Flugzeugabsturz Absturz: Inferno am Boßler vor 60 Jahren

Verhängnis an einem nebligen Vormittag: Dieser Gedenkstein am Hangwald des Boßlers erinnert an die fünf Todesopfer des Düsenjäger-Absturzes vor 60 Jahren.
Verhängnis an einem nebligen Vormittag: Dieser Gedenkstein am Hangwald des Boßlers erinnert an die fünf Todesopfer des Düsenjäger-Absturzes vor 60 Jahren. © Foto: Jürgen Schäfer
Gruibingen / Jürgen Schäfer 09.01.2018
Vor 60 Jahren rasten zwei amerikanische Düsenjäger in den Berg. Mit den Piloten starben zwei Waldarbeiter und der Förster.

Der Tod kam aus dem Nichts. Nebel und Schneetreiben herrschten am Boßler. Es war zwei Tage nach Dreikönig, ein Mittwoch. Am Berg wurde geschafft. Waldarbeiter machten Holz. Gleich zwei Trupps waren zugange. Sie arbeiteten unterhalb des Weilers Herzogenau, seitlich der Weilheimer Steige.

Aber nicht alle. Drei Waldarbeiter wurden zu einer Kontrolle am Nordwesthang des Boßlers geschickt. Dort musste man die Partien des Holzeinschlags nachprüfen, die die Trupps an den Vortagen gemacht hatten. Stichprobenartig nur. Die Federführung hatten der Forstmeister von Weilheim und der Revierförster.

Einer kehrte zurück. Das war der  Mann vom Staatswald-Trupp.  Seine Aufgabe war erledigt. Die beiden anderen für den Stadtwald waren noch unterwegs. Mit dem Forstmeister und dem Förster. Sie wollten zur nächsten Kontrolle in der Wolfscherre, an der Weilheimer Steige.

So erzählt es Wilhelm Moll, ein alter Gruibinger, der zu den sieben, acht Mann vom Staatswald-Trupp gehörte. Und dann:  Ein dumpfer Schlag, irgendwo da draußen, um elf an jenem 8. Januar 1958. Gefolgt von einem eigenartigen Kleppern. „Wie wenn man in einer Blechdose  rumklöppelt“, sagt Moll. Die Arbeiter ahnen: Da ist was passiert. Sie laufen rauf zum Gehöft Herzogenau, das ist der nächste Weg. Da sagt ihnen schon eine Frau: „Da schreit jemand am Boßler um Hilfe.“ Und dass wohl ein Flugzeug abgestürzt sei. Sie laufen in den Boßlerwald, man sieht nicht weit, und stoßen auf den Forstmeister, der ihnen im Auto, seinem Mercedes, auf dem Waldweg entgegenkommt. Eine schockierende Begegnung. Sein Gesicht ist versengt, die Hände ohne Haut. Er ist in Lebensgefahr, er hat grässliche Schmerzen, aber er kann die Dinge noch steuern. Er sagt schnell, was geschehen ist, und er braucht Hilfe. Er muss in die Klinik, seine Kontaktlinsen müssen sofort raus. Selber fahren kann er eigentlich nicht mehr. Er hat Glück, dass einer der Helfer einen Führerschein hat. Einer von Herzogenau.

Die anderen laufen weiter zur Unglücksstelle, die Spuren im Schnee weisen ihnen den Weg. Sie kommen an einen grausigen Ort: zwei Krater, Trümmer von Flugzeugen, ein Reifen brennt. „Es war so eine Totenstille, wie ich es noch nie erlebt habe“, sagt Moll erschüttert. Er sieht den Jungwald, der von den Tragflächen abrasiert worden ist. Sie entdecken ihre toten Kollegen. Den jungen, gerade mal 26, der sich am nächsten Sonntag verloben wollte, Den alten Haumeister. Den Förster. Eine ungeheure Explosion muss sie erwischt haben. Die Leichen verstümmelt. Entzwei gerissen. Einer verschüttet. Da ist ein Stiefel, der aus dem Boden ragt.  Die Piloten: Tot an Fallschirmen in den Bäumen. Bilder, die Moll verfolgten. „Ich war 14 Tage nicht recht g’scheid.“ Er ist sich bewusst: Es hätte auch ihn treffen können. Noch am Vortag waren sie alle dort draußen. Später wird Moll mit Kollegen Buchen oberhalb der Aufprallstelle fällen, weil sie mit Splittern durchsät waren. „250 Meter Holz haben wir weggemacht.“

20 Minuten sind sie an der Unglücksstelle, dann hören sie Sirenen. Ein Hubschrauber taucht auf, sichtet die Unfallstelle. 20 Soldaten kommen das Boßlersträßchen herauf. Sie sperren die Unglücksstelle ab, stehen Wache. Militärpolizei kommt.

Moll wird später einen Siegelring finden, der einem der beiden Piloten gehörte. „Der Ring war so groß, dass er über meinen Daumen ging. Das muss ein Hüne gewesen sein.“ Der Gruibinger schickt ihn der Witwe.

Wie kam es zu dem Unglück? Moll hat eine einfache Erklärung: „Die Piloten sind auf Sicht geflogen, vom Flughafen her, die Autobahn entlang, und dann in den Nebel hinein.“

Traurige Berühmtheit des Boßlers

Schicksalsberg: Neun Flugzeugabstürze mit 19 Toten und sieben Verletzten – das ist die Unglücksbilanz am Boßler über die Jahrzehnte. Militärflugzeuge und Privatflugzeuge zerschellten am Massiv des Albtraufs, sie flogen in den Berg oder stürzten ab. Zuletzt verunglückte 2005 ein Rettungshubschauber auf einem Krankentransportflug nach München.

Gedenksteine Mehrere Zeichen des Gedenkens gibt es für die Opfer der Flugzeugabstürze. Die Stadt Weilheim hat für die Toten vom 8. Januar 1958 einen Gedenkstein an der Unfallstelle gesetzt. Besondere Tragik: Hier wurden auch Menschen mit in den Tod gerissen, die sich zufällig an der Unglücksstelle befanden.

Mit brennendem Benzin überschüttet

Erlebnisbericht Der schwerst verwundete Forstmeister Dr. Max Zeyher hat in einem Erlebnisbericht beschrieben, wie er dem Inferno am Boßler entkam. Es war wohl seine Rettung, dass er sich „als alter Infanterist“ re­flexartig auf den Boden warf, als er die Motoren eines Düsenjägers hörte. Er habe noch gerufen: „Der kommt zu tief“.  Direkt hinter ihm sei das Flugzeug eingeschlagen.

Überlebenskampf Zeyher wird von Trümmerstücken am Hinterkopf getroffen und „im selben Augenblick mit brennendem Benzin überschüttet und von starken Stichflammen verbrannt“. Er wälzt sich im Schnee und reißt den brennenden Lodenmantel herunter. Er versucht auch, seine zwei brennenden Hunde zu löschen. Nur einer wird überleben. Seine Rufe nach den Kameraden verhallen ungehört.

Rettung Zeyher schafft es zu seinem Auto, holt „mit Händen ohne Haut die Autoschlüssel aus der Tasche“, fährt los und stößt nach 100 Meter auf Helfer. Einer kann ihn in die Klinik fahren. Die Ärzte sind skeptisch, ob er durchkommt.

Qualen Die Schmerzen waren „fast nicht zum Aushalten“, schrieb Zeyher. Er hätte sich „die linke Hand am liebsten abhacken lassen“. Nennenswert essen kann er erst nach fünf Wochen. Schäden werden auch bleiben. Aber: Zeyher wird über 90 Jahre alt.

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