Traditionshandwerk Köhler: Im Tal schwelt die schwarze Kultur

Holzkohle aus dem Nassachtal: Rolf (l.) und Otto Hees stellen dort seit 1971 das schwarze Brenngut her. Die Beiden wollen das Handwerk noch lange aufrecht erhalten und vermitteln die Köhlertradition einmal im Jahr innerhalb einer Projektwoche.
Holzkohle aus dem Nassachtal: Rolf (l.) und Otto Hees stellen dort seit 1971 das schwarze Brenngut her. Die Beiden wollen das Handwerk noch lange aufrecht erhalten und vermitteln die Köhlertradition einmal im Jahr innerhalb einer Projektwoche. © Foto: Staufenpress
Nadine Vogt 11.10.2017
Die Köhlerfamilie Hees hält im Nassachtal eine jahrhundertealte Tradition aufrecht. Für ihr Engagement haben sie den Kulturlandschaftspreis des Schwäbischen Heimatbundes erhalten.

Es nieselt im Nassachtal. Ein Schotterweg zwischen Nassach und Baiereck führt an eine ebene, grün bewachsene Stelle. Holzscheite sind in einer Reihe aufgestapelt, ein schwarzer Ascheberg daneben, verkohltes Holz, abgedeckt von einer grauen Wanne. Ein Schild am Schuppen gegenüber weist darauf hin, was an diesem Tag nur Sachkundigen aus den Überbleibseln schließen lässt: „Köhlerei“.

„Am besten wäre Wetter wie jetzt“, sagt Otto Hees, der die rund 300 Jahre alte Familientradition des Köhlerns im Nassachtal gemeinsam mit seinem Bruder Rolf Hees aufrecht erhält. Leichter Regen sei perfekt, denn dann müssten die schwelenden Meiler nicht laufend mit Wasser abgekühlt werden, erklärt Rolf Hees.

Mindestens einmal im Jahr wird im Nassachtal noch Holzkohle gebrannt. Meist um Pfingsten, während einer Projektwoche, die die Familie zu Schauzwecken veranstaltet – um das Handwerk Kindern und Erwachsenen näher zu bringen, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Mit Meiler-Aufbau, abbrennen und Kohle sammeln. „Das läuft heute noch ab wie vor hundert Jahren“, sagt Rolf Hees. Einzig das Holz sei durch Einsatz von Motorsägen schneller aufbereitet. Im Moment ist das Gelände eingefriedet. „Im nächsten Jahr geht’s wieder weiter“, sagt Otto Hees. „Vom 26. Mai bis 3. Juni findet die Projektwoche statt“, ergänzt sein älterer Bruder.

Auch wenn derzeit nicht aktiv geköhlert wird, gab’s am Montagabend großen Zuspruch für ihr Engagement. Familie Hees wurde ausgezeichnet. Mit dem Kulturlandschaftspreis, der vom Schwäbischen Heimatbund und der Sparkassenverband Baden-Württemberg verliehen wurde. Aus mehr als 50 Bewerbern hat die Jury fünf Preisträger ausgewählt, die „bewahren, schützen und pflegen im Einklang mit der Natur.“ Mit dabei: die Köhlerei aus dem unteren Filstal. Als „außerordentlich gut für uns“ bezeichnet Rolf Hees die Auszeichnung, die der Familie in einem Festakt in Sontheim verliehen wurde.

Dass Rolf und Otto Hees die Köhlerei-Arbeit seit 1970, als sie das Gewerbe von der Mutter übernommen haben, weiter betreiben, ist ihnen mehr eine Angelegenheit des Herzens, denn des wirtschaftlichen Ertrages. „Wir rechnen gar nicht“, sagt der 62-jährige Otto Hees. Die Kohle sei natürlich teurer als das Industrieprodukt aus dem Baumarkt, ist dafür aber in Handarbeit hergestellt. Die Glut brenne besonders gleichmäßig. Eine Aufstellung von Arbeitsstunden und Ertrag hätten die Brüder aber nie gemacht. Otto Hees vermutet: „Der Stundenlohn liege wohl bei weniger als einem halben Euro.“

Vielmehr gehe es den beiden darum, ein „Stück Kulturgut zu erhalten“, wie Rolf Hees sagt. Die Tradition sei in der Familie verwurzelt. Und soll, wenn es nach dem Wunsch der Brüder geht, noch viele Jahre erhalten bleiben. „Ich sehe das als Motivation und auch meine Verpflichtung an“, sagt der 69-Jährige. „Es gibt keine Anzeichen dafür, dass es nicht so weitergeht.“ Mit einem Lachen fügt er an: „Wenn wir unsere Söhne bei Laune halten.“

Auf die Frage, warum die beiden die Köhlerei nie aufgegeben haben, sich die Arbeit jedes Jahr aufs Neue machen – Holz aufschichten, die Meiler abbrennen und schwelen lassen, tagelang die Verhältnisse teils stündlich kontrollieren, Kohle aufsammeln, ohne wirtschaftlichen Ertrag – antwortet Rolf Hees nach kurzem Zögern: „Ich denke, das muss man im Blut haben.“

Ein Besuch in der Köhlerei der Familie Hees

Projekttage Einen Einblick in ihre Köhlerarbeit gewährt die Familie Hees in einer Projektwoche im kommenden Jahr, die vom 26. Mai bis 3. Juni stattfindet. Meiler werden aufgebaut und abgebrannt, der einwöchige Prozess kann verfolgt werden.

SWR-Dokumentation In der Reihe „Die härtesten Jobs von damals“ hat der SWR auch die Köhlerei der Familie Hees besucht. Moderator Florian Weber hat dabei selbst mit angepackt. Der Beitrag wird am 31. Oktober um 17.15 Uhr im SWR ausgestrahlt. dine