Porträt Heimatverbundene Schafferin

So kannten die Schlater ihre Helene Mühlhäuser: Ihre Gedichte waren gefragt, und das Theater war ihre große Leidenschaft in der knapp bemessenen Freizeit.
So kannten die Schlater ihre Helene Mühlhäuser: Ihre Gedichte waren gefragt, und das Theater war ihre große Leidenschaft in der knapp bemessenen Freizeit. © Foto: Privat
SWP 04.05.2018

S’Dorfleba“, „Onser Wasserberg“, „Dr Schlater Herbst“ – schon die Titel einer kleinen Auswahl der zahlreichen Gedichte und des Schlater Heimatliedes, die Helene Mühlhäuser zeitlebens verfasst hat, macht deutlich, wo und für wen ihr Herz schlug.

„Meine Schwester war sehr heimatverbunden“, erinnert sich Ernst Mühlhäuser. Sie hat sich den Schlatern immer nahe gefühlt und so war es fast schon zwangsläufig, dass sie sich in vielfältiger Weise in und für ihren Heimatort engagierte. „Sie ist während des Krieges aufgewachsen und erlebte, wie wichtig es ist, füreinander da zu sein“. Als Älteste von vier Geschwister musste die 1933 geborene früh Verantwortung übernehmen, in der elterlichen Landwirtschaft mithelfen, die Mutter unterstützen, die sich alleine um alles kümmerte, nachdem der Vater in den Krieg eingezogen wurde und dann in Gefangenschaft geriet.

Nach der Volksschule besuchte Helene Mühlhäuser die Landwirtschafts- und dann eine Hauswirtschaftsschule. „Da hat sie kochen gelernt“ und konnte sich so ihr erstes Geld verdienen. Immer, wenn in Schlat eine Taufe oder Konfirmation anstand, wussten die Schlater, dass sie sich auf die Kochkünste von Helene Mühlhäuser verlassen konnten. Aber auch als „Kindsbettmagd“ war sie gern gesehen und unterstützte die jungen Mütter.

Gleichzeitig unterstützte sie ihren Vater, der eine kleine Versicherungsagentur führte. „35 Jahre lang ging sie regelmäßig von Haus zu Haus und hat die Prämien kassiert“, erinnert sich der Bruder. Wie auch die Rechnungen des Tierarztes. Seit den fünfziger Jahren kannten sie die Göppinger Wochenmarktkunden. „Sie war Marktbeschickerin mit Leib und Seele“. Für ihre Nichten und Neffen war es immer etwas Besonderes, wenn sie in den Ferien mit auf den Markt gehen durften.

In den siebziger Jahren dann, nach dem plötzlichen Tod ihres Bruders, übernahm sie die Landwirtschaft, „war sich für keine Arbeit zu schade“. Und hatte immer auch noch Zeit, in der „Molke“ auszuhelfen. Als die Molkereigenossenschaft dann einen kleinen Laden aufbaute, in dem es Molkereiprodukte und Süßigkeiten zu kaufen gab, „betrieb sie ihn jahrelang“.
 Die Liste der Aufgaben, die die rührige Schlaterin übernahm, scheint kein Ende zu nehmen. Denn in der sicher knapp bemessenen Freizeit engagierte sie sich in vielen Schlater Vereinen. Als ihre Tante Gretel die Lichtstube nicht mehr leiten konnte, übernahm sie deren Aufgabe und sie spielte bei jeder Gelegenheit noch Theater. „Das war ihre Leidenschaft, ihr Ein und Alles“, bekräftigt Ernst Mühlhäuser. Ob der Schlater Albverein – da war sie 35 Jahre lang Schriftführerin und unterstützte den Bau des Albvereinsheimes – oder gerade die Landfrauen, deren Vorsitz sie jahrzehntelang übernommen hatte, erlebten eine humorvolle und fröhliche Helene, die sich in ihren Gedichten und Geschichten als genaue Beobachterin erweist und Themen auf den Punkt bringt. Das wussten die Schlater und ließen sich für besondere Anlässe Reime verfassen.

Im offiziellen politischen Leben freilich tauchte Helene Mühlhäuser nie auf. „Vielleicht wurde sie nie gefragt, ob sie für den Gemeinderat kandidieren wolle“, vermutet Ernst Mühlhäuser, der dem Gremium wie auch sein Bruder Heinz lange Jahre angehörte.

„Sie war eine sehr selbstbewusste Frau, die genau wusste, was sie wollte“, beschreibt er seine vor neun Jahren an einer schweren Krebserkrankung verstorbene Schwester. Auch innerhalb der Familie habe sie ohne lange Diskussionen Aufgaben übernommen, habe Anfang der neunziger Jahre die Treffen der „Mühlhäuser-Sippe“ mitorganisiert und mit den Kindern immer ein kleines Theaterstück und Lieder einstudiert.

Bei aller Heimatverbundenheit hatte sie den Blick nach außen und war technischen Neuerungen stets sehr aufgeschlossen gegenüber. „Als der erste Traktor ins Haus kam, hat sie sich darauf gesetzt und ist ohne viel Federlesen gleich losgefahren“.

Vielen Schlatern ist „d’Helene“ gut im Gedächtnis geblieben, besonders beim Albverein und den Landfrauen. „Sie waren ihr sehr wichtig“. Und ihnen hat sie anlässlich deren 70-jährigen Bestehens ein schönes Gedicht geschrieben, das alle wichtigen Stationen Revue passieren lässt. Es wird von Marianne Müller, der heutigen Vorsitzenden der Schlater Landfrauen ebenso in Ehren gehalten wie die Fotoalben mit den zahlreichen Bildern, die belegen, wie engagiert und begeisterungsfähig „d’Helene“ war.

Info Das Büchlein „... so sott’s halt bleiba“ mit viel Gedichten ist im Eigenverlag erschienen und bei Ernst Mühlhäuser in Schlat erhältlich.

Porträtreihe über starke Frauen im Landkreis

Jubiläum In diesem Jahr feiert der Landkreis Göppingen seinen 80. Geburtstag, zudem wird das  Frauenwahlrecht 100 Jahre alt. Die NWZ veröffentlicht aus diesem Anlass die  Porträtreihe „ Starke  Frauen“, die im Landkreis als „Heldinnen des Alltags“ oft im Verborgenen Großartiges leisten. Ob die Pflege von Angehörigen, herausragende Leistungen als Unternehmerin, Künstlerin, Politikerin und Sportlerin oder unermüdliches Engagement im Ehrenamt – die Serie soll  Frauen und ihre Arbeit zeigen. Bisher wurden in dieser Serie Ilse Birzele, Barbara Küpper, Susanne Weißkopf, Caroline Märklin, Lena Urbaniak, Claudia A. Schlürmann, Angeline Fischer, Margret Hofheinz-Döring, Marga Lorch, Renate Mutschler, Birgit Göser und Gabriele  von  Trauchburg vorgestellt.

Kooperation Die Serie „ Starke  Frauen“ erscheint in Zusammenarbeit mit der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises, Lidwine Reustle, dem Kreis frauenrat und der Geislinger Zeitung. Die  Frauen-Porträts begleiten das ganze Jubiläumsjahr 2018.