Gingen Historikerin mit faszinierenden Thesen

Dr. Gabriele von Trauchburg führt ihre Zuhörer in die Geheimnisse des Gingener Weltengerichts-Freskos ein.
Dr. Gabriele von Trauchburg führt ihre Zuhörer in die Geheimnisse des Gingener Weltengerichts-Freskos ein. © Foto: Claudia Burst
Gingen / CLAUDIA BURST 31.08.2013
Historikerin Gabriele von Trauchburg verknüpft Geschichte mit Kunstgeschichte. Damit schließt sie Wissenslücken zum 1524 entstandenen Weltengerichts-Fresko in der Gingener Johanneskirche.

Es war 1964, als bei der Innen-Renovierung der Gingener Johanneskirche unter sieben Schichten Tünche ein monumentales Weltengerichts-Fresko aus dem Jahr 1524 freigelegt wurde. Wer hat das Bild in Auftrag gegeben, wer hat es gemalt - und vor allem, warum?

Diesen Fragen ging Dr. Gabriele von Trauchburg beim Sommer der Ver-Führungen nach. Die Gingener Historikerin hat sich mit dem Fresko im Rahmen ihrer aktuellen Arbeit für die Gingener Ortsgeschichte beschäftigt. Dabei stieß sie auf neue Erkenntnisse, die sie ihren 15 Zuhörern auf die ihr eigene, spannende Weise schilderte.

"Das Fresko liegt zu weit abseits vom akademischen Schuss, bis heute hat sich kein kunsthistorisches Institut für diese Malerei interessiert", machte die Geschichtsexpertin deutlich. Weil sich im Lauf der vergangenen Jahrzehnte in der Kunst- und Geschichtswissenschaft speziell im Ulmer Kontext viel getan hat, konnte Gabriele von Trauchburg bei ihren Recherchen Altbekanntes mit Neuem, Geschichte mit Kunstgeschichte verknüpfen und kam zu verblüffenden Ergebnissen.

Im Lauf von zwei Stunden entwickelte die Referentin ein lebendiges Bild der Gingener Kirchengeschichte ab dem Jahr 915. Damals fiel das Dorf an der Fils als Schenkung an das Kloster Lorsch. Bei dessen Auflösung ging es in den Besitz des Erzbischofs von Mainz über - das Gingener Patronat, also die Kirche, verblieb dort auch noch zu der Zeit, als das Dorf selbst bereits im Besitz der evangelischen Ulmer war. Das führte zu erheblichen Spannungen, vor allem nach 1531.

Im Jahr 1524 war Eitel Sigmund von Berg Patron des Mainzers in Gingen. Sein Wappen sowie das Wappen seiner Gattin Ursula von Späth sind im Fresko zu sehen. Das macht es wahrscheinlich, dass er der Auftraggeber des Freskos war, erklärte von Trauchburg. Warum jedoch ließ er das Bild dort malen, wo es das Volk beim Kirchenbesuch sah - und nicht, wie beispielsweise in Salach oder Stötten - im Chor, um die Geistlichen damit anzusprechen?

Die Zeit der Entstehung des Freskos fiel in die unruhige Epoche der Bauernkriege und Reformation. Gingen lag an einer der wichtigsten Handelsstraßen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, Gutenberg hatte bereits die Druckerpresse erfunden - die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Gingener bereits von Luther und seinen Thesen gehört hatten.

Gabriele von Trauchburg ist überzeugt: Das Weltengerichts-Fresko war mehr als Verzierung. Es war ein Propagandabild für die katholische Kirche. Seine inhaltlichen Details warnten die Gingener eindrücklich vor dem Wechsel zum Protestantismus. Die Historikerin ging auf diese Details näher ein, um ihren Zuhörern ihre eigenen Gedankengänge nachvollziehbar zu machen.

"Wer war nun in der Lage, so zu malen, dass es die Leute verstehen?" fragte sie schließlich. Nach ihren bisherigen Ausführungen musste dies ein Katholik gewesen sein. Der Aufbau des Bildes spricht für einen Ulmer Künstler- und einen renommierten Vertreter seines Standes, handelte es sich doch immerhin um die Kirche, die dem Mainzer Erzbischof unterstand.

Durch das Ausschlussverfahren kam die Historikerin zu dem Schluss, dass es sich beim Erschaffer des Freskos um Martin Schaffner handelt. Auch diese These belegte sie mit zahlreichen Hinweisen - etwa mit der Vermutung, dass sich der Künstler im Bild des gehörnten Mose selbst verewigt hat. Zum Beweis legte Gabriele von Trauchburg ihren Gästen zwei weitere Selbstbildnisse des Künstlers vor. Die vielen Fragen der Teilnehmer am Ende der Führung zeigten, dass sie das Interesse ihrer Zuhörer geweckt hatte.

Schon ver-führt?
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel