Süßen Lauter Klischees - zum Brüllen komisch

Das Publikum schmiss sich weg vor Lachen, als Özcan Cosar deutsch-türkische Befindlichkeiten durch den Kakao zog.
Das Publikum schmiss sich weg vor Lachen, als Özcan Cosar deutsch-türkische Befindlichkeiten durch den Kakao zog. © Foto: Inge Czemmel
Süßen / INGE CZEMMEL 10.11.2014
Ein Tränen lachendes Publikum schmiss sich bei den Süßener Kleinkunsttagen vor Vergnügen weg, als Özcan Cosar detail- und pointenreich deutsch-türkische Befindlichkeiten und Klischees durch den Kakao zog.

Özcan Cosar ist gerade mal ein paar Minuten auf der Bühne, da flüstert eine Dame ihrem Begleiter zu: "Wär ich nur noch vorher aufs Örtchen gegangen." Bereits die erste Nummer, in der Cosar bewegungstechnisch voll und ganz in seiner Rolle als Samenzelle aufgeht, die zum Casting bei den Eiern antritt, lässt ahnen: Es besteht durchaus Gefahr, sich im Laufe des Abends vor Lachen in die Hose zu pinkeln. Auf "Ich hatte ein hartes Leben" erntet Cosar ein mitleidiges "Ooh". "Ich bin Türke . . . gewesen." Die Entscheidung, Deutscher zu werden sei - "Komm ich da überhaupt noch in die Disco rein?" - nicht leicht gewesen. Die harte Zeit des Türkeseins habe nach unbeschwerten drei Kindheitsjahren begonnen, berichtet Cosar. "Im Kindergarten war ich plötzlich ein Türkenkind. Ein Nachwuchsasozialer! Ich wollte lieber ein Italienerkind sein, aber mein Vater sagte, das ginge nicht."

Es kam noch schlimmer. Noch immer unter Phantomschmerzen und dem Trauma der Beschneidung leidend, ließ er das Publikum an diesem, seinem wohl prägendsten Erlebnis teilhaben. "Nach gelungenem Türkzorzismus wurde ich 2009 Deutscher mit Migrationshintergrund", verrät Cosar und erklärt: "Türken haben eine andere Biodynamik. Allein Mimik und Körpersprache nehmen eine Menge Hirnkapazität in Anspruch." Die anschauliche Demonstration zeigt: Cosar beherrscht beides hervorragend. Genau wie Türkisch-Deutsch und Schwäbisch. Zum Brüllen wie er mit verbalen Wechseln zwischen Hannelore und Herbert hier und Mehmet und Aishe dort Klischees beider Seiten beleuchtet.

Doch Cosar hat noch andere Themen. Sein Programm besteht aus Erfahrungen seines Lebens. So hat er beispielsweise einst Zahnarzthelferin - eine männliche Bezeichnung gab es nicht - gelernt. "Die Mädchen in der Schule redeten nicht mit mir, bis ich mich integrierte. Ich lackierte mir die Nägel, zupfte die Augenbrauen und . . ." Mathe- und Englischunterricht, Esoterik und Phobien, Beobachtungen, die er als Kellner machte - Özcan Cosar lebt seine Rollen mit allen "Tools", die ihm zur Verfügung stehen und spielt seine Multifunktionsbegabung voll aus. Schauspiel, Tanz, Gesang, Gitarrenspiel, ab und zu eine "Message" und unabgedroschene Pointen sorgen dafür, dass sich alle vor Lachen ausschütten. Comedy oder Kabarett? Beides trifft es eigentlich nicht. Vielleicht Combarett?