„Habt ihr’s schon gehört? Der M. hat eine auf die Nuss gekriegt.“ In Windeseile sprach sich am Freitagabend unter den Uhinger Stadträten herum, was sich vor der Hieberschule abgespielt hatte, während das Gremium in der Mensa nichtöffentlich tagte. Der Lokalpolitiker hatte in der Sitzungspause Recht: Mit Hilfe eines Polizeihunds war der stadtbekannte, mehrfach verurteilte Neonazi M. daran gehindert worden, mit weiteren Rechtsextremisten eine Kundgebung der Antifa anzugreifen. Die Linken waren gekommen, um zu verhindern, dass die Neonazis wieder an die Gemeinderatssitzung teilnehmen, wie es zuvor schon der Fall war.

Der einzige Tagesordnungspunkt war die geplante Unterbringung von 50 Asylbewerbern im ehemaligen Gasthof Nassachmühle – was am Ende auch einstimmig beschlossen wurde. „Wir werden dafür sorgen, dass die Nazis hier keinen Fuß auf die Straße kriegen“, kündigte ein Redner vor etwa 60 Demonstranten zu Beginn der Kundgebung an. Bis auf den Platz vor der Schule schafften es die Rechtsextremen zwar nicht, allerdings versuchten sie mehrfach, dorthin zu gelangen und die Antifaschisten anzugreifen.

Als es bereits stockdunkel war, stürmten mehrere Gruppen von Polizisten die Schulstraße hinunter in Richtung der Filsbrücke südlich der Schule. Etwa acht bis zehn Rechte hatten versucht, auf diesem Weg zur Kundgebung zu gelangen, wurden von den Polizeikräften aber über die Brücke abgedrängt. Zur gleichen Zeit versuchte M. mit weiteren Neonazis den Platz von Norden aus zu stürmen, auch diese kleinere Gruppe wurde von der Polizei mit Hilfe eines Hundes abgedrängt.

Schließlich sammelten sich die vermummten Rechtsextremisten an der Ulmer Straße, schräg gegenüber der Aral-Tankstelle, bewacht von einem größeren Aufgebot der Polizei, insgesamt waren an dem Abend 50 Beamte im Einsatz. Den Platz der Kundgebung durfte zu diesem Zeitpunkt kein Teilnehmer mehr verlassen. Als die Polizisten dann die Gruppe stadtauswärts eskortierten, rannten wie auf Kommando plötzlich alle Neonazis durch den Feierabendverkehr über die Ulmer Straße, weil sie auf der anderen Seite einige Linke ausgemacht hatten. Doch die Polizei war schneller und fing die Gruppe wieder ein, bevor es zu einer Eskalation kommen konnte. Mehrfach kam es wegen der Störenfriede zu Staus auf der Ulmer Straße.

Um 18.20 Uhr rückte dann die Feuerwehr an, um den Platz vor der Schule mit einem Lichtmast auszuleuchten – sehr zum Missfallen der Kundgebungsteilnehmer, waren doch nun wegen des Stromgenerators die Reden fast nicht mehr zu verstehen. Am Rand stehend betrachtete der Ortsvorsteher von Nassachtal und Diegelsberg, Eberhard Hottenroth, die Szenerie. Er berichtete von einer dunkelhäutigen Frau mit kleinem Kind, die neben ihm auf dem Bürgersteig gelaufen war und sich beim Anblick der Nazis nicht mehr weitergetraut hatte.

Der Gemeinderat beschloss schließlich einstimmig, wie vorgesehen 50 Flüchtlinge im ehemaligen Gasthof Nassachmühle unterzubringen. Das Thema war auch auf einer Bürgerversammlung erörtert worden und hatte für viele Diskussionen gesorgt.

Anschließend zogen viele der Antifaschisten in Richtung Bahnhof. Als sie den Rewe-Markt passierten, vermummten sich dort auf dem Parkplatz gerade die Neonazis – die Polizei hielt die Gruppierungen auseinander. Nach Angaben eines Polizeisprechers flüchteten die Rechten schließlich in den Supermarkt. Gegen 21 Uhr war der Polizeieinsatz weitgehend abgeschlossen.