Herr Herzog, erstmals steht in „Königin der Wüste“ eine Frau im Zentrum Ihrer Filme. Warum hat es solange gedauert, bis eine weibliche Hauptfigur im Kino-Kosmos des Werner Herzog auftritt?

WERNER HERZOG: Merkwürdigerweise fiel mir beim Machen dieses Filmes überhaupt nicht auf, dass ich hier zum ersten Mal eine weibliche Hauptfigur hatte. Erst als man mich anschließend darauf hinwies, habe ich das bemerkt. Ich hätte das viel früher schon machen sollen, ich glaube ich bin gut bei der Regie mit Frauen. Deswegen gibt es eine Reihe von neuen Projekten, in denen plötzlich Frauen die zentralen Figuren sind.

Sie zeigen die Beduinen als eindrucksvolles Kulturvolk. Wie sehr verstehen Sie den Film als politischen Beitrag?

HERZOG: Wenn ich Botschaften zu verteilen hätte, wäre ich Botschafter oder Briefträger geworden. Der Film zeigt die Welt der Beduinen mit einer bestimmten Wärme, mit Verständnis und mit großem Respekt. Es geht um die Tiefe und Poesie dieser Kultur. Damit ist aber auch schon Ende der politischen Durchsage.

Wie schwierig ist es, solch ein Projekt in Hollywood durchzusetzen?

HERZOG: Es gibt so diese Kultur der Wehleidigkeit – und der gehöre ich nicht an. Jeder in der Industrie hat diesen wehleidigen Ton, inklusive Coppola oder Aronofsky. Wenn Sie ein Projekt haben, das solche Vehemenz und solche Substanz hat, dann wird das auch irgendwie gemacht. Ich folge da einer Vision und die findet ihren Weg. In den USA oder auch international habe ich einen anderen Bekanntheitsgrad als hier in Deutschland.

Träumten Sie von einem Oscar?

HERZOG: Ich mache meine Filme nicht, um Preise zu gewinnen – das wäre die letzte Motivation für mich. Ohnehin ist es sehr schwer, die Entscheidung dieser Gremien nachzuvollziehen. Mein „Grizzly Man“ zum Beispiel hatte einen tiefen Nerv in Amerika getroffen und außergewöhnliche Besucherzahlen – und er wurde nicht einmal in die Shortlist aufgenommen. Und ehrlich gesagt, ist ein Oscar überhaupt nicht an meinem Horizont.

Wenn schon keine Träume vom Oscar, wovon träumt Werner Herzog sonst?

HERZOG: Das kann ich schnell und einfach beantworten: Von gar nichts! Ich gehöre zu den wenigen Leuten, die nachweisbar überhaupt niemals träumen.

Haben Sie das mit Hirnstrom-Messungen untersucht?

HERZOG (lacht): Ehrlich gesagt: Nein. Ich bin da mein ganz eigener Nachweis. Aber ich träume tatsächlich nicht.

Sie gelten als Kult-Figur des Kinos. . .

HERZOG: Ach, davon reden wir besser gar nicht, das ist ein scheußlicher Begriff. Ich werde allerdings im Ausland wirklich ernst genommen. Es gibt viele junge Regisseure, die diesen Beruf gewählt haben, weil sie Filme von mir sahen. Die sehen mich irgendwo als fernes Licht am Horizont, das sie dann ansteuern.

Für Hans Zimmer waren Sie einst gleichfalls der Berufsberater. . .

HERZOG: Zumindest sagt Hans Zimmer, er wäre nur wegen mir Komponist geworden. Er spielte damals in einer Band und sah „Fitzcarraldo“. Darauf sagte er sich: Wenn jemand diesen Mut hat, solch einen Film zu drehen, dann habe ich den Mut, Komponist zu werden – und stieg aus der Band aus. Viel später hat er für „Rescue Dawn“ die Musik komponiert und mit Chor und Orchester aufgenommen. Diese Musik hat er mir dann als Dankeschön geschenkt.

Wie hoch war das Budget des aktuellen Projekts?

HERZOG: Raten Sie: 100 Millionen? 80 Millionen? Also so sieht der Film aus! Aber es war natürlich weniger. Ich habe „Aguirre, der Zorn Gottes“ für insgesamt 380.000 Dollar gedreht, mit einem Team von acht Leuten. Auch „Königin der Wüste“ hat um vieles weniger gekostet, als Sie denken.

Wäre ein üppiges Budget nicht komfortabler?

HERZOG: Nein, komfortabel gibt es nicht beim Filme drehen! Ich kann große Filme machen für Budgets, die eigentlich scheinbar im Widerspruch sind zu dem, was zur Verfügung steht. Aber das war immer so. „Fitzcarraldo“ sieht auch aus wie ein 100-Millionen-Dollar-Film und hat sehr, sehr viel weniger gekostet.

In Ihrer Besetzung finden sich regelmäßig die großen Namen. Bekommen Sie jeden Star, den Sie möchten?

HERZOG: Eigentlich wollen alle großen Schauspieler mit mir arbeiten. Sei es Nicholas Cage, Kinski oder Kidman. Ich kenne keinen einzigen, der nicht mit mir drehen wollte. Die Stars wissen, dass sie bei mir besser sind als woanders. Dieser Umstand ist sehr hilfreich, weil dadurch die Finanzierung meiner Filme viel besser möglich ist.

Wie holt man die maximale Leistung aus seinen Schauspielern?

HERZOG: Das ist meine Arbeit, dafür werde ich bezahlt, darin bin ich gut. Ich bin auch gut als Geschichtenerzähler, womit zwei Elemente zusammenkommen, die eine Mischung ergeben, die Filme möglich machen. Gelernt habe ich das nicht, ich war nie auf einer Filmhochschule oder Regieassistent. Das müssen Sie in sich haben, sonst können Sie diesen Beruf nicht ausführen.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Nicole Kidman?

HERZOG: Ich habe zunächst ihre Agenten angesprochen, die sagten, es sei hoffnungslos, weil sie für anderthalb Jahre für zwei andere Filme unter Vertrag sei. Als sich unser Projekt unerwartet verzögerte, rief ich später nochmals die Agentur an und da war Kidman frei. Manchmal fallen Sachen dorthin, wohin sie eigentlich gehören. Ich hatte einfach auch Glück. Und mit Nicole Kidman war ich nach 60 Sekunden im Geschäft.

Man weiß, dass Sie in Interviews sehr humorvoll sind. . .

HERZOG: Auch in meinen Filmen, nicht nur in Interviews! Bei „Bad Lieutenant“ wird mehr gelacht als bei einem Eddie Murphy-Film. Selbst in „Aguirre, der Zorn Gottes“ lacht das Publikum an manchen Stellen, weil sie so überdreht sind und einen seltsamen, schwarzen Humor bieten.

Sind Sie unzufrieden mit dem öffentlichen Image des Werner Herzog?

HERZOG: Die Sehweise war von den Medien immer so definiert: Das ist ein obsessiver, teutonischer Charakter, der mit Tunnelblick halb im Wahnsinn irgendwelche Filmprojekte reißt – stimmt gar nicht! Wer meine Filme ohne diese vorgefasste Meinung anschaut, wird eine Menge Humor darin finden.

Auf der Berlinale waren Sie gemeinsam mit Wim Wenders im Wettbewerb. Stehen Sie noch in Kontakt zu Ihrem alten Weggefährten des Neuen Deutschen Film? Worüber unterhalten Sie sich?

HERZOG: Wir reden hauptsächlich nicht über Filme, sondern unter anderem über Frauen. Das war auch ähnlich mit Fassbinder oder Schlöndorff. Wir haben uns praktisch nie über Filme unterhalten, sondern über das Leben – das ist auch schön so.

Sie leben in Los Angeles, bekommen Sie vom deutschen Film noch etwas mit?

HERZOG: Nein, deutsche Filme erreichen Amerika fast nie. Aber auch früher war das deutsche Kino mir nie so wichtig. Wobei es in den siebziger und achtziger Jahren allerdings schon eine ganze Reihe von sehr lebendigen Mitstreitern gab, die zwar andere Themen und stilistische Präferenzen hatten. Bei denen ich jedoch das Gefühl hatte: Das ist schön, dass auch andere mit mir pflügen und den Karren ziehen – jetzt ist das anders.

Sehen Sie noch deutsche Filme?

HERZOG: Ganz wenig, ich sehe überhaupt kaum Filme. Ich bin selbst kein großer Kinogänger.

Eva Mattes, mit der Sie ein Kind haben, hat gerade ihre Autobiografie geschrieben –haben Sie das gelesen? Oder einen „Tatort“ mit ihr gesehen?

HERZOG: Nein, die Biografie kenne ich noch nicht. Und einen „Tatort“ muss ich nicht sehen – weder, wenn er von einem Sam Fuller gemacht wurde, noch wenn Eva Mattes darin spielt. Ansonsten kann ich nur sagen: Unsere gemeinsame Tochter war ein wunderbares Ereignis. Und mit der Eva war es eine ganz großartige Zeit – ich möchte keine Minute missen. Wobei wir mit Vorbedacht nie zusammen gelebt haben, das war immer klar.

Würden Sie gerne wieder einmal in Deutschland drehen?

HERZOG: Ich mache ja keine Hollywood-Filme, ich habe nie meine Kultur verlassen. Auch wenn ich in Marokko einen Film über Getrude Bell drehe, ist das ein bayerischer Film. Vom kulturellen Klima her sind alle meine Filme bayerische Filme. Das sage ich deswegen, weil es außer mir nur einen gegeben hätte, der „Fitzcarraldo“ hätte machen können – und das ist König Ludwig II.

Sie haben Leute unter Hypnose gesetzt, mit Zwergen gearbeitet und Klaus Kinski gebändigt. . .

HERZOG: Ich bin nie auf Selbsterfahrung, Grenzerfahrung oder solchen Unsinn aus gewesen. Das betreiben Deppen, die zu sehr von der Zivilisation verunstaltet sind. Manchmal hat der Zufall einer Geschichte es gewollt, dass zur Stilisierung eine Hypnose notwendig wurde. Und wenn Sie eine Geschichte über spanische Eroberer auf der Suche nach Eldorado haben, dann drehen Sie das besser nicht im Spessart sondern eben im Amazonas.

Wir groß erleben Sie den Erwartungsdruck bei Ihrer Arbeit?

HERZOG: Wenn ich darüber schlaflose Nächte verbrächte, könnte ich keinen Schritt mehr vor die Türe tun. Ich habe nie aufgehört zu arbeiten und stecke so sehr in der täglichen Arbeit, dass ich weder an irgendwelche Karriere oder neue Projekte denke – außer an jene, die sich zwingend aufdrängen.

Denken Sie noch manchmal an Kinski?

HERZOG: Ab und zu schon. Er war ja ein wichtiger Weggefährte. Nur darf man nicht ganz vergessen: Kinski hat 215 Filme gemacht und ich 45 – und nur fünf davon haben wir gemeinsam gemacht. Das relativiert sich dann schon etwas. Wir hatten schöne Zeiten. Auch ganz schwierige. Das ist ja bekannt.


Persönliche Daten

Name: Werner Herzog
Geburtstag: 5. September 1942
Geburtsort: München
Wohnort: Los Angeles
Privat: verheiratet; drei Kinder

Beruflicher Werdegang: Abitur, Studium der Geschichte, Literatur- und Theaterwissenschaften, 1963 Gründung einer eigenen Filmproduktion, einen internationalen Namen macht er sich als Filmregisseur, arbeitet aber auch als Opernregisseur, Schriftsteller und Schauspieler.

Filme: Insgesamt 45, darunter Aguirre, der Zorn Gottes (1972), Nosferatu – Phantom der Nacht (1979), Fitzcarraldo (1982), Lektionen in Finsternis (1991), Mein liebster Feind (1999), Grizzly Man (2005), Die Höhle der vergessenen Träume (2010), Queen of the Desert (2015).

Auszeichnungen: Unzählige Ehrungen, darunter Internationale Filmfestspiele Cannes Beste Regie (1982), Deutscher Filmpreis (1968, 1978, 1982, 2013), National Society of Film Critics Award (2006, 2012), Directors Guild of America Award (2006), Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin (2010), Bundesverdienstkreuz (2012)