Deggingen Kinder fischen Teller mit Hakenkreuz-Symbol aus der Fils

Deggingen / THOMAS HEHN 10.09.2016
Eigentlich sollte es nur eine Radtour durchs Täle sein. Es wurde es zu einer Reise in die Vergangenheit: Kinder haben einen Teller mit Hakenkreuz aus der Fils gefischt.

Hermann Dölger ist Lehrer an der Waldorfschule in Geislingen – und somit innovative Unterrichtsmethoden gewohnt. Was der 54-jährige Pädagoge jetzt mit seinen Kindern auf einer Radtour ins Täle erlebte, war selbst für ihn außergewöhnlich. Hier sein Bericht:

„Eigentlich sollte es eine Testfahrt werden: Kann unser Kleinster schon 20 Kilometer Fahrrad fahren? So brach ich mit drei Kindern – Maria (12), David (9) und Julian (6) – von Geislingen auf, um auf dem Tälesradweg bis nach Deggingen und zurück zu radeln. Um es vorweg zu sagen: der Kleine hat es locker geschafft und auch große Freude am Fahren. Aber auf dem Rückweg war es doch recht heiß. An der Filsbrücke bei Reichenbach hatte meine Tochter die Idee, doch die Füße in der Fils abzukühlen. Gesagt – getan: Wir haben die Sandalen ausgezogen, sind zum Wasser runtergeklettert – und es war wirklich herrlich kühl. Obwohl die Tochter im Uferbereich Wasserratten gesichtet hatte.

Wir waren vielleicht 20 Meter weit von der Brücke entfernt, da hob meine Tochter einen großen grau-grünlichen, ovalen Gegenstand aus dem Wasser. „Was für ein Schmutz!“, war mein erster Gedanke. Aber was die Kinder finden, will ja auch gewürdigt werden. Also inspizierte ich das komplett mit einer gut anderthalb Millimeter dicken Kalkschicht verkrustete und total verschlammte Ding. „Könnte ein Geschirr sein, vielleicht ein Servierteller“, war mein erster Eindruck. Der Versuch, die Kruste mit einem flachen Stein zu entfernen, war erfolgreich. Und so standen wir flugs zu viert mit Steinen um das Ding herum und kratzten. Und siehe da: Im Nu hatten wir einen perfekt erhaltenen, sauberen Servierteller in Händen.Wie lange der wohl schon in der Fils lag, dass er solch eine Schicht sammeln konnte?

Da haben wir den Teller umgedreht – und gestaunt: der Stempel unter der Platte hatte ein Hakenkreuz und den Reichsadler –aus dem dritten Reich, „Heinrich und Co 1936“ war noch aufgedruckt. Das wären also 80 Jahre! So alt ist zumindest der Teller. Wann er in der Fils versenkt wurde, stand leider nicht darauf. Aber nun hatte unsere Fahrradtour für mich und die Kinder eine ganz neue Dimension: Wir rätselten über die Umstände, wie so ein Teller in die Fils gerät. Ich stellte mir vor, wie ein Gastwirt nach Kriegsende die nicht mehr konformen „Altlasten“ entsorgen wollte, oder was der Teller mal serviert hat – Schweinebraten mit Spätzle und Soß?

Der Teller wanderte als Trophäe in meiner Fahrradtasche und überstand die Rückfahrt. Seitdem wird die Sensation allen Besuchern gezeigt und die außergewöhnlichen Umstände des Fundes erzählt. Ansonsten steht er nun bei mir zu Hause – unser „Hitlerteller“. „Wie neu und gebrauchsfertig, aber auch mit dem verfemten Symbol darunter. Darf man so etwas benutzen? Oder gehört es höchstens in ein Museum, wo es zur Dokumentation von Zeitgeschehen ein Hakenkreuz tragen darf? Ich habe mich für die lockere, unbeschwerte Haltung entschieden und nach gründlichem Spülen erst einmal Mozarellatomaten für alle darauf präsentiert – sah gar nicht schlecht aus. Wir haben jetzt ein neues Stück Haushaltsinventar mit besonderer Geschichte. Vielleicht kann das ja auch Motivation sein für  meine Kinder, wenn es im Schulunterricht um diese Zeit geht.“

Aufruf: Neben dem außergewöhnlichen Zeitzeugnis für den Geschichtsunterricht würde nicht nur Hermann Dölger, sondern auch die GEISLINGER ZEITUNG gerne wissen, was es mit dem mysteriösen Teller auf sich hat. Vielleicht fällt einem alten Reichenbacher oder Degginger (aus der Richtung muss er angeschwemmt worden sein) dazu etwas ein? Einfach  Montag ab 10 Uhr anrufen, Telefon (07331) 2 02-44 oder mailen: t.hehn@swp.de