Halzhausen Joseph Muys: Ein Europäer mit belgischem Pass

Joseph Muys zog mit 28 Jahren von Paris in die schwäbische Provinz - der Kulturschock war groß.
Joseph Muys zog mit 28 Jahren von Paris in die schwäbische Provinz - der Kulturschock war groß. © Foto: Kathrin Bulling
Halzhausen / KATHRIN BULLING 19.03.2014
GZ-Serie zur Europawahl: Joseph Muys versteht sich als Europäer. Der 62-jährige Belgier ist der Liebe wegen vor 34 Jahren nach Deutschland gekommen.

Trotz mancher Mentalitätsunterschiede fühlt er sich im Schwäbischen sehr wohl. Von Grenzen hält Joseph Muys nicht viel - das hat ihn seine eigene Geschichte gelehrt: Der 62-Jährige wuchs in Zwevegem in der belgischen Region Westflandern auf, die französische Grenze ist nur 20 Kilometer entfernt. Als Flame war Muys schon früh mit anderen Sprachen und Kulturen konfrontiert: Seine Muttersprache ist Niederländisch, ab dem achten Lebensjahr lernte er zudem Französisch, die zweite Amtssprache des Landes. Im Gymnasium kam, als dritte Amtssprache, Deutsch hinzu. Ideologisch waren die Grenzen im vom Sprachenstreit geprägten Belgien hoch, doch Muys lernte von seinen Eltern, sich von nichts abhalten zu lassen: Sie waren die ersten im Dorf, die ihre sechs Kinder auf die Universität schickten. "Früher konnten nur die Akademikerkinder studieren. Meine Eltern haben sanft dagegen rebelliert", sagt Muys stolz.

Er studierte Automation und wusste schon früh: "Ich will raus, ich will was erleben." So reiste er als Teenager mit einer französisch-deutschen Jugendgruppe für Sommerfreizeiten nach Chamonix und arbeitete nach dem Studium jahrelang in Brüssel und Paris. Mit Aufträgen für die Einrichtung von Firmennetzwerken kam er in ganz Europa herum, besuchte auch Deutschland und war begeistert von den vielen Erfahrungen.

Die Aufenthalte in Chamonix hatten derweil nicht nur seine Leidenschaft fürs Bergsteigen geweckt, sondern ihn, mit damals 28 Jahren, auch mit seiner deutschen Frau zusammengeführt. "Wir haben auf dem gleichen Campingplatz gezeltet und Touren zusammen gemacht - daraus ist dann mehr geworden", erzählt er lächelnd.

Muys beschloss, "genug geschaut" zu haben und zog zu seiner Frau. Zuerst lebten die beiden in Ulm, Anfang der 1980er Jahre bauten sie dann ihr Haus in Halzhausen; die beiden haben zwei Kinder.

Die erste Zeit in der schwäbischen Provinz bedeutete eine krasse Umstellung, "vor allem, wenn man Brüssel und Paris gewohnt war", sagt Muys amüsiert. Er erinnert sich an die ersten Erlebnisse: "Samstags ab 14 Uhr waren die Städte tot. Und wenn man um 21 Uhr ein Restaurant betrat, musste erst in der Küche nachgefragt werden, ob es noch etwas zu essen gibt."

Es fällt Muys schwer, seine Eindrücke in Worte zu fassen, auch, weil er nicht falsch verstanden werden will: "Die Internationalität war noch nicht so gegeben. Alles war irgendwie geistig beengt", meint er. Er habe ein großes Hörigkeitsgefühl gespürt; in den Zeitungen habe man lauter "vorverdaute", polarisierende Nachrichten gefunden - "in Belgien war das anders, da wurde man immer dazu angehalten, sich selbst ein Bild zu machen", sagt er. "Wir haben viel in und für die Gemeinschaft gemacht, aber es gab trotzdem mehr Individualität als hier."

Die Null-Bock-Mentalität der deutschen Jugendlichen in den 1980er Jahren habe ihn sehr gestört, sagt er. Das habe sich aber glücklicherweise zum Positiven geändert. Das gelte auch für alles andere: "So wie sich Ulm und die Region entwickelt haben - Kompliment."

Muys lebte sich rasch ein: Als Leistungsturner fand er Anschluss im Verein, zehn Jahre lang war er zudem Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in Halzhausen, bis es der Beruf nicht mehr zuließ.

Zwar liest der 62-Jährige aufmerksam französischsprachige Zeitungen, und auch Pommes, das Nationalgericht der Belgier, gibt es regelmäßig. Aber seine Heimat besucht Muys nur noch gelegentlich. Dabei werden ihm die Unterschiede deutlich, die sich nach vielen Jahren in Deutschland abgeschliffen haben: "In Belgien dauert es keine fünf Minuten, bis man angesprochen wird. Die Menschen sind sehr aufgeschlossen." Hier sei es schwierig, Kontakte zu knüpfen.

Muys hat auch nach 34 Jahren in Deutschland seinen belgischen Pass behalten. Die Nationalität ist für ihn nebensächlich, das komme vielleicht daher, dass er schon als Kind in den Benelux-Staaten gelebt habe, meint er: "Ich bin Europäer. Wir zahlen alle Steuern und haben die gleichen Rechte und Pflichten."

Kritik an der EU sei sicher manches Mal berechtigt, "aber es gibt keine andere Wahl als Europa", meint er. "Dafür sind die Verflechtungen mittlerweile zu groß. Und ohne Europa würde alles bloß wieder in Kleinstaaterei enden."

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