Kreis Göppingen / Dirk Hülser  Uhr
Das Land will die Förderung einstellen und die EU erwägt ein Verbot, denn Granulat aus geschredderten Altreifen gelangt in Natur und Gewässer. Ein Landwirt aus Uhingen kämpft gegen Plastikpartikel vom Sportplatz.

In Bad Boll wurde er vergangenes Jahr eröffnet, in Uhingen wurde jetzt mit dem Bau begonnen und in Zell haben sich die Bürger für einen ausgesprochen: Kunstrasenplätze ermöglichen Fußballern, das ganze Jahr über zu spielen und zu trainieren. Doch wegen des darauf ausgebrachten Granulats gibt es seit längerem Kritik an den Kunstrasenplätzen. Der Umweltausschuss des baden-württembergischen Landtags hat am Donnerstag beschlossen, die Förderung solcher Plätze zu beenden. Die EU erwägt, das Mikroplastik auf Sportplätzen ab 2022 ganz zu verbieten.

Granulate für Kunstrasen bestehen aus geschredderten Autoreifen

Alleine 35 Tonnen Gummigranulat wurde auf dem neuen Sportplatz des TSV Bad Boll ausgebracht. Dies hatte der Planer bei der Eröffnung im Juli 2018 bekanntgegeben. Der Wissenschaftliche Dienst (WD) des Bundestags schätzt in einer vor zwei Jahren veröffentlichten Dokumentation, dass 95 Prozent der auf Kunstrasenplätzen ausgebrachten Granulate ganz simpel aus geschredderten Autoreifen bestehen.

Beim TSV läuft es sportlich gut wie bei der Jahreshauptversammlung deutlich wurde.

Problematisch ist nicht nur die Auswaschung des Granulats, das so auch in Gewässer – und somit ins Meer – und auf landwirtschaftliche Flächen gelangt. Der WD geht auch davon aus, dass diesen Granulaten oft Weichmacheröle und Ruß beigefügt wurde. Die Experten kommen zu dem Schluss: „Diese Öle können polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) enthalten, von denen einige als krebserregend, erbgutverändernd und/oder fortpflanzungsgefährdend eingestuft sind. PAK sind zudem langlebig und reichern sich in Organismen an.“

Auch neues Granulat ändert nichts an Problematik des Mikroplastiks

Zunehmend wird allerdings auf teureres, neues Granulat gesetzt, so etwa in Uhingen, wo derzeit ein neuer Kunstrasenplatz entsteht. Aber auch dieses Material wäre vom Förderstopp des Landes oder einem EU-weiten Verbot betroffen – da sich an der Problematik des Mikroplastiks nichts ändert.

Es gibt Alternativen ohne Granulat, dafür mit Kork

Auch in den teils erbittert geführten Diskussionen um den Zeller Kunstrasenplatz, der nach einem Bürgerentscheid gebaut wird, ging es um die Plastikpartikel, die Umwelt und Meere verschmutzen. Doch einstweilen bleibt Bürgermeister Werner Link gelassen: „Wir verfolgen das aufmerksam“, sagt er zu den Entwicklungen im Land und auf EU-Ebene. Aber nun werde erst einmal die Auffüllung des Geländes ausgeschrieben, frühestens im komenden Jahr dann der eigentliche Sportplatz. „Ob es ein Kunstrasenplatz mit Granulat wird, ist noch nicht entschieden“, betont er. Es gibt Alternativen ohne Granulat, etwa mit Kork.

Günther Knaut aus Weidach sammelt Plastikmüll. Er wünscht sich weitere Mitstreiter – und hat Müllpatenschaften in Blaustein angeregt.

Landwirt stört ein Neubau des Kunstrasenplatzes in Uhingen

Auch in Uhingen geht der Neubau des Kunstrasenplatzes nicht geräuschlos über die Bühne. Der Holzhäuser Landwirt Wolfgang Daiber wendet sich gegen den Platz auf dem Haldenberg. Er befürchtet, dass sich das Mikroplastik auf seinen angrenzenden Ackerflächen verteilt und diese langfristig zur Lebensmittelproduktion nicht mehr genutzt werden könnten.

Jedes Jahr 330 000 Tonnen Mikroplastik

Studie Auf Platz fünf der primären Mikroplastikquellen setzt die Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik in einer im Juni 2018 veröffentlichten Studie die Verwehungen von Sport- und Spielplätzen. Der Hauptanteil davon geht auf Fußball-Kunstrasenplätze zurück, hier beträgt die Menge pro Einwohner und Jahr umgerechnet knapp 100 Gramm, weitere 24 Gramm werden Tartan-Wettkampfbahnen zugeschrieben.

Menge Insgesamt sollen demnach in Deutschland jährlich 330 000 Tonnen Mikroplastik in die Umwelt gelangen, rund 8000 alleine von Fußball-Kunstrasenplätzen. Das ist deutlich mehr als durch den Abrieb bei Textilwäsche oder durch Kosmetikprodukte.

Widerspruch Kunstrasenhersteller Polytan widerspricht dem Fraunhofer-Institut: Lediglich 13 Gramm pro Jahr und Einwohner würden in die Umwelt gelangen.