Göppingen / Von Martina Kallenberg  Uhr
Zwei Landwirte aus dem Kreis Göppingen sind von einer Energiepflanze aus Nordamerika sehr angetan. Ihr Vorteil: Sie benötigt kaum Pflanzenschutzmittel, ist schön anzusehen und Futterquelle für Bienen.

Manch einer kommt ins Stutzen, wenn Felder dastehen, dicht mit grünen, übermannshohen Pflanzen bewachsen, die von einer oder mehreren sonnenblumenartigen, gelben Blüten gekrönt sind. Muss man sie kennen? Kann man sie kennen? Für was wird diese Pflanze verwendet? Zu den Fragen: Nein, noch nicht, vielleicht, Bioenergie.

„Durchwachsene Silphie“ wird in Bad Boll angebaut

In Bad Boll wird die „Durchwachsene Silphie“ im dritten Jahr von Friedrich Aichele als Energiepflanze angebaut. Sie ersetzt 7 Hektar Mais, seiner sonst 57 Hektar Energiepflanzen für seine Biogasanlage. „I han mir des bißle aguckt“, erzählt Aichele, habe es in der Fachpresse verfolgt und als die Pflanze als Saatgut angeboten wurde, ist er mit seinen fünf Flächen „schon ins Risiko gegangen, für einen Versuch hätte ein Hektar ausgereicht“.

Auch Werner Ziegler aus Faurndau, Landwirt im Nebenerwerb, hat sich vor zwei Jahren auf die Nordamerikanerin eingelassen, die bei ihm in diesem Jahr das erste Mal blüht. Er ist sehr angetan von der „hervorragenden Pflanze für Bienen“, die „Farbtupfer im monotonen Mais“ sind. Die Blütezeit ist von Ende Juni/Anfang Juli und zieht sich bis in den September hinein „wo in der heutigen Agrarlandschaft sonst nichts mehr blüht“, wie Aichele anmerkt.

Einige Vorteile hat sie, verglichen mit dem konventionellen Maisanbau, sie kann 15, gar bis 20 Jahre lang am gleichen Standort gedeihen und benötigt ab dem zweiten Jahr außer Düngung, die teilweise oder ganz aus Gärresten der Biogasanlage bestehen, keine Pflanzenschutzmittel. „Sie ist die einzige Pflanze in der konventionellen Landwirtschaft, die keine Pflanzenschutzrückstände im Pollen hat“, erläutert Friedrich Aichele.

Imker ernten Silphienhonig

Darum haben auch die Imker, wie Michael Baron aus Bad Boll, Interesse an der Silphie, damit „meine Mädels“, wie er seine Bienen nennt, genug Winterfutter einlagern können und weniger hinzugefüttert werden muss. Den Silphienhonig hat er noch nicht probiert, je nachdem wie fleißig „die Mädels“ die Boller Felder beernten, kann er möglicherweise dieses Jahr noch davon kosten.

Mit dem Ertrag der Silphie ist Aichele sehr zufrieden, vor allem da er die Pflanze auf ertragsarmen Standorten hat, die ihm bislang eher Probleme bereiteten, sei es durch schwierige Befahrung, die Nähe zu Häusern, die das Ausbringen der Pflanzenschutzmittel erschwert oder zum Wald mit den naschhaften Wildschweinen, die die Maissaat gerne über Nacht vertilgen.

Bodenerosion ist hier, im Gegensatz zum Maisanbau, kein Thema, durch ihre immer dichtere Bodendurchwurzelung wird auch Stickstoff im Boden gebunden und den rauen, beinahe schmirgelpapierartigen Blättern kann, je nach Wachstumsstadium, auch ein Hagel nicht viel anhaben.

Die Erntebilanz im Kreis fällt durchschnittlich aus. Die größten Sorgen machen den Bauern gesellschaftliche und politische Entwicklungen.

Ziegler hat in diesem Jahr wieder neue Silphien angesät, unscheinbar bildet sie zwischen den aufgeschossenen Maisstängeln bodennahe Blattrosetten. Über den Winter hin werden die Blätter absterben und im Frühjahr beginnen übermannshoch aufzuwachsen.

Von der Becherpflanze ist Baron ganz begeistert, stängelnah fängt die Pflanze Wasser auf und versorgt damit auch Insekten, selbst im trockenen Sommer kann sie Tau darin sammeln.

Friedrich Aichele erzählt von den frühen Morgen, an denen die Insekten im ersten Tageslicht über den Feldern zu sehen und zu hören sind, „wenn es morgens flattert und fliegt, das freut auch einen konventionellen Landwirt“.

An den Silphienfeldern stehen häufig Hochsitze, gespickt mit Info-Tafeln, sie laden ein, sich das Insektentreiben in den Blüten von hoher Warte auf Augenhöhe mit den Blüten anzusehen.

Pflanze benötigt kein Pflanzenschutzmittel

Als „Riesenvorteil“ sieht Ziegler, dass er während der geplanten mindestens 15 Jahre, die die Silphie auf dem Acker steht, außer für die Düngung und Ernte, weder Zeit Sprit noch Pflanzenschutzmittel einsetzen muss – denn der dichte Wuchs unterdrückt alle anderen Pflanzen. Nicht nur der vergleichsweise nachhaltige Anbau, sondern auch die gute Lagerfähigkeit und Verarbeitung ist ein großer Pluspunkt.

Die beiden Silphien-Anbauer und Imker im Umkreis beobachten genau, wie sich der Neuzugang im Landkreis über die Jahre entwickelt, „damit die Mädels zu essen haben“.