Eislingen Lebensgeschichten in 99 Gesichtern

Eislingen / IRIS RUOSS 19.02.2016
Die Ausstellung "Die Hälfte des Himmels - 99 Frauen und du" ist bis zum 8. März in Eislingen zu sehen. Der Andrang bei der Vernissage war groß.

Der Kreissparkassensaal war voll: "So viele Besucher hatten wir noch nie bei einer Ausstellungseröffnung", sagte Regionaldirektor Erich Kierstein. Der Verein Eislinger Frauen-Aktion (efa) hatte die Ausstellung zum 20-jährigen Vereinsbestehen nach Eislingen geholt, bei der Planung aber längst noch nicht gewusst, wie brisant und aktuell das Thema Gewalt an Frauen jetzt sein würde. "Gewalt an Frauen ist abscheulich", sagte Vereinsvorsitzende Monika Jirouschek. Seit den Gewaltvorfällen in der Silvesternacht in Köln sei das Thema noch mehr in den gesellschaftlichen Fokus gerückt, und das sei gut so.

99 Frauenporträts blicken die Ausstellungsbesucher ab sofort von den Wänden der Kreissparkasse an, dazwischen hängt auch ein Spiegel. "Ich wollte jeden Besucher mit einbeziehen", erklärt Kuratorin Annette Schiffermann den zusätzlichen Gegenstand. Statistiken über Gewalt und Missbrauch hat die Heidelbergerin schon viele erstellt, jetzt wollte sie den bloßen Zahlen ein Gesicht geben. Nicht alle der gezeigten Frauen haben Erfahrungen mit Gewalt gemacht, aber die meisten. Schiffermann, selbstständige PR-Beraterin, Fotografin sowie Friedens- und Menschenrechtsaktivistin, hat sie interviewt, allen die selben Fragen gestellt und sich ihre Lebens- und Leidensgeschichten angehört. "Ich wollte keine Opfer-Ausstellung kreieren, aber der Gewalt ein Gesicht geben", erklärt Schiffermann.

Von jung bis alt reicht die Alterspalette der gezeigten Frauen, und alle haben erzählt von häuslicher Gewalt oder Missbrauch, aber auch davon, wie sie sich aus den Fesseln des Geschehens im Laufe der Jahre befreit haben. Allen gemeinsam ist, dass sie Respekt und Achtung vermisst haben. Auch Annette Schiffermanns Konterfei hängt in der Ausstellung, sie wollte mitten unter den Frauen sein und nicht über sie berichten. Auch die 60-Jährige hat Gewalterfahrungen gemacht, wurde als Kind jahrelang missbraucht. "Ich wollte aus dem Thema Gewalt etwas Schönes machen", beschreibt sie ihre Intention.

Sie will die Frauen hinter den Zahlen zeigen, ihre Gefühle begreifbar machen und auch klarstellen: Die betroffenen Frauen haben einen langen mutigen Weg hinter sich, um ihre Erfahrungen zu verarbeiten und wieder positiv ins Leben zu schreiten, heraus aus der Isolation und hinein in die Gesellschaft. Die Besucher sollen ermutigt und aufgebaut aus der Ausstellung gehen. Ermutigt, sich künftig Gewalt entgegenzustellen, statt sie geschehen zu lassen, ermutigt, sich für andere einzusetzen, statt zuzuschauen.

"Gewalt geht die gesamte Gesellschaft an", betonte Schiffermann bei der Ausstellungseröffnung. Mittels Audioguide können die Besucher sich während des Rundgangs die Lebensgeschichten der 99 Frauen anhören.

Info Die Bilder sind bis zum 8. März in der Eislinger Kreissparkasse zu den Öffnungszeiten zu sehen.

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