Haft IQ4You-Geschäftsführer muss für drei Jahre in Haft

Da war er noch voller Elan bei der Planung seines Festivals: Stefan Tönnesmann im GZ-Interview vor sieben Wochen.
Da war er noch voller Elan bei der Planung seines Festivals: Stefan Tönnesmann im GZ-Interview vor sieben Wochen. © Foto: Markus Sontheimer
KARSTEN DYBA 18.06.2015
Stefan Tönnesmann, umtriebiger Dosenabfüller und Festival-Organisator, muss wegen Untreue und Steuerhinterziehung für drei Jahre ins Gefängnis. Dieses Urteil sprach das Landgericht Koblenz am Mittwoch. Mit einem Kommentar von Karsten Dyba.
Die E-Mail eines Branchenmagazins verbreitete die Nachricht zumindest unter Branchenkennern schnell: Stefan Tönnesmann und zwei weitere Komplizen sind nach nur zwei Verhandlungstagen verurteilt worden. Den Angeklagten wurde Untreue in zwei Fällen und Steuerhinterziehung in vier Fällen vorgeworfen. Sie seien weitgehend geständig gewesen, bestätigte gestern der Leiter der Zentralstelle für Wirtschaftsstrafsachen in der Koblenzer Staatsanwaltschaft, Hans-Peter Gandner. „Das Gericht ist dem Antrag der Staatsanwaltschaft gefolgt“, teilte der Oberstaatsanwalt mit. Er halte das Urteil für „absolut gerechtfertigt“.

Das Verfahren laufe schon seit zwei Wochen, berichtete die Staatsanwaltschaft. Der 52-jährige Tönnesmann wurde zu drei Jahren ohne Bewährung verurteilt. Die beiden Mitangeklagten kamen mit zwei Jahren Haftstrafe auf Bewährung und hohen Geldstrafen davon.

Das Gericht war davon überzeugt, dass Tönnesmann bei seinem früheren Arbeitgeber, der Rhodius Mineralquellen in Burgbrohl in der Eifel, rund 2,7 Millionen Euro veruntreut hat. Wie Oberstaatsanwalt Gandner berichtete, soll Tönnesmann in den Jahren 2007 bis 2012 im Namen der Firma Rhodius Dosengeschäfte über eine Domizilgesellschaft in Hongkong abgewickelt haben. Von dieser erhielt er dann ohne Wissen seines Arbeitgebers eine Rückvergütung.

Wie hoch die Steuerschuld ist, wollte Gandner nicht sagen, da diese Information unter das Steuergeheimnis falle. Bei den Mitangeklagten handele es sich nach Auskunft der Staatsanwaltschaft um den Prokuristen einer Berliner Firma sowie den Inhaber der Briefkastenfirma in Hongkong.

Tönnesmanns Partner bei IQ 4 You, Christian Becker, hatte am Mittwochabend telefonisch mitgeteilt, dass sein Geschäftsführer mit sofortiger Wirkung aus dem Unternehmen ausscheidet. Gleichzeitig hat er das von Tönnesmann organisierte Überkinger Festival abgesagt, das vom 10. bis 12. Juli im Abfüllwerk hätte stattfinden sollen.

Tönnesmann war vor zwei Jahren zu IQ 4 You gestoßen, nachdem er bei Rhodius nach 29 Jahren Tätigkeit als Managing Director Food & Beverages gefeuert wurde. Branchen-Insidern zufolge soll in dessen Geschäfte „im siebenstelligen Bereich“ auch der Londoner Dosenhersteller Rexam verwickelt sein.

Interessantes Detail: Die Firma IQ 4 You hatte, ehe sie vor drei Jahren der Überkinger Mineralbrunnen-AG das Abfüllwerk abkaufte, seine Energy-Drinks bei Rhodius abfüllen lassen. Kurz nach Tönnesmanns Abgang bei Rhodius stieg Tönnesmann bei IQ 4 You ein. Mit seinem früheren Arbeitgeber habe sich Tönnesmann zwar finanziell geeinigt, schreibt das Branchenmagazin Inside, strafrechtlich sei das aber noch nicht ausgestanden.

Wird das Koblenzer Urteil rechtskräftig, muss Tönnesmann in vier Woche seine Haftstrafe antreten. Seine Stelle wurde gestern ausgeschrieben, teilte der geschäftsführende Gesellschafter von IQ 4 You, Christian Becker, gestern mit. Peter Clarner werde die Geschäfte kommissarisch übernehmen.

Ein Kommentar von Karsten Dyba: Ein Fall mit Knall

Das machen wir jetzt einfach“, hat Stefan Tönnesmann vor sieben Wochen im GZ-Interview über seine Festivalpläne noch gesagt. Inspiriert vom Rolandseck-Festival hatte er mit dem Star-Geiger Guy Braunstein etwas ähnliches in Bad Überkingen aufziehen wollen. Der Clou dabei: Die Kammermusiker sollten in einer Lagerhalle mit Blick auf den Albtrauf spielen, die Gäste vorbei an laufenden Abfüllanlagen dorthin gelangen. Für die Region, die sich allgemein etwas abgehängt fühlt, wäre es ein Leuchtturm gewesen, hätte sich das Festival etabliert. Tönnesmann macht das für sich, weil er gerne organisiert.

Offensichtlich hat Tönnesmann in seiner Vergangenheit auch schon ganz anderes organisiert. Zum Beispiel Geschäfte, mit denen sich das schnelle Geld machen lässt. Im Namen seines Arbeitgebers wickelte er Geschäfte ab, für die er sich später hat ordentlich belohnen lassen. Der Wirtschaftsjurist nennt das Rückvergütung. In der Politik nennt man das „Schmiergeld“. Es bewahrheitet sich eines: Geld verdirbt den Charakter.

Dabei sind IQ4You-Chef Christian Becker, von einem Fachmagazin „Bum-Bum-Becker“ genannt, und sein Compagnon Tönnesmann den Überkingern als Retter erschienen. Ihre Übernahme des früheren Abfüllwerks der Mineralbrunnen-AG sicherte ordentliche Gewerbesteuereinnahmen und bewahrte die Gemeinde vor dem mühsamen Abwickeln einer schwierigen Industrie-Brache.

So richtig hingucken wollte da offensichtlich niemand. Denn die Branche scheint nicht immer ganz so sauber zu sein – und das hätte man auch im Filstal schon länger wissen können. So manches, was in den vergangenen Jahren in Fachkreisen kursierte, war nicht nur Gerücht. Warum der in Fachkreisen bislang geachtete Tönnesmann bei Rhodius gefeuert wurde, sprach sich herum. Das Verfahren hatte er schon eine ganze Weile am Hals. Becker hat offensichtlich davon gewusst, als er Tönnesmann ins Boot holte. Er habe die Folgen aber nicht absehen können, deutete er gestern an. Tönnesmann muss davon ausgegangen sein, mit einer Bewährungsstrafe davonzukommen, zumal er seinen früheren Chef schadlos gehalten hatte. Doch die Staatsanwaltschaft blieb hartnäckig. Der Mann war immerhin ein Macher, der begeistern konnte und dessen Optimismus geradezu ansteckend war. Das war wohl auch der Grund für den schnellen Fall mit Knall. IQ 4 You wird er wohl nicht weiter schaden – deren weltweite Kunden interessieren sich nicht dafür.