Genaugenommen können Anfänger bereits bei der kurvigen Anfahrt rauf und runter nach Grabenstetten ihre Beweglichkeit und Wendigkeit trainieren. „Wenn’s allen recht ist, duzen wir uns, ich bin die Johanna“, begrüßt die erfahrene Höhlenführerin, die mit ihrem Mann Peter quasi mit ihrer Outdoor-Event-Firma in Gruibingen ihr Hobby zum Beruf gemacht hat, die Gruppe. Nachdem die Ansprache untereinander geklärt ist, erfolgt die Materialausgabe am Treffpunkt Waldparkplatz, manche wechseln noch vorausschauend ihre Klamotten und Schuhe, neu gegen alt. Alle Taschen werden gelehrt, Handys, Autoschlüssel und Geldbeutel schließt Johanna im Wagen ein.

Der Zustieg zum Höhlenportal führt bisweilen durch den Wald über einen kleinen schmalen Pfad direkt an einem Steilhang. Bevor es in das unbekannte dunkle „Nichts“ geht, bekommen die Teilnehmer noch einige Informationen, die beim „Befahren“ der Höhle wichtig sind. So lautet übrigens der Fachjargon für das Begehen einer Höhle. „Denkt bitte daran, wir nehmen nichts mit rein und nichts mit raus. Weder Stalaktiten von der Decke oder Stalagmiten vom Boden noch Steine“, bittet Johanna und streift kurz die Entstehung der Höhlen auf der Alb vor rund 150 Millionen Jahren: „Einen Zentimeter wächst ein Tropfstein im Schnitt in 50 bis 70 Jahren.“

Nur wenig Platz

Doch dann heißt es: Helme auf, Stirnlampen an und los geht's. Bereits das Höhlenportal lässt erahnen, dass die „Gusti“ nicht gerade übermäßig geräumig ist. Kein Problem, schließlich haben das schon ganz andere geschafft. Wenige Meter später lassen wir das Tageslicht immer mehr hinter uns, tauchen in eine andere Welt ein. Nur der schwache gezielte Lichtschein der Helmlampen strahlt auf die feuchten und glitschigen Wände… und „Meta menardi“. Eine große schwarze Höhlenspinne, die gerade einen Artgenossen verspeist, erzählt Johanna von der Vorliebe der Achtbeiner, die ausschließlich in der Zwischenwelt vorkommen, weil sie zum Leben etwas Helligkeit brauchen. Glück gehabt! Schließlich soll man ja auch nichts mit rein nehmen.

Mittlerweile ist es angenehm kühl, so um die 12 Grad. Der Geruch ist typisch etwas modrig, erdig, steinig – fast wie in alten Gewölbekellern, aber nicht unangenehm. Tropfsteine glitzern um die Wette, die meisten sind klein und niedlich und immer wieder Schlufe. Wieder so ein Fachausdruck. Schluf bezeichnet eine Engstelle in einem Höhlensystem, die man in der Regel nur auf dem Boden kriechend passieren kann. Ob da wohl der Ausdruck „schlürf nicht so“ herkommt?

Bäuchlings durch die Höhle

Komische Gedanken schießen einem durch den Kopf, während man hintereinander im „Gänsemarsch“ gebückt, auf dem Hosenboden, kniend oder bäuchlings durch die Höhle kriecht. Immer wieder erstaunlich, wie dünn sich doch die Menschen machen können. Manchmal sind die Felsspalten gerade mal zwischen 30 und 40 Zentimeter breit. Dort kommt man nur seitlich durch, was heißt, alles einziehen, was geht. Im Vorteil sind die Schlanken, allerdings tröstet Johanna: „Es kommt auf die Wendigkeit an. Wir haben hier schon stattliche Kerle von 1,90 Meter mit breiten Schultern durchgeschleust.“ Dennoch: Bierbäuche müssen draußen bleiben. In der „Gusti“ gibt es nur drei Hallen, in denen man aufrecht stehen kann. Weil die aber wenig Standfläche haben, heißt es eng aneinander kuscheln. „Berührungsängste solltet ihr da nicht haben“, weiß Johanna aus Erfahrung.

Überhaupt nimmt sich die erfahrene Höhlentrainerin für jeden Teilnehmer bei Bedarf Zeit. Gibt wertvolle Tipps, wenn Knochen, Gelenke und Muskeln nicht so wollen, wie es nötig wäre, um sich durch die Öffnung hindurch zu schlängeln. Jede Körpergröße habe da ihr eigenes Problem. Während die Großen sich häufig richtig klein machen müssen, was ins Kreutz geht, finden die Kurzen bei weit auseinanderliegenden Trittstellen oft keinen Halt, landet ein Fuß im Nichts. Insofern benötigt es viel Kraft, um sich selbst hochzuziehen. Nur blöd, weil hier alles ziemlich glatt und rutschig ist.

Kein Gejammer 

Trotzdem, die Gruppe ist mitten drin im Höhlenbann. Kein Gejammer, kein Wehklagen. Von vorne ertönt Gelächter, von hinten ab und an Schnaufen. Massive Felsbrocken über den Köpfen, absolute Dunkelheit, die allein durch den kleinen Strahl der Kopflampe durchbrochen wird und oft keine Ahnung, wie man aus der Felsspalte wieder herauskommt. 

Doch peinlich muss es keinem sein. Selbst wenn man die anderen ausbremst, weil man etwas langsamer ist oder feststeckt, irreal eingekeilt zwischen Dreck, spitzen Steinen, feuchtem Boden und Felswänden. Ade du schöne Welt. „Wir warten auf jeden und helfen einander“, unterstreicht Johanna die Teamgemeinschaft. Manchmal bedarf es nur eines kleines Schubs auf den Po, oder man schiebt kräftig nach. Und schon schlängelt man sich wieder durch enge Gänge, Löcher und Felsspalten hindurch.„Mein ältester Teilnehmer war 77 Jahre alt“, verrät Johanna, die seit Bestehen der Outdoor-Event-Firma jährlich zwischen 30 und 35 mal durch diverse Höhlen robbt.

Letzte Herausforderung

Mittlerweile spürt man jeden Knochen und das Schlimmste, der „Geburtskanal“ kommt noch. „Kein Mensch der Welt kann sich an seine eigene Geburt erinnern. Heute könnt ihr es wenigstens ein bissche nachvollziehen, wie sich die Babys fühlen“, so Johanna, die immer einen Scherz auf den Lippen hat. Doch auch diese letzte enge Herausforderung, die wieder ans Tageslicht führt, meistert die Gruppe.

Braucht man das wirklich? Ja, sagen acht von zehn Teilnehmern. Einige hatten sogar anschließend noch die Falkensteiner Höhle gebucht. Eine wasserführende Höhle, bei der man einen Neoprenanzug benötigt. Zwei wollten sich ein Höhlenabenteuer nach „Gusti“ nicht mehr antun. Für die große Mehrheit war es aber „super“. Sarah aus Stuttgart brachte es auf einen knappen Nenner: „Dunkel, feucht, glitschig, witzig.“   

Die Gustav-Jakob-Höhle

Geschichte: Die 1936 von den beiden Grabenstetter Gemeindearbeitern Gustav Fetzer und Jakob Kazmaier entdeckte Höhle durchbricht den Bergsporn unterhalb der Ruine Hofen auf einer Hauptgang-Länge von ca. 210 Meter. Mit insgesamt etwa 400 Meter ist sie die längste bekannte Durchgangshöhle der Schwäbischen Alb. Der Höhlengang der „Gusti“, die kein Wasser führt, ist mit Ausnahme der Hallen recht eng und in einigen Passagen so niedrig, dass nur durch Kriechen („Schlufen“) ein Weiterkommen möglich ist. Auf der Alb gibt es etwa zehn Prozent Durchgangshöhlen, die restlichen 90 Prozent sind Sackgassen. Man gelangt vom Wanderparkplatz (bei der Kläranlage) zur Ruine Hofen und dann über sehr schmale, an einem Steilhang liegende Waldpfade Dier Gustav-Jakob-Höhle ist zum Schutz der Fledermäuse während ihres Winterschlafs vom 1. Oktober bis 15. April nicht befahrbar.

Höhlentour: Vorkenntnisse sind nicht zwingend erforderlich. Eine normale, gesunde, körperliche Konstitution sowie eine Portion Mut mit Blick auf Enge und Dunkelheit sind ausreichend. Erforderlich sind robuste und möglichst alte (warme) Kleidung, festes Schuhwerk sowie komplette Wechselkleidung. Dauer je nach Anzahl der Personen zwischen einer und zwei Stunden. Geeignet für Familien mit Kindern ab acht Jahren, jünger auf Anfrage.

Anbieter: Geführte Höhlentouren durch gut ausgebildete und erfahrene Höhlentrainer sowie mit Leihgabe von Helm und Stirnlampe werden u.a. angeboten von: Con-la-Natura, Peter Böhringer, 73344 Gruibingen, www.con-la-natura.de Team-X, Volker Dengel, 73035 Göppingen, www.team-x.de Arbeitsgemeinschaft Höhle und Karst Grabenstetten e.V., Christoph Gruner, 89081 Ulm, info@arge-grabenstetten.de