Gammelshausen Kunst als Schnapsidee

MARGIT HAAS 08.10.2015
Das Gammelshäuser Künstlerpaar Marion und Dieter Gaiss arbeitet unterschiedlich: sie mit Pinsel und Spachtel, er mit der Motorsäge. Die Werke gehen gleichwohl oft einen harmonischen Dialog miteinander ein.

Ein großer Ateliertisch in der "Schnapsidee", ein bombastischer Kronleuchter, das aktuelle Werk auf der Staffelei, zahllose Kisten mit allen denkbaren Materialien, Pinsel, wohin man schaut: Der künstlerische Arbeitsplatz von Marion Gaiss ist so bewegt und belebt wie ihre Bilder. Seit mehr als 20 Jahren malt sie, war zunächst Autodidaktin, hat dann immer wieder künstlerische Anregungen bei namhaften Künstlern wie Gerhard Ruhland, Bernd Klimmer, Robert Süess oder Birgit Lorenz erhalten. "Von allen bekam ich wertvolle Impulse, die es mir ermöglichten, meinen eigenen unverwechselbaren Weg zu gehen", sagt sie.

In ihren in der Form reduzierten oder abstrakten Bildern, ihren Kollagen verwendet sie eben die "Fundstücke", die ihr überall begegnen. Sie kombiniert Stoffe und Papiere, Sand oder Maschendrahtzaun, schafft so komplexe Kunstwerke, die manchmal in ganz kurzer Zeit entstehen, dann wieder einen langen Prozess in Anspruch nehmen. "Alles ist reine Emotion", sagt die Künstlerin. Und: "Ich mache schöne Kunst für zu Hause."

Ihre Bilder sind aber keine kitschigen Idyllen. Vielmehr greifen sie vielschichtig - nicht nur in der Materialvielfalt - ein Thema auf. So war es ein Urlaub in Afrika, dessen exotische Tier- und Pflanzenwelt sie zu ganz unterschiedlichen Ansichten inspirierte, in denen durchaus auch einmal Stachelschweinborsten eine wichtige Rolle übernehmen. Aktuell setzt sie Musik um, "die mich mein Leben lang begleitet". Dabei verbindet sie die Malerei und die Collage, kann sich noch vielfältiger künstlerisch ausdrücken, kann noch aufwendiger in Farben schwelgen, mit dem Pinsel oder der Spraydose arbeiten. Manchmal hat sie schon eine Melodie, einen Song im Kopf, bevor sie zu arbeiten beginnt.

Manchmal aber stellt sich die Musik auch erst während des künstlerischen Prozesses ein. "Nights In White Satin", heißt das Bild, das derzeit auf der Staffelei steht. Auch hier ist der zweite Blick wichtig, um die bewegten Kompositionen als ästhetische Einheit zu erkennen, die immer Spielraum für eigene Interpretationen und Emotionen lässt.

Bewegt auf sehr eindrückliche Weise sind auch die Holzskulpturen von Dieter Gaiss, die in seiner Werkstatt in der "Schnapsidee" oder in Garten seines Hauses entstehen. Ausnahmsweise ist es dort ganz sauber. Einige Baumstämme warten schon darauf, dass eine Skulptur aus ihnen "befreit" wird. Die "Stuhlgewächse" haben jeweils einen unverwechselbaren Charakter. Sie strahlen geradezu eine Persönlichkeit aus. Vor wenigen Jahren erst hat Dieter Gaiss in der Kettensäge sein künstlerisches Ausdrucksmittel gefunden. Zufällig war er auf der "Art Karlsruhe" auf Arbeiten eines Holzkünstlers aufmerksam geworden und hat daraus seine ganz persönliche Leidenschaft entwickelt.

Aus alten Stämmen, die fast immer von einer der charakteristischen Streuobstwiesen unserer Gegend stammen, zaubert er filigrane "Stelzengänger", spielt mit der Form Stuhl auf witzige und charmante Weise. Seine Stuhlgewächse tragen diesen Namen zu Recht, denn sie sind immer aus einem Stück Stamm gearbeitet. Die alten Stämme "sind unberechenbar in der Bearbeitung", berichtet der Künstler. Nicht selten widersetzt sich das Material, weist ein Stamm einen Bruch oder ein Astloch auf, die ihn dann "zwingen, andere Wege zu gehen". Diese "Brüche" arbeitet er in die Skulpturen ein. "Nach dem Sturm" etwa brach an einer Faulstelle. Die Stuhlobjekte sind nicht statisch, vielmehr scheinen sie dem Betrachter entgegenzukommen - oder auch wegzutanzen oder wollen sich scheinbar gar nach oben bewegen. Sie haben etwas zutiefst Menschliches und sprechen gerade deshalb an.

In diesem Sommer, nach dem Besuch einer Bildhauerschule, hat der Kettensägenkünstler begonnen, auch figürlich zu arbeiten. Und experimentiert mit den Oberflächen seiner Objekte. "So entstehen ganz neue Charaktere. Dieses Thema werde ich auf jeden Fall weiterverfolgen."

Die aktuelle Ausstellung

Eröffnung: Morgen, 19 Uhr, wird die aktuelle Ausstellung von Marion und Dieter Gaiss im Möbelhaus Wannenwetsch in Gingen eröffnet. Marion Gaiss zeigt Malerei. "Ich arbeite viel in Spachteltechnik, bei der ich ganz auf den Einsatz von Pinseln verzichte und nur auf das Malmesser zurückgreife. Ein anderer Schwerpunkt sind Collagen und Materialmix", beschreibt sie ihre Arbeiten.

Stühle: Dieter Gaiss wird seine "Stuhlvariationen" präsentieren. "Mich begeistert es immer wieder aufs Neue, mit dem groben Werkzeug Kettensäge filigrane Strukturen zu schaffen. Dazu passt es, dem Alltagsgegenstand Stuhl ein neues Gesicht zu geben", sagt der Künstler.

Musik: Die Vernissage wird musikalisch umrahmt von Alice Sophie Wannenwetsch (Gesang) und Henry Grossmann (Piano). Die Arbeiten sind in Gingen bis zum 31. Dezember zu sehen.