Mühlhausen/Wiesensteig ICE-Neubau: In sieben Sekunden übers Filstal

Mühlhausen/Wiesensteig / Jochen Horndasch 18.06.2018
14.000 Menschen wollten am Wochenende die Baustellen an der Filstalbrücke und am Boßlertunnel sehen.

Es geht steil bergauf, langsam geht die Puste aus. Vom Filstal aus sind es beschwerliche 85 Höhenmeter bis zum Ziel, doch rund 14 000 Besucher hält das nicht ab – sie erklimmen am Wochenende den Albtrauf zwischen Mühlhausen und Wiesensteig, um sich anzuschauen, was derzeit rund um das Mammutprojekt Stuttgart 21 und damit an der Neubaustrecke Wendlingen-Ulm passiert.

Die Tage der offenen Baustelle am Boßlertunnel und der Fils­talbrücke locken Massen an: Im Zehn-Minuten-Takt bringen die Shuttlebusse aus Geislingen und Aichelberg neue Besucher. Man wolle ein Projekt zum Anfassen präsentieren, erklärt S 21-Marketingleiterin Tanja Sehner. Und so gibt es außer der Baustellenbesichtigung Musik, Bewirtung der Wiesensteiger Vereine und ein Kinderprogramm mit heiß begehrtem Kleinbagger – fertig ist die Familienveranstaltung fürs Wochenende.

Projektleiter Jörg Müller, der für Boßler- und Steinbühltunnel sowie die Filstalbrücke verantwortlich ist, liefert im Gegensatz dazu knallharte Fakten rund um die Baustelle: Im November 2016 wurde nach 19-monatiger Bauzeit die erste Röhre des 8800 Meter langen Boßlertunnels fertiggestellt. Vor wenigen Tagen und nach einer Bauzeit von 14 Monaten meldeten die Arbeiter an der zweiten Röhre Vollzug. Sie verläuft im Abstand von 30 Metern neben der ersten Röhre. Aufgrund der Erfahrungen habe man beim Bau der zweiten Röhre die Arbeiten optimieren können und so Zeit gewonnen, erklärt Müller.

200 Höhenmeter

Beide Tunnel überwinden von Aichelberg aus gut 200 Höhenmeter und kommen 85 Meter oberhalb des Filstals zwischen Wiesensteig und Mühlhausen aus dem Braunjura der Schwäbischen Alb. 4,4 Millionen Tonnen Abraum an Ton und Mergel verursachten die Bohrungen, wobei die Ziegelindustrie in Bayern drei Millionen abnahm. „180 randvoll beladene Lkw haben täglich bis zu 14 000 Tonnen Abraum ins Nachbarland Bayern befördert“, erläutert Müller.

Ein Großteil der Bohrarbeiten erledigte die Tunnelvortriebsmaschine Käthchen. Das Schneidrad dieses 2500 Tonnen schweren und 110 Meter langen Monsters fraß ein kreisrundes Loch mit einem Durchmesser von elf Metern in den Berg, das direkt im Anschluss mit insgesamt 4400 Tunnelringen aus Beton ausgekleidet wurde. Jeder Ring besteht aus sieben einzelnen Segmenten, die auf der Baustelle am Aichelberg hergestellt wurden. Die Gleise werden auf einer festen Fahrbahn aus Beton verschraubt. Nach dem Boßlertunnel geht es übers Filstal: Die 500 Meter lange und 85 Meter hohe Filstalbrücke überspannt den Taleinschnitt, bevor die Züge künftig in den 4800 Meter langen Steinbühltunnel eintauchen und bei Hohenstadt, auf 746 Metern, wieder das Tageslicht erblicken.

Das Filstal wird mit zwei voneinander getrennten und 8,50 Meter breiten Brücken überquert, die jeweils auf fünf Pfeilern stehen. Vier Pfeiler sind hohl, um Wartungs-, Kontroll- und Sanierungsarbeiten ausführen zu können. Die anderen sind aus massivem Beton und stehen jeweils auf einem 500 Kubikmeter großen Fundament.

Bis in einem Jahr werde die 54 Millionen teure Filstalbrücke zumindest äußerlich weitgehend fertig sein, sagt Müller. Auch die beiden Tunnel – der 410 Millionen Euro teure Boßler- und der 220 Millionen Euro teure Steinbühltunnel – sollen bis dahin weitgehend fertig sein.

Im Jahr 2022, so die derzeitige Planung, sollen für die gesamte 3,7 Milliarden teure Neubaustrecke Wendlingen-Ulm die Signale dann auf Grün stehen: Mit Spitzengeschwindigkeiten von 250 Stundenkilometern sollen dann die Züge den Albaufstieg hochbrettern, in zwei Minuten durch den Boßlertunnel und in nur sieben Sekunden über das Filstal schießen.

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