Porträt Keine Angst vor dem Unbekannten

Marga Lorch spricht schnell und ist flink im Kopf. Das Bild zeigt die 80-Jährige in der Stube ihres Hauses in Schlierbach.
Marga Lorch spricht schnell und ist flink im Kopf. Das Bild zeigt die 80-Jährige in der Stube ihres Hauses in Schlierbach. © Foto: TOBIAS FLEGEL
Schlierbach / TOBIAS FLEGEL 04.04.2018

Marga Lorch steht unter Strom. „Ich bin schnell, und ich rede schnell“, sagt sie über sich. Der Bewegungsdrang und der Redefluss der Frau aus Schlierbach bleiben dem Gegenüber nicht lange verborgen: Während des Gesprächs steht die 80-Jährige immer wieder von ihrem Stuhl auf, um dem Zuhörer etwas zu zeigen und wenn sie spricht, lässt sie sich dabei auch nicht so leicht unterbrechen.

Überhaupt lässt sich Marga Lorch das Wort wahrscheinlich nicht so leicht verbieten. Das dürfte vor einiger Zeit auch ein bis dahin ausschließlich männlich geprägtes Gremiums schnell gemerkt haben, als ein neues Mitglied zu ihnen gestoßen war: „Ich war die erste Frau im Kirchengemeinderat“, berichtet Lorch. Diese Überzahl scheint sie keineswegs eingeschüchtert zu haben, denn sie war insgesamt 36 Jahre Mitglied in der Interessenvertretung der Gläubigen in Schlierbach. Für ihr ehrenamtliches Wirken hat sie die evangelische ­Landeskirche mit der Johannes-Brenz-Medaille ausge­zeichnet.

Die Anerkennung ist eine von etlichen, die Marga Lorch in den vergangenen Jahren für ihren vielfältigen Einsatz bekommen hat. Von der Gemeinde Schlierbach hat sie eine Ehrenurkunde für ihren Einsatz bekommen, und die Diakonie verlieh ihr das Goldene Kronenkreuz für ihre Unterstützung am Stützpunkt im Ort. „Ich habe 13 Jahre die Buchhaltung gemacht“, berichtet Lorch. Eine Steuerberaterin habe sie darauf angesprochen, ob sie diese Aufgabe vier Stunden in der Woche übernehmen könne. Doch bei der Buchhaltung allein blieb es nicht: „Ich habe die ganze Station mit aufgebaut“, sagt Lorch. Sie habe Möbel für den Diakonie-Stützpunkt gekauft und die Arbeit im Büro von Papier auf Computer umgestellt.

Eine andere Tätigkeit hat ihr die Frau eines früheren Pfarrers in Schlierbach vorgeschlagen. Gertrud Harzer regte Marga Lorch dazu an, eine berufsbegleitende Ausbildung zur Katechetin auf der Karlshöhe in Ludwigsburg anzufangen. Die Angesprochene ging auf den Vorschlag ein und schloss die Ausbildung ab. Anschließend unterrichtete Marga Lorch an Haupt- und Realschulen in Ebersbach, Schlierbach, Roßwälden und Weiler insgesamt 23 Jahre lang bis 1999 das Fach evangelische Religion.

Ständig bereit zu sein, Neues zu lernen, hält die einstige Lehrerin für wichtig. „Bildung ist das A und O im Leben“, sagt Lorch. Wer immer wissbegierig bleibe, den halte diese Einstellung jung. Sie räumt aber ein, dass sie manchmal an ihren Mitmenschen zu verzweifeln droht: „Manche Leute sind so verbohrt und unwissend – und das wird nicht besser“, klagt Lorch. Die Bewahrung und Weitergabe von Wissen pflegt die Schlierbacherin bei einer weiteren ihrer Tätigkeiten. Sie ist eine der Autorinnen, die Beiträge für die „Schlierbacher Geschichten“ schreiben. In den Ausgaben der Reihe beschreiben Einheimische, wie die Menschen früher im Ort lebten und veranschaulichen damit den Wandel der Zeit.

Was eine Frau bewegen kann, hat Marga Lorch schon mehrfach bewiesen. „Den Weihnachtsmarkt vor dem Rathaus habe ich vor 25 Jahren gegründet“, sagt sie. Zusammen mit anderen Frauen aus der Kirchengemeinde verkaufte sie Selbstgestricktes und Selbstgebasteltes für die Adventszeit sowie Gebäck und andere Leckereien. Der Erlös sollte dazu beitragen, dass ein neues Gemeindehaus gebaut werden kann – und dieses Ziel erreichten Lorch und ihre Mitstreiterinnen. „In fünf Jahren haben wir 80 000 Euro herbeigeschafft für das Gemeindehaus“, berichtet sie.

Nachdem das Geld für einen Neubau ausreichte, stellten die Frauen den Weihnachtsmarkt nicht ein: Bis heute verkaufen sie an einem Tag im Dezember vor dem Rathaus selbst gefertigte Haus- und Handschuhe, Strohsterne, Kerzen und Bastelarbeiten sowie Früchtebrot, Marmelade und Likör. Genau 1000 Euro sind bei dem Verkauf der Dinge auf dem Weihnachtsmarkt in diesem Jahr zusammengekommen.

Ebenfalls auf das Konto von Marga Lorch geht ein Flohmarkt und ein Kaffeenachmittag, die sie zusammen seit sieben Jahren in ihrer Scheuer und ihrem Garten veranstaltet. „Es hat sich so eingebürgert, dass die Leute mir ihre Sachen für den Verkauf bringen“, erklärt sie das Prinzip des Flohmarkts. Den Kaffeenachmittag wiederum habe sie ins Leben gerufen, weil es kein Café in Schlierbach gebe.

Mit 80 Jahren tritt Marga Lorch etwas kürzer als vor einigen Jahren, doch umtriebig ist sie noch immer. Sie fährt immer noch regelmäßig nach Nürtingen, um dort in der Seniorenanlage Kroatenhof für das Musikangebot für die Bewohner zu sorgen. Bei diesem Einsatz für andere belässt sie es aber nicht: Seit mehreren Jahren schaut sie nach einem psychisch kranken Mann, der im Christophsbad untergebracht ist.

Mit diesem Dienst am Nächsten will sie ihren Mitmenschen etwas Gutes tun, denn ihren eigenen Mann habe sie nicht pflegen müssen: Der sei 1996 einfach tot umgefallen. „Ich dachte, deshalb sorgst Du für andere“, erklärt Marga Lorch ihren Einsatz für andere.

Porträtreihe über starke Frauen im Landkreis

Jubiläum In diesem Jahr feiert der Landkreis Göppingen seinen 80. Geburtstag, zudem wird das Frauenwahlrecht 100 Jahre alt. Die NWZ veröffentlicht aus diesem Anlass die Porträtreihe „Starke Frauen“, die im Landkreis als „Heldinnen des Alltags“ oft im Verborgenen Großartiges leisten. Ob die Pflege von Angehörigen, herausragende Leistungen als Unternehmerin, Künstlerin, Politikerin und Sportlerin oder unermüdliches Engagement im Ehrenamt – die Serie soll Frauen und ihre Arbeit zeigen. Bisher wurden in dieser NWZ-Serie Ilse Birzele, Barbara Küpper, Susanne Weißkopf, Caroline Märklin, Lena Urbaniak, Claudia A. Schlürmann, Angeline Fischer und Margret Hofheinz-Döring vorgestellt.

Kooperation Die Serie „Starke Frauen“ erscheint in Zusammenarbeit mit der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Göppingen, Lidwine Reustle, dem Kreisfrauenrat und der Geislinger Zeitung. Die Frauen-Porträts erscheinen in loser Folge das ganze Jahr über.

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