Verkehr Industriegleise als Radlerfallen

In Ebersbach warnt dieses Schild vor der Sturzgefahr.
In Ebersbach warnt dieses Schild vor der Sturzgefahr. © Foto: Axel Raisch
Kreis Göppingen / Axel Raisch 09.08.2018
Zwei schwere Unfälle von Radfahrern an Industriegleisen in Ebersbach und Süßen ließen erneut die Forderung nach Sicherungsmaßnahmen oder Rückbau laut werden.

Das Gefahrenpotenzial der Industriegleise in Ebersbach und Süßen war auch in den vergangenen Jahren immer wieder in der Diskussion gewesen. Jetzt ist das Thema erneut aktuell. In Süßen wird der Rückbau des dortigen, nicht mehr genutzten Gleises gefordert. In Ebersbach werden die Schienen im Industriegebiet Strut dagegen noch intensiv genutzt.

Als herausragendes Problem seien die Gleise nicht bekannt, sagt der Pressesprecher des Polizeipräsidiums Ulm, Wolfgang Jürgens. Sobald es Veränderungen auf der Fahrbahnoberfläche gebe, könne sich daraus jedoch eine Gefahr ergeben, bei Gleisen, beispielsweise aber auch bei Schachtdeckeln. „Das ist aber nichts Neues, das weiß der Fahrradfahrer auch. Daher ist der Fahrradfahrer – wie jeder andere Fahrzeugführer auch – gefordert, nur so schnell zu fahren, dass er sein Fahrzeug beherrscht“, betont Jürgens.

Das Risiko des Einfädelns in die Schienen sei in Süßen und Ebersbach aufgrund der dort schräg und nicht quer zur Fahrtrichtung der Radler verlaufenden Schienen erhöht, erklärt Reimund Vater, stellvertretender Vorsitzender der Kreisverkehrswacht Göppingen. Da Schienenübergänge einen allgemein bekannten Unsicherheitsfaktor für Radfahrer darstellten, sollte gemacht werden, was technisch machbar ist – und die Notwendigkeit des Weiterbestandes hinterfragt werden. Man könne sonst nur auf die Gefahrenstellen hinweisen, dies sei jedoch stets erfolgt.

Hinsichtlich der Notwendigkeit gibt es erhebliche Unterschiede zwischen Süßen und Ebersbach. Zwar wird das Gleis an der Nordverbindung zwischen Süßen und Salach nicht mehr genutzt. Für die Stadt Süßen bestünde jedoch keine Möglichkeit, dort eigenständig bauliche Maßnahmen wie die Entfernung der Schienen zu ergreifen, da sich die Gleise auf Privatgelände befänden, beziehungsweise mit Gehweg und Straße Eigentum des Kreises und Landes durchquerten, erklärt der persönliche Referent des Bürgermeisters, Alexander Starke. Man habe das Landratsamt jedoch wiederholt auf die mögliche Gefahr für Radler hingewiesen. „Nach dem tragischen Unfall in Süßen trat das Landratsamt mit der Stadt erneut in Kontakt, um nach Lösungen zu suchen“, bestätigt Susanne Leinberger, Leiterin des Büros für Kreisentwicklung und Kommunikation beim Landratsamt. Die Stadt habe kurzfristig gehandelt und die Lage an der Gefahrenstelle durch Auffüllung der Gleise verbessert. Seitens des Amts für Mobilität und Verkehrsinfrastruktur des Landratsamtes sei man sehr bemüht, Lösungen zu finden, „um den Radverkehr so gut es geht zu sichern“, so die Pressesprecherin weiter. „Hierzu sind wir auch mit den betroffenen Städten und dem ADFC im Gespräch.“

Thomas Gotthardt vom ADFC Lautertal-Mittlere Fils sieht ein Problem beim Süßener Gleis in der Beteiligung verschiedener politischer Ebenen. Seitens des Eigentümers der Schienen, der Firma Kuntze, sei schnell grünes Licht gekommen, die Schienen würden nicht mehr benötigt. Jedoch hake es auf politischer Ebene, da aufgrund der Eigentumsverhältnisse neben dem Kreis auch das Regierungspräsidium beteiligt sei. Seit bald zwei Jahren sei der ADFC bemüht, dass konkret etwas gemacht werde. Immer wieder gebe es Unfälle. Dass nach dem letzten schweren Unfall nun die Schienen auf dem Gehweg mit einer provisorischen Asphaltschicht versehen wurden, begrüßt Gotthardt. Ziel bleibe aber die Entfernung der Schienen sowie der Ampelmasten die ebenfalls nicht mehr benötigt würden.

In Ebersbach sei ein Rückbau der Gleise leider nicht möglich, da das Gleis von den dort ansässigen Firmen intensiv genutzt werde: 700 bis 1200 Waggons verkehren dort jährlich, berichtet Stadtplaner Jan Werneke. Vor einiger Zeit seien daher entsprechende Warnschilder und Bodenmarkierungen angebracht worden. Zuletzt waren diese durch einen Bahnbelag mit Warnhinweis und die Markierung der sicheren Furt ergänzt worden. Diese Sicherungsmaßnahmen bestanden bereits vor dem jüngsten Unfall. Das „Strutgleis“ sei schon lange ein Thema, sowohl für Stadt als auch Landkreis. Und es bleibe weiter Thema, versichert Werneke. „Auch in Zukunft werden die Stadt Ebersbach und der Landkreis Göppingen nach Verbesserungen für die Situation vor Ort suchen, um weiteren Unfällen entgegenzutreten“, bestätigt Susanne Leinberger. Dichtlippen aus Gummi seien in Ebersbach leider nicht geeignet, da dann die Gleise nicht mehr befahren werden könnten, so Werneke weiter.

Sehr unbefriedigend findet daher Helmut Kraus vom ADFC Unteres Filstal die Situation. Seit 20 Jahren beschäftige er sich mit dem Thema und habe bereits selbst schmerzhafte Erfahrungen mit dem Gleis gemacht: Sein Carbonrad und auch die Schulter gingen dort zu Bruch. Fast wöchentlich würden dort Einsätze gefahren, sagt Kraus und verweist auf Gespräche mit einem Rettungssanitäter. Die Situation sei aufgrund der Gegebenheiten in der Tat schwierig. Stadtplaner Werneke sei jedoch aufgeschlossen und aktiv, lobt Kraus. So hätten auch Verbesserungen erzielt werden können. Statt eines „Vorsicht Radfahrer“-Schildes stünden jetzt richtige Warnungen. Die Suche nach der Lösung für eine komplette Entschärfung der Gefahrensituation dauere also an.

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