Kreis Göppingen / Stefanie Schmidt  Uhr
Laut Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung gibt es im Kreis Göppingen genügend Hausärzte. Mit Fachärzten sei der Kreis sogar überversorgt.

Schlierbach hat 4000 Einwohner und einen Hausarzt – der Bedarf ist größer. „Aber wir finden niemanden, obwohl die Gemeinde Angebote macht ohne Ende“, klagte der aus Schlierbach stammende Kreisrat Kurt Moll (CDU) in der jüngsten Sitzung des Verwaltungsausschusses des Kreisrats. Auch im Raum  Geislingen haben niedergelassene Kassenärzte, die in Rente gehen, oft Probleme, einen Nachfolger für ihre Praxis zu finden.

Im Alter von 78 Jahren gibt Saadeh Essaid seine Praxis in Geislingen auf. Die Versorgung in der Fünftälerstadt verschärft sich weiter.

Überraschend fiel deshalb zunächst der Bericht über die ambulante ärztliche Versorgung im Landkreis aus, den Gesundheitsamtsleiter Heinz Pöhler dem Verwaltungsausschuss vorstellte. Die SPD-Fraktion hatte eine entsprechende Anfrage bei den Beratungen zum Haushalt 2018 gestellt. Das Fazit: Nach den Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) ist der Landkreis Göppingen in allen Planungsbereichen ausreichend mit Hausärzten versorgt, mit Fachärzten sogar überversorgt.

Praxen an Kapazitätsgrenze

Dies stünde „im großen Gegensatz zum Empfinden der Bevölkerung und der Patienten“, heißt es in der Sitzungsvorlage der Kreisverwaltung: Dem Gesundheitsamt werde immer wieder gemeldet, dass es „sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich“ sei, einen Termin bei einem Frauenarzt, Hautarzt oder Augenarzt zu erhalten. Darüber hinaus seien nach Informationen des Gesundheitsamtes auch viele Hausarztpraxen an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt und nähmen keine weiteren Patienten auf.

Nach dem Wegfall einer Praxis in Kuchen kritisiert Joachim Kozak die Vorschläge der Kassenärztlichen Vereinigung und fordert ein Umdenken im Gesundheitssystem.

Der Leiter des Gesundheitsamts erläuterte dem Verwaltungsausschuss, wie diese Diskrepanz zwischen Zahlen und tatsächlicher Situation zustande kommt. Für die Bedarfsplanung im Landkreis ist die KVBW zuständig. Dabei orientiert sie sich an der Planungsrichtlinie des sogenannten Gemeinsamen Bundesausschusses, der aus Vertretern von Krankenkassen und Ärzteschaft besteht. Patientenvertreter seien nicht dabei, betonte Pöhler. Der Bundesausschuss legt die Verhältniszahl fest, auf der die ganze Bedarfsplanung beruht. Für Hausärzte gilt zum Beispiel bundesweit: Wenn auf 1671 Einwohner innerhalb eines Planbezirks ein Hausarzt kommt, liegt der Versorgungsgrad bei 100 Prozent. Von einer Unterversorgung spricht die KVBW ab einem Versorgungsgrad von 75 Prozent.

In Kuchen schließt eine Hausarztpraxis und die Patienten sorgen sich darum, wer sie künftig behandelt.

Nach den Zahlen der KVBW liegt der hausärztliche Versorgungsgrad im Planungsbezirk Geislingen bei 96,6 Prozent, im Planungsbezirk Göppingen bei 91,5 Prozent.  Im Bereich Geislingen fehlt zur 100-Prozent-Marke ein zusätzlicher Vollzeitarzt, im Bereich Göppingen fehlen zehn.

Vier Gemeinden unterversorgt

Ein Knackpunkt: Die Bedarfsplanung geht nicht darauf ein, wie die Ärzte innerhalb eines Planungsbezirks verteilt sind. Doch wenn man weiter in diese Planungsbereiche hineinzoomt, wird deutlich, dass es in manchen Regionen trotz einer durchschnittlichen Versorgungsquote von knapp 100 Prozent im ganzen Planungsbereich eine Unterversorgung gibt. In diese Kategorie fallen im Planungsbereich Geislingen Bad Ditzenbach, wo zurzeit drei Hausärzte praktizieren und Bad Überkingen (zwei Hausärzte); im Bereich Göppingen sind die Kommunen Schlierbach (ein Hausarzt) und Salach (zwei Hausärzte) unterversorgt. 

Versorgungsgrad von 121 Prozent sagt wenig aus

Auch was die Fachärzte angeht, ist die Situation im Kreis Göppingen weit weniger rosig, als das Wort „Überversorgung“ vermuten lässt. Der Planungsbezirk für den Fachärzte-Bedarf ist noch großräumiger angelegt als bei der hausärztlichen Versorgung: Es ist der gesamte Landkreis Göppingen. Ein Versorgungsgrad von 121 Prozent bei Kinder- und Jugendärzten im Kreis sagt daher sehr wenig darüber aus, ob gerade Eltern in den ländlichen Gemeinden einen Kinderarzt in ihrer Nähe haben. Darüber hinaus wird bei der Bedarfsberechnung nicht zwischen Spezialisierungen innerhalb eines medizinischen Fachgebiets differenziert: So gibt es im ganzen Kreis Göppingen zwar 26 internistische Fachärzte, darunter ist aber nur ein Lungenfacharzt und ein Rheumatologe, die beide laut Gesundheitsamt sehr lange Wartezeiten haben oder zeitweise keine neuen Patienten aufnehmen.

Das Thema sorgte im Verwaltungsausschuss durchaus für Zündstoff. Vor allem die Frage, wie man  mehr Hausärzte für die unterversorgten Gegenden im Kreis dazugewinnen kann, brannte den Kreisräten auf den Nägeln.

Über diesen Aspekt berichtet die GZ in Kürze noch ausführlich.