Reportage Im Bann der Wiesensteiger Nacht

Wiesensteig/Neidlingen / Alexander Jennewein (Fotos) und Ruben Wolff (Text, Videos) 01.02.2018
Im Glauben finden Menschen Kraft. Er kann aber auch eine Herberge des Wahnsinns sein. Eine Reportage aus der Serie „Düstere Schönheit“.

Die Kälte legt sich auf unsere Gesichter. Sie hat Abertausende kleiner Münder und beißt in unsere Haut. Die Dunkelheit ist unsere Gefährtin, während wir an Wiesensteig vorbei auf die Albhochfläche wandern. Wir sind ins Reich der Nacht eingetreten und sie schließt die Pforten hinter uns – hinter Fotograf Alexander Jennewein und mir.

Ich werfe einen Blick zurück. Unter uns liegt Wiesensteig. In den frühen Morgenstunden wirkt das idyllische Städtchen von hier oben seltsam entrückt. Während sich das Dunkel um uns windet, schlängeln sich goldene Kanäle aus purem Licht um die Häuser des Ortes.

Erster Teil: Von Hoffnung und Grausamkeit

Wir gehen an der fünften Station des Kreuzweges vorbei: Sie zeigt Simon von Cyrene. Der Feldarbeiter soll Jesus von Nazareth geholfen haben, das Kreuz zu tragen. Römische Soldaten hatten ihn laut Matthäus-Evangelium (27,32) dazu gezwungen.

Kreuzwege sollen an die Leiden erinnern, die Jesus vor 2000 Jahren für uns ertragen musste.

Seit wann es den Kreuzweg bei Wiesensteig gibt, ist unklar. Womöglich existiert er seit 1825. Damals wurde auch die Kapelle dort oben errichtet. Was wir aber wissen, ist, dass Creszentia Gerber im Jahr 1934 alle Stationen erneuern ließ.

Bis die Sonne aufgeht, dauert es nicht mehr lange. Der Morgen kündigt sie an. Er beginnt bereits damit, die undurchdringliche Schwärze zu zerlegen. Fragment für Fragment baut der Morgen die Schwärze ab und leuchtet in einem dunklen Blau über den Bäumen.

Der Anblick hat etwas Mystisches. Er hält die Seele fest im Griff. Sie erblickt die Natur in einer Mischung aus Überwältigung und einem wohligen Gefühl für das Unheimliche.

Manch einen erfüllt ein Kreuz mit tiefem Seelenfrieden. Gläubige falten ihre Hände, senken ihr Haupt, suchen Gott in der Stille und finden ihn dort.

Andere starben qualvoll wegen des Kreuzes. Irrglaube ermutigte kluge wie brutale Menschen dazu grausame Taten zu begehen. Sie verurteilten, folterten, töteten.

Wer den Pfaden christlicher Geschichte geistig folgt, wird Spuren der Hoffnung und Grausamkeit auch rund um Wiesensteig entdecken.

Zweiter Teil: Mörderischer Irrsinn

Jennewein und ich folgen heute den Pfaden aber noch tiefer in die Vergangenheit zurück: ins 16. und frühe 17. Jahrhundert. Laut der Wiesensteiger Chroniken ließ die Gräfin Eleonore von Helfenstein 1626 ein Kruzifix auf der Albhochfläche nördlich von Wiesensteig errichten.

Zu Zeiten der Reformation (1517 – 1648) spaltete der christliche Glaube die Menschen in Europa. Kriege wüteten und Brutalität herrschte. Viele suchten Halt im Glauben, andere verteufelten ihn, weil diese Kriege im Schoß der Religion geboren waren. Die Reformation gipfelte im Dreißigjährigen Krieg und wurde erst 1648 mit dem Westfälischen Frieden beendet.

Jennewein und ich gehen an weiteren Kreuzwegstationen vorbei. In uns entfalten sich keine religiösen Gefühle. Schritt für Schritt nähern wir uns der Kreuzkapelle. Auf dem Weg nach oben steigen wir über kantige Steine und knorrige Wurzeln, die vom Erdreich ausgespuckt wurden.

Die Welt ist am Erwachen, als wir bei der Kreuzkapelle ankommen. Sie thront seit 1825 über Wiesensteig. Bürger hatten sie mit Spenden überhaupt erst möglich gemacht. Die Kreuzkapelle sollte das Kruzifix vor der Witterung schützen, das die Gräfin 200 Jahre vorher errichten ließ.

Die Menschen und ihr Glaube: Während der Reformation wütete der Mensch gewordene Irrsinn in dieser Gegend. Zwischen 1562 und 1611 starben 111 Frauen und ein Mann, weil sie angeblich Hexen waren. Wer an Wiesensteig in Richtung Neidlinger Steige vorbeigeht, kommt in das Gewann Galgen. Dort sollen diese 112 Menschen den Tod gefunden haben.

Im vergangenen Jahr feierten Gläubige das Reformationsjubiläum – und ausgerechnet da verabschiedeten die Gemeinderäte eine Resolution, um die „unschuldig gequälten und hingerichteten Opfer der Hexen- und Zaubererverfolgung während des 16. und 17. Jahrhunderts“ zu rehabilitieren.

„Im Verhältnis waren das sehr viele Menschen“, sagte mir tags zuvor der Wiesensteiger Ortshistoriker Helmut Poloczek. Damals lebten um die 7000 Menschen in der Region des Ortes, 112 sollen Diener des Teufels gewesen sein.

Graf Ulrich von Helfenstein hatte damals Jagd auf die vermeintlichen Hexen gemacht. Er fühlte sich zweifellos bekräftigt durch den Reformator Martin Luther, der bekanntermaßen fest an Hexen geglaubt und die Hexenjagd befürwortet hatte. „Er war ein Kind seiner Zeit“, sagt Poloczek.

Dritter Teil: Wenn ein Riese eine Burg errichtet

Wir lassen die Kreuzkapelle und die christliche Geschichte hinter uns und gehen zurück in die Gegenwart. Von Wiesensteig aus führt ein Wanderweg weiter in Richtung Neidlingen. Dort ist eine der schönsten Burgen der Schwäbischen Alb zu sehen. Es scheint, als wäre sie direkt aus dem Felsen gewachsen.

Steile Kalksteinfelsen erheben sich majestätisch über den Ort. Der Anblick der Burgruine Reußenstein entzündete schon im frühen 19. Jahrhundert bei Dichtern und Künstlern die Fantasie.

Der Schriftsteller Wilhelm Hauff (1802 – 1827) beschrieb die Sage vom Riesen Heim in seinen historischen Roman „Lichtenstein“. Darin heißt es, dass einst ein Riese lebte in der Höhle Heimenstein. Sie lag gegenüber des Reußensteins. Mit einem Fehltritt ins Tal erschuf der Riese die Quelle der Lindach. Dann ließ er die Menschen die Burg Reißenstein erbauen.

Ohne die Hilfe eines Schlossergesellen hätte er sein Ziel wohl nicht erreicht. Der junge Mann schlug in schwindelerregender Höhe am obersten Fenster der Burg einen noch fehlenden Nagel ein, während ihn der Riese festhielt.

Die Mühen und der Mut lohnten sich für den Schlossergesellen: Ihm schenkte der Riese die Burg. Außerdem durfte er die Tochter des Schlossermeisters heiraten, in die er sich verliebt hatte.

Die Reportage ist Teil einer Online-Serie unserer Zeitung. Weitere Folgen:

- Eine Nachtwanderung zur Burgruine Hiltenburg

- Ein Porträt über den Fotografen der Serie