Landwirtschaft Im Märzen der Bauer seine 160 Rösslein einspannt

Schnittlingen / Thomas Hehn 14.04.2018

Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt. Bei Simon Kaiser sind es gleich 160. So viele Pferdestärken hat sein Deutz TTV 610 unter der Haube. Und die sind gerade voll gefordert. Wenn der Schnittlinger Landwirt im Sommer ernten will, muss jetzt die Saat raus auf den Acker. „Wir sind eh schon drei Wochen zu spät dran“, sagt Kaiser. Der Wintereinbruch Mitte März hat auch ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Früher wären ein, zwei Wochen hin oder her wohl kein Problem für die Bauern gewesen. Vor 30, 40 Jahren hatte ein Hof vielleicht 20 Hektar. „Heute könnte davon kein Landwirt mehr leben“, sagt der 29-Jährige. Fallende Erzeugerpreise haben die Bauern gezwungen, immer mehr zu produzieren, damit unterm Strich noch etwas übrig bleibt. Die Rationalisierung ging einher mit einer zunehmenden Spezialisierung. Während in der Nachbarschaft Schweineställe mit Ferkelzucht und Mast aus dem Boden schossen, setzte Kaisers Vater Klaus auf Milchvieh. 2003 baute der Vater noch einen großen Boxenlaufstall. „Das war sein ganzer Stolz“, erinnert sich Ehefrau Traudel. Die Freude währte nicht lange: Klaus Kaiser starb 2005 völlig überraschend im Alter von 45 Jahren an einem Herzschlag.

Der damals 16-jährige Sohn Simon war der einzige, der in die Fußstapfen seines Vaters treten konnte. Der zwei Jahre ältere Bruder Achim hatte schon eine Lehre zum Industriemechaniker begonnen, der jüngere Bruder Fabian war erst zehn. Aus der bereits zugesagten Lehrstelle als Landmaschinenmechaniker wurde so über Nacht eine Landwirtschaftslehre. Nach dem Gesellenbrief machte Simon gleich weiter und bekam 2011 seinen Meisterbrief überreicht. So lange Simon in Ausbildung war, hielt die ganze Familie samt Verwandtschaft die Stellung auf dem Hof.

Inzwischen hat der „Juniorchef“ die Zügel in der Hand. Mutter Traudel hilft im Stall, für den Rest ist der Sohn zuständig. Die meiste Zeit klappt das auch. Nur in Spitzenzeiten, etwa bei der Getreide- und Maisernte oder wenn die fünf großen Fahrsilos mit Gras gefüllt werden, braucht Simon Hilfe. Allein beim Silieren sind drei Wagen gleichzeitig unterwegs. „Dann springen die Familie und Freunde ein“, freut sich der Jungbauer.

Das geht aber nur ausnahmsweise ein paar Mal im Jahr. Ansonsten sind Simon und seine Mutter auf sich allein gestellt. Sieben Tage in der Woche und das ganze Jahr über warten im Stall 75 Milchkühe und rund 100 Kälber und Rinder. Das heißt: Morgens um 5.30 Uhr aufstehen, ab in den Stall und zwei Stunden melken, misten und füttern. Frühstück gibt’s erst danach. Das komplette Programm dann abends nochmal. „Wenn ich am Wochenende mit Freunden was unternehme, muss ich mich nachmittags spätestens um fünf Uhr wieder verabschieden.“

Sind die Tiere am Morgen versorgt, geht es in der Regel etwas ruhiger zu. Allerdings nicht jetzt im Frühjahr. Um seine Milchkühe samt Nachwuchs satt zu bekommen, bewirtschaftet Kaiser 80 Hektar: 50 Hektar Grünland für Heu und Grassilage sowie 30 Hektar Ackerland, auf denen Getreide, Mais und Kleegras angebaut werden. In diesem Frühjahr sind es 33 Hektar: Wildschweine haben auf der Suche nach Würmern und Schnecken einige Äcker mit schon im Herbst gesätem Winterweizen derart umgedreht, dass Kaiser jetzt drei Hektar nachsäen muss.

Das interessiert die Behörden nicht. Was er sonst mit seinen 80 Hektar anstellt schon: Im sogenannten Gemeinsamen Antrag muss der Landwirt beim Landwirtschaftsamt penibel nachweisen, was er auf welcher Fläche anbaut. Die EU bekommt so im Rahmen ihrer gemeinsamen Agrarpolitik nicht nur einen Überblick über die landwirtschaftliche Produktion in Europa, sondern kann sie auch steuern. So gilt seit 2015 ein „Greening-Gebot“. Darin ist jeder größere Betrieb verpflichtet, fünf Prozent seiner Ackerfläche zum Beispiel mit dem Anbau von ungenutzten Zwischenfrüchten als ökologische Vorrangflächen vorzuhalten. Anbaudiversifizierung und der Erhalt von Grünland sind weitere Bedingungen, wenn Bauern von der EU Direktzahlungen erhalten wollen. Die Bauern erhalten so derzeit rund 300 Euro pro Hektar und Jahr. In einem weiteren „Förderprogramm für Agrar­umwelt, Klimaschutz und Tierwohl“ (Fakt) können Landwirte  in Baden-Württemberg über rund 50 weitere freiwillige Maßnahmen zum Umweltschutz und Erhalt gefährdeter Tierrassen zusätzliches Geld einsammeln. Kaiser setzt Schlupfwespen zur Bekämpfung des Maiszünslers ein. Dafür bekommt er über Fakt 60 Euro pro Hektar – gerade soviel wie die Schlupfwespen kosten.

Die finanziellen Hilfen für Landwirte sorgen bei manchen für neidische Blicke. „Ihr reichen Bauern fahrt eh nur den ganzen Tag mit euren riesigen Traktoren spazieren“, hat eine   Frau Kaiser mal ins Gesicht gesagt. „Ohne die finanzielle Unterstützung kann ich morgen aufhören“, rechtfertigt sich der Bauer. Und den 80 000 teuren Traktor hat er vor acht Jahren auch nicht aus der Portokasse bezahlt. „Da lag der Fahrzeugbrief lange auf der Bank im Tresor.“

Neue Serie beleuchtet die Landwirtschaft

Sonst tauchen Bauern nur zur Erntezeit in den Medien auf oder wenn Schweinefleisch- und Milchpreise mal wieder im Tiefflug sind. Die GZ-Serie „Mit dem Bauern durch das Jahr“ soll einen tieferen Einblick in die Landwirtschaft ermöglichen. Milchbauer Simon Kaiser (29) aus Schnittlingen hat sich freundlicherweise bereit erklärt, den Lesern seinen Hof vorzustellen.