"Mit Begeisterung mache ich das natürlich nicht", stellt der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Gingen, Matthias Krauter, klar. Die Juristen des Oberkirchenrats prüfen derzeit, ob er beim Staatsgerichtshof in Stuttgart Verfassungsbeschwerde gegen das Urteil des Verwaltungsgerichtshofs (VGH) Mannheim einreichen soll. Letzterer hatte entschieden, dass die bürgerliche Gemeinde künftig nur noch ein Drittel des "Abmangels" zahlen muss, der aus dem Unterhalt des Turms, der Uhren, des Läutwerks und der Glocken der Johanneskirche resultiert; bisher steuerte sie fünf Sechstel (83,3 Prozent) bei. Eine Revision ließ der VGH nicht zu.

Dagegen erhob die Kirchengemeinde "Nichtzulassungsbeschwerde" beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, das den Antrag Mitte Juni ablehnte. Als "Rechtsbehelf" steht es Pfarrer Krauter nun allerdings frei, die Sache bis zum 3. August vor das Verfassungsgericht des Landes Baden-Württemberg zu bringen. Und obwohl sich die Landeskirche noch nicht endgültig geäußert hat, steht für ihn schon "mit hoher Sicherheit" fest, dass er "das durchziehen muss bis zum Schluss". Er könne das VGH-Urteil wegen der grundsätzlichen Bedeutung nicht hinnehmen. "Da steht nicht nur für uns, sondern auch für die beiden großen Kirchen im Land zu viel auf dem Spiel", sagte er am Mittwoch gegenüber der GEISLINGER ZEITUNG.

In diesem Sinne hat Pfarrer Krauter auch schon Bürgermeister Marius Hick informiert. Dieser wiederum unterrichtete den Gemeinderat am Dienstagabend beim Tagesordnungspunkt "Bekanntgaben" zum Schluss der Sitzung von der neuesten Wendung im Gingener "Kirchturmstreit". Gegenüber der GZ sagte Hick gestern, er sehe dem Ausgang des Prozesses optimistisch entgegen. Der Verwaltungsgerichtshof habe die Rechtsauffassung der bürgerlichen Gemeinde bestätigt, als er deren Beteiligung reduzierte, und das Bundesverwaltungsgericht habe die Beschwerde dagegen "erwartungsgemäß" zurückgewiesen. Da werde das Urteil wohl auch der Überprüfung durch den Staatsgerichtshof standhalten.

Den Anstoß zum Rechtsstreit hatte die umfassende Sanierung des Gingener Kirchturms im Jahr 2005 gegeben. Knapp 600 000 Euro hat sie gekostet, davon entfielen auf die bürgerliche Gemeinde gut 300 000 Euro. Den Rest brachten die Kirche und viele Spender auf. Dem damaligen Gemeinderat war der 83,3-prozentige Anteil am "Abmangel" (offene Kosten nach Abzug aller Spenden) indessen zu hoch. So versuchte er die Vereinbarung mit der evangelischen Kirchengemeinde, die auf ein Gesetz aus dem Jahr 1887 und eine Vermögens-Urkunde aus dem Jahr 1890 zurückgeht, zu kündigen. Die evangelische Kirchengemeinde widersprach, und so kam die Sache erst vor das Verwaltungsgericht in Stuttgart, das der Kirche Recht gab, und dann vor den Baden-Württembergischen Verwaltungsgerichtshof in Mannheim, der vor einem halben Jahr zugunsten der Kommune entschied (wir berichteten).

Dass sich Städte und Gemeinden an den Kosten für Kirchtürme, Kirchenuhren und Kirchenglocken beteiligen müssen, steht auch nach dem Verwaltungsgerichtshofs nicht zur Debatte. Im Falle Gingens reduzierte der VGH den Anteil allerdings deutlich. Welche Zeit die Turmuhr zeigt, sei heute längst nicht mehr so wichtig wie früher. Die Glocken brauche man als Alarmsignal auch nicht mehr. Dagegen profitiere die Gemeinde Gingen deutlich vom Kirchturm: Sie werbe mit dem "kunsthistorischen Kleinod" auf ihrer Internetseite und habe ihn sogar in ihr Wappen aufgenommen.

Die Kirchengemeinde argumentiert dagegen, bei der Urkunde von 1890, in der Gingen den Beteiligungssatz von fünf Sechsteln festschrieb, handle es sich nicht um einen Vertrag, der gekündigt werden kann. Sie sei vielmehr Teil des Gesetzes und könne daher nur durch ein neues Gesetz aufgehoben werden. Diese Ansicht hatte auch das Verwaltungsgericht Stuttgart vertreten.

Letztlich geht es dabei um viel Geld. Das Rathaus freute sich über das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, weil es nun wieder etwas mehr Luft im Etat hatte. Pfarrer Krauter sagte dagegen, er wisse nicht, wie lange sich die Kirchengemeinde den "Luxus" noch leisten könne, solch ein "aufwendiges Gotteshaus" zu unterhalten.

Etwas Ehrenrühriges sieht keine der beiden Seiten in dem Rechtsstreit. Solche Fragen müssten eben offen geklärt werden - "ohne dass es darüber zum Zerwürfnis kommt", wie Bürgermeister Hick betont.