Bahnprojekt Durchstich am Boßlertunnel

Aichelberg / Jürgen Schäfer 08.06.2018
Groß gefeiert hat die Bahn am Freitag den Durchstich des Boßlertunnels am Buch hoch über dem oberen Filstal. Hunderte Besucher erlebten einen „Live-Durchbruch“ der Tunnelbohrmaschine.

Große Feier auf einem Aussichtspunkt, der sonst nicht zugänglich ist: Die Gäste stehen dichtgedrängt am Ostportal des Boßlertunnels, 80 Meter über dem Filstal, hinter ihnen die mächtige Brückenbaustelle. Mit Bussen wurden sie von Aichelberg heraufgebracht, über Baustraßen ging’s hoch zum Tunnel, das letzte Stück fährt der Bus rückwärts. Die Musikkapelle aus Laichingen spielt auf. Es gilt den Durchstich der zweiten Röhre zu feiern. Zweimal 8806 Meter sind geschafft. „Großer Bahnhof“, kommentiert der Göppinger Landtagsabgeordnete Alex Maier (Grüne) das Geschehen. „Ein ereignisreicher Tag, der in die Geschichte eingeht“, sagt der Aichelberger Bürgermeister Martin Eisele. Er hat am anderen Ende der Strecke die Großbaustelle für „Käthchen“ vor der Tür, sie brachte ihm manche Beschwerden, aber auch Gewerbesteuer. Letzteres bleibt der Gemeinde noch eine Weile, der Tunnel steht erst im Rohbau.

Die Fahnen von Europa, Deutschland und Baden-Württemberg hängen am Tunneleingang. Bahn-Vorstand Ronald Pofalla betont die europaweite Bedeutung der ICE-Neubaustrecke. 35 Millionen Menschen lebten in diesem Korridor, von den vernetzten Verkehren profitierten über zehn Millionen Fahrgäste. Die Bahn peile an, die Strecke bis Wendlingen Ende 2022 in Betrieb zu nehmen. Drei Jahre später solle dann Stuttgart 21 kommen.

Freude auch bei Landes-Verkehrsminister Winfried Hermann. Die Neubaustrecke sei „weitgehend stabil“ bei Bauzeit und Kosten. Das Land beteilige sich mit 950 Millionen, die EU mit 550 Millionen, der Bund mit der Hälfte der 3,7 Milliarden. Es sei ja paradox: Das Land habe Geld gebracht, damit die Neubaustrecke nicht auf die lange Bank gerate. Jetzt habe man die Neubaustrecke und noch keinen Stuttgarter Tiefbahnhof.

„Schon sehr beachtlich“ sei das Bautempo auf der Alb, lobt Hermann. In sechs Jahren seit dem ersten Baggerbiss bei Dornstadt seien drei Viertel der Röhren gebohrt. Man wolle die Strecke so gut wie möglich nutzen, sehr wahrscheinlich mit einem Fern- und einem Nahverkehrszug pro Stunde. „Dazu gehört auch der Bahnhof Merklingen“, so Hermann. Den werde man notfalls für Pendelverkehr nach Ulm nutzen.

Ein „Live-Durchbruch“ wird angekündigt – etwas Besonderes. Normalerweise stehe die Tunnelbohrmaschine bei einem Durchbruch Gewehr bei Fuß. In diesem Fall wurde es ein Wettlauf gegen die Zeit. Vor Wochen hieß es noch: „Maschine steht; wir haben noch 450 Meter zu gehen“, verrät ein Eingeweihter. Letzte Woche dann die Meldung: „Es kommen immer mehr Verschleißteile auf dem Förderband raus.“ Aber die Mineure schafften es dann, fast auf den letzten Drücker.

Wer da alles Anteil hat: Ringbauer und Lokfahrer, Bandpfleger und Schlosser, die Leute von der Werkstatt, die „die Käthe liebevoll geschmiert haben“, die Ingenieure von der „Krawattenburg“, die Sicherheitsleute und und und. Die Patin der Tunnelbohrmaschine, Gabriele Breidenstein, zählte sie alle auf. Der Tunnelbau-Seelsorger schließt sich an, er betet mit den Gästen das Vaterunser und dankt Gott,  „dass nichts passiert ist“, ein Altar steht im Tunnelmund. Die Musikkapelle spielt „Großer Gott, wir loben dich.“

Dann der Durchbruch. Ein tiefes Rumpeln und Wummern, ein Knirschen und Prasseln an der Stollenwand in vielleicht 20 Meter Tiefe. Das 11,39 Meter große Schneidrad von Käthchen tritt noch einmal in Aktion, es frisst sich durch den letzten halben Meter. „Käthchen erblickt das Licht der Welt“, sagt  Patin Breidenstein poetisch. Unzählige Handys werden gezückt, den historischen Moment zu fotografieren. Daraus wird dann ein Dreiviertelstunde, die Zuschauer erleben den feinen Staub des Bergbaus, es folgt ein Glitzer-Schnipsel-Regen und hymnische Musik.

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