Interview Keller will Bürger mehr mitnehmen

Klares Ja zum Gewerbepark Strut und zur Schaffung von Wohnraum: Bürgermeister Eberhard Keller sieht Ebersbach bei der Bürgerbeteiligung auf einem guten Weg.
Klares Ja zum Gewerbepark Strut und zur Schaffung von Wohnraum: Bürgermeister Eberhard Keller sieht Ebersbach bei der Bürgerbeteiligung auf einem guten Weg. © Foto: Staufenpress
Am 14 / Ingrid Zeeb 17.08.2018

Am 14. August jährt sich der Amtsantritt von Eberhard Keller als Ebersbacher Bürgermeister zum ersten Mal. Wir haben mit ihm über seine erstes Jahr im Amt gesprochen.

Herr Keller, werden Sie ihr einjähriges Bürgermeister-Jubiläum feiern?

Eberhard Keller: Am Tag meines Amtsjubiläums werde ich im Urlaub in Island sein und dort auf das Jubiläum anstoßen, das erste Jahr Revue passieren lassen. Eine Flasche Sekt werde ich dort angesichts der skandinavischen Preise eher nicht köpfen. Da kommt dann doch meine schwäbische Seele durch.

Rechtzeitig zu Ihrem Amtsantritt sind Sie nach Ebersbach gezogen. Was hat sich seither für Sie geändert?

Im Privatleben so ziemlich alles. Die Zeit für private Unternehmungen ist sehr stark zusammengeschrumpft. Gerade auch an den Wochenenden, an denen zahlreiche Termine auf Festen anstehen. Aber es macht Spaß, mit den Ebersbacherinnen und Ebersbachern zusammen zu feiern. Aus diesen Begegnungen ziehe ich auch viel Energie für meine Amtsführung.

Sie traten an mit dem Ziel, frischen Wind nach Ebersbach zu bringen. Wie groß waren die Widerstände?

Ich bin gestartet mit dem Ziel, Prozesse transparenter zu machen und die Bürgerinnen und Bürger bei Entscheidungen mehr miteinzubeziehen und mitzunehmen. Es ist auch für Teile der Verwaltung eine Umstellung, so zu arbeiten. Also Prämissen nicht vorher schon festzuzurren, sondern nur einen Rahmen zu setzen und die weitere Ausgestaltung einem offenen Prozess zu überlassen. Das ist schon ein Kulturwandel, doch die Ergebnisse des ISEK, des Integrierten Stadtentwicklungskonzepts, geben diesem Vorgehen Recht. Ich wünsche mir, dass wir versuchen, auf diesem Weg weiterzugehen.

Sie haben Ihr Amt in einer für Ebersbach angespannten finanziellen Lage übernommen und bereits in Ihrer Antrittsrede die Bürger darauf eingestimmt, von Wunschträumen Abstand zu nehmen. Kam das an?

Das wurde erst einmal so registriert. Breite Widerstände gegen diese Aussage gab es nicht, weil wir zum Beispiel beim ISEK-Prozess die Schwerpunkte der Stadtentwicklung identifizieren und in einer breiten Bürgerbeteiligung nach einem Konsens suchen. Hier wird sich zeigen, was in der Prio­ritätenliste dann nach unten rutscht oder was auf später verschoben werden muss.

Was konkret könnte nach unten rutschen?

Realistischerweise müssen wir eine Diskussion über die Frage nach der weiteren Ausgestaltung eines Sportzentrums am Raichberg führen. Das Ziel ist sicher sehr wünschenswert und sinnvoll, aber wir sind hier schon seit Jahrzehnten einer Verwirklichung nicht näher gekommen. Auch liegt die Priorität beim Grunderwerb derzeit auf der Unteren Strut, um den Gewerbepark Fils realisieren zu können.

Sind Sie manchmal froh darüber, dass der Protest gegen den gemeinsamen Gewerbepark Fils vor allem Ihren Uhinger Amtskollegen Matthias Wittlinger trifft?

Froh natürlich nicht. Mein Kollege Matthias Wittlinger steht nicht nur als Bürgermeister, sondern auch als Vorsitzender des gemeinsamen Zweckverbandes im Fokus. Es ist ein gemeinsames Vorhaben, das für beide Kommunen extrem wichtig ist. Bei der Bürgerbeteiligung zum Stadtentwicklungsprozess in Uhingen wurde die Strut als Standort festgezurrt. Deswegen glaube ich, dass auch die Mehrheit der Uhinger hinter dem Projekt steht. In Ebersbach besteht ein breiter Konsens, dass wir das Gewerbegebiet brauchen. Das wurde bereits bei der Bürgermeisterwahl deutlich, und auch im Rahmen der Bürgerbeteiligung zum ISEK kam weiterer Rückenwind für den Gewerbepark Fils.

Welche Folgen hätte es für Ebersbach, wenn das Gewerbegebiet nicht käme?

Wir würden absehbar eine weitere Abwanderung von Firmen bekommen, die dann keine Chance haben, sich in der Stadt zu vergrößern. Und es würde uns auch nicht gelingen, weitere Firmen nach Ebersbach zu holen. Wir brauchen die Gewerbesteuereinnahmen, um unsere Infrastruktur wie Schulen, Kindertageseinrichtungen, das Freibad, aber auch unsere Straßen, in gutem Zustand erhalten zu können. Wir brauchen diese Flächen auch, um den Strukturwandel zu bewältigen. Wir müssen parallel zum Bestehenden schon das Neue aufbauen, und dafür brauchen wir Platz.

Viele Ebersbacher haben bei der Bürgermeisterwahl bewusst Sie als auswärtigen Bewerber gewählt. Hilft Ihnen diese Unabhängigkeit?

Tatsächlich kann man als Auswärtiger unbefangener an viele Dinge herangehen. Das gefällt natürlich nicht jedem, aber genau das war einer der Gründe, warum die Wähler einen Auswärtigen wollten.

Und Ihr SPD-Parteibuch?

Das spielt keine übergeordnete Rolle. Bürgermeister ist kein Amt, in dem man Parteipolitik macht. Natürlich spiegelt die Parteimitgliedschaft meine Grundhaltung, aber die Themen, die ich nach oben auf die Agenda gesetzt habe, entspringen den Notwendigkeiten der Stadtentwicklung, sie haben mit Parteipolitik nichts zu tun.

Der Bau der Mehrzweckhalle in Bünzwangen steht an. Der Erhalt der bestehenden Infrastruktur verschlingt eine Menge Geld, und jetzt muss Ebersbach auch noch zwei Kindergärten bauen. Wie schaffen Sie das?

Das wird man nur durch eine Fokussierung der Finanzmittel schaffen. Wobei das Stemmen der Investitionen noch darstellbar ist. Aber wir haben jetzt das Neue Kommunale Haushaltsrecht, nach dem wir die Abschreibungen erwirtschaften müssen. Das kommt auch in der kommunalpolitischen Diskussion oft zu kurz. Das ist strukturell das viel größere Problem. Bei den Kindergärten gibt es den gesetzlichen Anspruch, wir wollen aber auch eine gute pädagogische Qualität.

Im Stadtlabor konnten Bürger ihre Wünsche zum integrierten Stadtentwicklungsprozess einbringen. Wie war die Resonanz?

Überwältigend. Es freut mich sehr, welch großes Interesse die Bürgerinnen und Bürger an der Weiterentwicklung ihrer Stadt haben. An den Öffnungstagen kamen jedesmal zwischen sechs und 20 Interessierte. Das lief viel besser, als solche Projekte in anderen Kommunen laufen. Die Leute waren teilweise hervorragend vorbereitet. Es kamen so viele fundierte und gute Anregungen, dass wir mit der geplanten wöchentlichen Dokumentation gar nicht hinterherkamen. Die Ergebnisse werden wir nun in Ruhe aufarbeiten.

Was liegt den Bürgern besonders am Herzen?

Sehr oft kam das Thema Grüne Stadt, und sehr oft kam der Wunsch, Autoverkehr zu verlangsamen und den Radverkehr weiter zu fördern. In die Diskussion um die Schaffung von weiterem Wohnraum, zum Beispiel durch Nachverdichtung, wird man noch einmal tiefer einsteigen müssen. Fakt ist, dass wir einen steigenden Bedarf an Wohnraum haben, auch das wurde deutlich thematisiert.

Widerstand formiert sich immer öfter gegen Wohnbauprojekte. Wie kann man da Konsens herstellen?

Das ist in der Tat ein Konflikt. Einerseits wurde der Wunsch nach Grünflächen in der Stadt geäußert, andererseits auch der nach bezahlbarem Wohnraum. Und wir reden da noch lange nicht von gefördertem sozialem Wohnungsbau, sondern von bezahlbaren Wohnungen, zum Beispiel für die Verkäuferin oder die Arzthelferin, die wie viele andere auch fast nicht mehr in der Lage sind, sich vernünftigen Wohnraum leisten zu können. Hier müssen wir gemeinsame Lösungen finden.

Wie geht es beim ISEK-Prozess weiter?

Wir werden den Sommer über die Ergebnisse zusammenfassen, die Schwerpunkte herausdestillieren und diese in einer Gemeinderatsklausur im September besprechen. Dann werden wir die Schwerpunkte herausdestillieren. Wir werden zuerst die Projekte identifizieren, die man sehr schnell umsetzen kann. Ebenso solche, die eine Gesamtbedeutung haben, auch außerhalb von ISEK. Zum Beispiel werden bei Entscheidungen über ökologische Ausgleichsmaßnahmen für den Gewerbepark Fils Synergien mit dem Wunsch nach mehr Grün entstehen. Man muss hier auch das Große und Ganze im Blick behalten.

Stichwort 850 Jahre Ebersbach. Sie haben mal gesagt, Sie wünschen sich, dass die Jubiläumsfeier 2020 nicht daherkommt wie aus dem vorigen Jahrhundert. Sind Sie zufrieden mit den Plänen?

Ein klares Ja. Inzwischen liegt ein rundes und vielfältiges Programm vor, das für jeden etwas bietet. Neben dem großen Fest am Stadtfestwochenende wird es zahlreiche weitere Feiern und
Aktionen geben, von historisch bis modern, die die gesamte Vielfalt und das großartige ehrenamtliche Engagement unserer Stadt mit ihren Stadtteilen widerspiegeln.

Von Stuttgart nach Ebersbach

Eberhard Keller wurde am 28. Mai 2017 im zweiten Wahlgang zum Bürgermeister von Ebersbach gewählt. Der 46-Jährige ist in Stuttgart-Weilimdorf aufgewachsen. Zuvor war er seit 2008 bei der Stadtverwaltung Mannheim im Kontaktbüro zur Landesregierung beschäftigt. Studiert hat er Geschichte, Medien- und Kommunikationswissenschaften und Soziologie in Halle an der Saale und war danach noch wissenschaftlicher Mitarbeiter. Seit August 2017 wohnt Eberhard Keller in Ebersbach.

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