen seiner Anwesenheit um ihn, kochte, wusch seine Wäsche und half ihm bei der Vorbereitung seiner Gottesdienste, weil ihm oft die deutschen Wörter oder deren richtige Aussprache fehlten.

Die beiden freundeten sich an, Pfarrer Francis wurde ihr zum vierten Sohn neben den drei eigenen, er nennt sie bis heute „Mama Anne“. Er erzählte ihr und den Kirchenbesuchern von den Zuständen in seinem Heimatdorf Busaru in Uganda und mit Hilfe von Eberhard und Elvira König, Anna Kierstein und anderen gründeten die Weißensteiner den Verein Busaruhilfe Deutschland.

Die Weißensteinerin war 67, als sie Pfarrer Francis kennenlernte. Zu ihrer 70er-Feier wünschte sie sich Geldspenden für Busaru – und konnte 4310 Euro für ein Wasserprojekt beisteuern, das dank einer kilometerlangen Wasserleitung 14.000 Menschen mit Trinkwasser versorgt. Die Weißensteiner Busaru-Hilfe half beim Ausbau einer Krankenstation, organisierte diverse Projekte und gründete die nach Anna Kierstein benannte „Mama Anne Primary School“.

„Leider hat ein Sturm kürzlich dort die sanitären Anlagen alle zerstört“, seufzt Anna Kierstein, um gleich darauf wieder zu strahlen. „Deshalb wünsche ich mir zu meinem 80. Geburtstag wieder nur Geld für Busaru – damit sie dort die sanitären Anlagen wieder aufbauen können.“