Am Ende des Tages lag der damals 83-jährige Ehemann nackt im Keller seines Reihenhauses in Aichelberg, neben ihm ein Messer mit einer 18 Zentimeter langen Klinge, in der Brust hatte der Mann eine heftig blutende Stichwunde. Bereits am Nachmittag des 9. November 2017 hatte es Streit mit seiner Frau gegeben. Hatte ihn die heute  87-jährige Ehefrau niedergestochen?

Das sah die Staatsanwaltschaft so und klagte die Frau wegen gefährlicher Körperverletzung an. Die Angeklagte und das vermeintliche Opfer sprachen hingegen von einem Unfall. Amtsrichterin Stefanie Leberle und zwei Schöffinnen  folgten dieser These nicht – und verhängten am Freitagabend eine Bewährungsstrafe.

„Außergewöhnlicher Fall“

Ausführlich begründete Oberstaatsanwalt Stefan Adamski gestern vor dem Amtsgericht Göppingen seine Forderung nach einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren. „Ein durchaus außer­gewöhnlicher Fall geht heute zu Ende“, befand er. Nicht nur das hohe Alter von Angeklagter und Geschädigtem machten den Fall besonders: Zwischen zwei und vier Stunden – genau ließ sich das nicht mehr feststellen – hatte es gedauert, bis die betagte Ehefrau Nachbarn zu Hilfe rief. Diese alarmierten den Notarzt. „Mit einer 13 Zentimeter tiefen Stichverletzung und um sein Leben ringend“ habe der Rentner vollständig entkleidet auf dem kalten Fliesenboden gelegen.

„Wie kam es zu dieser schweren Verletzung?“, fragte der Staatsanwalt und gab mögliche Antworten: „Der unbekannte Dritte scheidet aus.“ Also blieben nur drei Möglichkeiten: „Er hat sich gleichsam einem Samurai das Messer selbst in die Brust gerammt.“ Oder es sei ein „wie auch immer geartetes Unfallgeschehen“ gewesen. Oder eben die Angeklagte habe ihrem Mann die Verletzung beigebracht. „Es gibt keine klaren Beweise“, räumte der Ankläger ein, der Prozess basiere einzig auf Indizien.

Widersprüchliche Aussagen

Adamski wies auch auf widersprüchliche Aussagen der Frau bei der Polizei und vor Gericht hin. Die Aussage des Mannes, dass es sich um einen Unfall gehandelt habe, ändere an den Ungereimtheiten nichts. „Er hat offenbar kein Interesse mehr an einer Strafverfolgung.“

Naturgemäß völlig anders bewertete Rechtsanwalt Harald Stehr den Prozessverlauf in seinem Plädoyer. „Natürlich wird nicht verkannt, dass die Frau mehrfach andere Angaben gemacht hat“, räumte er ein. Er stellte aber klar: „Die beiden führen eine Vorbildehe, dann ist etwas passiert und wir müssen herausfinden, was passiert ist.“ Für ihn  stellte sich der Verlauf des Abends so dar: Es gab einen Streit, weil die Frau eine eigene Kontoführung wollte, das Paar hatte getrunken, aber nicht sehr viel. Nach Stehrs Ansicht ging es dann so weiter: „Jetzt streiten sie sich heftig, dann sagte sie: ,Ich trenne mich von dir’, er redet sich in Rage, steht auf und stößt sich den Kopf.“

Schließlich sei er – einem alten Ritual der Eheleute folgend – in den Keller gegangen, um dort zu basteln und zu werkeln, sie hingegen ging nach oben und legte sich ins Bett. „Er sagt, er habe dann dieses Messer gefunden und gedacht, da bastelt er etwas damit.“ Kurz darauf sei der 83-Jährige gestolpert und auf die Rückenlehne der Couch in die Klinge gefallen – in der Hand das Messer. Erst Stunden später habe die Angeklagte nach ihrem Mann geschaut, weil er nicht ins Bett gekommen sei – und ihn dann gefunden, ausgezogen und die Nachbarn alarmiert. „Das passt alles viel zu gut, um es sich auszudenken.“ In Richtung Staatsanwalt gerichtet fügt er an: „Aber man glaubt, diese Frau geht nach 40 Jahren Ehe auf diesen Mann zu wegen einem blöden Konto und sticht ihm in die Brust.“

Anwalt prüft Rechtsmittel

Das letzte Wort hatte die 87-jährige Angeklagte: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich würde meinem Mann sowas niemals antun, wir sind so lange verheiratet, da sitzt er.“

Das Gericht glaubte der Frau nicht: Ein Jahr und zehn Monate, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung und 1800 Euro Geldstrafe verkündete Richterin Leberle. Für sie war klar: „Sie stach ihm in die Brust.“ Erst um 22.40 Uhr habe die Frau Hilfe geholt. Fotos aus dem Schlafzimmer hätten gezeigt, dass das Bett gemacht war, also sei die These, die Frau habe im Bett gelegen, so nicht haltbar. Auch seien auf dem Messer keinerlei Fingerabdrücke gefunden worden. „Der Geschädigte wäre beinahe gestorben, wenn er nicht noch ins Krankenhaus gekommen wäre.“

Die 87-Jährige und ihr Anwalt Harald Stehr prüfen nun, ob sie gegen das Urteil Rechtsmittel einlegen.