Adelberg Heilkräutergarten als Tankstelle für Insekten

Adelberg / Kristina Betz 11.09.2018
Über 200 Arten wachsen im Heikräutergarten in Adelberg. Das Kleinod von Hans-Joachim Schneider wurde jetzt von einer UN-Dekade ausgezeichnet.

Hans-Joachim Schneider zeigt auf große umgeknickte Kompasspflanzen. Die hochwachsenden Pflanzen sind vornüber gekippt – die Insekten hält das nicht ab. Bienen, Hummeln und Schmetterlinge freuen sich über die natürliche „Tankstelle“, wie Schneider sie nennt. Der Heilpraktiker hat die Fläche am Adelberger Kloster im Jahr 2000 in einen Heilkräutergarten verwandelt. Aufmerksamkeit ist er seither gewohnt: Presse, das Fernsehen und Gruppen kommen, wegen den exotischen Pflanzensorten. Und davon gibt es im Adelberger Heilkräutergarten viele: Über 200 Heilpflanzenarten wuchern in den sechs angelegten Beeten.

Obwohl nur 10 Zentimeter Erde die Kräuter vom Fundament des alten Franziskanerklosters trennen. Das ist auch der Grund, weshalb die hochwachsende Kompasspflanze nicht gestützt werden kann und nun herab hängt. Mit Blick auf die schwer beladenen Bienen an den gelben Blüten ergänzt Schneider: „Sieht zwar nicht so schön aus, aber die Insekten freuen sich – deshalb werden die Pflanzen auch nicht abgeschnitten“.

Die Saison des Heilkräutergartens ist schon fast vorüber. Der öffentlich zugängliche Garten wird demnächst geschlossen. Viele der Pflanzen bleiben, damit die Vögel die Samen im Herbst holen und verbreiten. Überall um das Kloster haben sich bereits seltene Pflanzenarten aus dem Klostergarten verbreitet. Ein wichtiger Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt: „Es gibt über 450 Heilpflanzenarten – und alle sind vom Aussterben bedroht“, sagt Schneider.

Die 200 Arten in Schneiders Garten kommen aus allen Teilen der Welt. „Ob China, Teneriffa oder Polen – ich suche überall nach Heilpflanzen“, erzählt der Heilpraktiker und ergänzt: „Ich habe aus China schon einen ganzen Koffer mit Setzlingen rausgeschmuggelt.“ So kommt es, dass im Garten der mexikanische Stechapfel wächst. Die Pflanze hat Schneider aus dem Teneriffa-Urlaub mitgebracht. „Der Stechapfel wurde von Auswanderern aus Mexiko mitgebracht,  in Teneriffa ist die Hauptflora südamerikanisch“, weiß Schneider. Die Pflanze ist hochhalluzinogen und wird in der Naturheilpraktik zum Beispiel als Herzmedikament verabreicht. Für den Eigengebrauch stellt Hans-Joachim Schneider Tinkturen, Cremes, Salben und Tees aus den Heilkräutern her. Vor allem aus Salbei, Eibisch, Johanniskraut oder Beinwell, aus dem sich Tinkturen gegen Prellungen herstellen lassen. Für seine Naturheilpraxis in Eislingen darf Hans-Joachim Schneider die natürlich hergestellten Medikamente allerdings nicht verarbeiten.

Für Schneider war die Faszination bereits vor seiner Ausbildung zum Naturheilpraktiker groß. Bereits mit 15 suchte er nach eigenen Angaben in den Wiesen nach Kräutern. „70 bis 80 Heilkräuterpflanzen zum Beispiel Kümmel habe ich damals in den heimischen Wiesen gefunden“, erzählt er wehmütig. Heute sei das anders. Ein Hauptgrund sei die Nutzung der Wiesen und das ständige Abmähen, „keine Pflanze überlebt diese Tortur“, ist sich der Naturheilpraktiker sicher.

Umso wichtiger sei es, dass in der Gesellschaft für das Thema sensibilisiert werde. Bei der Stadt Göppingen hat sich Schneider erst jüngst mit einem Projekt beworben: „Ich will freie Flächen, zum Beispiel Verkehrsinseln, mit Wildblumen zu vielen Tankstellen für Insekten machen“, erklärt er. Bei der Stadt Eislingen habe er mit dieser Idee nicht landen können. „Kein Geld“, sei die Antwort der Stadt gewesen. Nun hoffe er auf Unterstützung der Stadt Göppingen. „Die Insekten fliegen von Tankstelle zu Tankstelle, finden sie keine mehr, fallen sie einfach um“, verdeutlicht Schneider.

Er bedauert, dass viele Gärten heute insektenfeindlich, statt insektenfreundlich seien. „Überall wird betoniert und verdichtet – das ist zum Heulen“, findet Schneider. Die Gartenkultur heute sei eine Katastrophe. So empfiehlt Schneider das Aussähen von Wildblumen und das späte Abmähen von Wiesen.

Außerdem solle man statt  der „sterilen“ ­Geranien, die zwar hübsch aussehen, aber unattraktiv für Insekten sind, lieber Pflanzen wie beispielsweise Strohblumen oder Lobelien pflanzen, empfiehlt er.

„Ohne angeben zu wollen“, sagt Schneider, „aber der Garten hier ist wahrscheinlich deutschlandweit der vielseitigste.“ So gibt es im Heilkräutergarten in Lorch rund 20 Arten, in Hohenheim rund 60 Arten. In den Garten investiert Schneider rund 200 Stunden im Jahr, schätzt er. Von der Gemeinde erhält er dafür eine finanzielle Aufwandsentschädigung. Auch Zuhause kümmert sich Schneider um den Artenerhalt: „Meine ganze Wohnung ist eine einzige Aufzuchtstation.“

Ziel der Dekade ist es, den Rückgang der Artenvielfalt aufzuhalten

Das Projekt wurde von der UN-Dekade „Biologische Vielfalt“ ausgezeichnet. Eine Jury hat über die Qualität der eingereichten Projekte entschieden. „Mit diesem vorbildlichen Projekt wird ein bedeutendes Zeichen für das Engagement für die biologische Vielfalt in Deutschland gesetzt“, heißt es in einer Pressemitteilung der UN-Dekade.

Der Wettbewerb wird im Auftrag des Bundesumweltministeriums und des Bundesamtes für Naturschutz von der Geschäftsstelle der UN-Dekade Biologische Vielfalt mit Sitz in Hürth ausgerichtet. Die Auszeichnung dient als Qualitätssiegel und macht den Beteiligten bewusst, dass ihr Einsatz für die lebendige Vielfalt Teil einer weltweiten Strategie ist.

Ziel der Dekade ist es, den Rückgang der biologischen Vielfalt aufzuhalten. Dazu strebt die deutsche UN-Dekade eine Förderung des gesellschaftlichen Bewusstseins in Deutschland an. Die Auszeichnung nachahmenswerter Projekte soll dazu beitragen und die Menschen zum Mitmachen bewegen. Unter www.undekade-biologischevielfalt.de werden die Projekte vorgestellt. krib

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