Wiesensteig Im Rahmen einer Stadtführung wurde in Wiesensteig das Mittelalter lebendig

Auch die Wiesensteiger Waschweiber waren bei der mittelalterlichen Stadtführung im Einsatz. Foto: Jochen Horndasch
Auch die Wiesensteiger Waschweiber waren bei der mittelalterlichen Stadtführung im Einsatz. Foto: Jochen Horndasch
Wiesensteig / JOCHEN HORNDASCH 19.09.2012
Hexen, Grafen, Mönche und Bettler gaben sich in Wiesensteig ein Stelldichein: Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Sommer der Ver-Führungen wurden Szenen aus der Stadtgeschichte nachgespielt.

Im fahlen Licht der Fackeln verliest der Inquisitor die Anklage. Zusammengekauert sitzt ängstlich die junge Frau auf den Stufen zur Stiftskirche Sankt Cyriakus von Wiesensteig. Sie ist der Zauberei angeklagt und als Hexe überführt. Henker Berthold Aichelin zerrt die Frau zum lodernden Scheiterhaufen. 1200 Menschen hat er ins Jenseits befördert, 70 Hexen allein in seiner Heimatstadt Wiesensteig. Gellende Schreie durchschneiden die Nacht. Dann ist es ruhig. Das grausame Schauspiel aus dem Jahr 1563 ist vorbei. 120 Augenpaare haben am Freitagabend im Rahmen des Sommers der Ver-Führungen die perfekt inszenierte Szene aus dem dunkelsten Kapital der Wiesensteiger Geschichte verfolgt.

Angeführt vom ehemaligen evangelischen Pfarrer Rudi Spieth, der in die Rolle des Bauern Rudolphs geschlüpft ist, zog der Besuchertross anschließend weiter. 50 Wiesensteiger hatten sich für die lebendige mittelalterliche Stadtführung in Kleidungsstücke aus dem 16. Jahrhundert gehüllt und Szene um Szene an verschiedenen Plätzen in der Stadt am Filsursprung einstudiert. Allen voran Bürgermeister Gebhard Tritschler. Er ist in die Rolle von Herzog Ulrich von Württemberg geschlüpft, der im Jahr 1516 die Hiltenburg niederbrannte. Als Ersatz für die zerstörte Residenz der Helfersteiner hoch über dem Goißatäle baute der Helfensteiner Graf Ulrich XVII., den Tritschlers Vorgänger Klaus-Dieter Apelt spielte, im Jahr 1551 das Residenzschloss. Mönche, Bettler, Marketenderinnen, Mägde, edle Herren und Damen sowie Herzog Ulrich und Graf Ulrich nebst Gemahlin empfingen dort die Gästeschar.

Dann begann der dreistündige Streifzug durchs Mittelalter. Informationen in Reimform lieferte Bauer Rudolph, ein Barde sorgte für Musik. Eine Mauer mit drei Toren und drei Türmen umgab das mittelalterliche Städtchen, in dem einst 45 Handwerkszünfte zuhause waren. Am Brunnen in der Hauptstraße waren Waschweiber bei der Arbeit, in der Schmiede wurde gehämmert und ein Prediger sorgte sich um das Seelenheil der Besucher. Auf dem Marktplatz lungerten Bettler und baten um ein paar Kreuzer.

Am Marktbrunnen, der im Jahr 1718 entstand, wurden die Schrecken der Pest lebendig. Auf einem von Mönchen gezogenen Wagen lagen die an der Seuche verstorben Leichen. Szenen aus dem 30-jährigen Krieg folgten wenige Meter weiter. "Die Schweden kommen", schallte es durch die Gassen. Feuer erhellte das Dunkel und dicke Rauchschwaden verhüllten die Sicht. Trotz aller Bemühungen konnte der Brand nicht in Schach gehalten werden. Bis auf neun Häuser und das Schloss fiel im Jahr 1648 die Stadt den Flammen zum Opfer.

Nach so vielen blutrünstigen Szenen war Entspannung für Leib und Seele angesagt. Bei Bier, Tee, Schmalz- und Käsebrot wurde eine Pause eingelegt. Frisch gestärkt ging es in das Gebäude zum alten Forsthof, wo zwei Mönche eines Bettelordens ihr unsittliches Leben bitter bezahlen mussten. Weil sie die Seelsorge der im Forsthaus untergebrachten Witwen zu weit trieben, wurden sie kurzerhand im Eingangsbereich aufgehängt.

Auf den Holzbänken der Stiftskirche Sankt Cyriakus gegenüber dem Forsthaus war ausruhen angesagt. Informationen gab es trotzdem in Hülle und Fülle. Die Kirche wurde im Jahr 1466 von Probst Johann Graf von Württemberg erbaut und brannte beim großen Stadtbrand aus. Im 18. Jahrhundert wurde sie im klassizistischen und barocken Stil neu aufgebaut.

Mit diesen Infos ging es zum Ausgangspunkt. Im Festsaal im ersten Obergeschoss des Schlosses rückte die Kartoffel in den Mittelpunkt. Sie wurde erstmals im Schlossgarten von Wiesensteig angepflanzt. Auf Einladung des Grafen von Helfenstein und dessen Gemahlin konnten sich die Gäste an dem aus Südamerika stammenden Nachtschattengewächs nebst Quark bedienen.

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