Angefangen hat alles an einem Samstagmorgen. „Ich war mit dem Hund draußen und mich hat es wahnsinnig gefroren“, erinnert sich Martin Wahl an jenen Tag im März. „Ich musste mich danach erst einmal ausruhen.“ Ihm habe alles weh getan, Kopf, Glieder, selbst die Haut beim Zudecken. „Ich konnte gerade mal zehn Meter laufen, dann musste ich mich hinsetzen“, erzählt der 44-Jährige.

Erst Blutabnahme, dann Krankenhaus: Arzt stellt Hantavirus fest

Am Sonntag drauf sei es auch nicht besser gewesen, am Montag dann ging der Schlierbacher zum Hausarzt und bat ihn um eine Blutabnahme und den Test auf Hantaviren. Er habe Ende Februar in einem Schuppen auf einem landwirtschaftlichen Anwesen gearbeitet und dort Mäuse und deren Kot gesehen, fügte er als Erklärung hinzu. Sein Hausarzt glaubte seinem Patienten, der so gut wie nie krank ist, nahm ihm Blut ab und wies ihn zwei Tage später ins Krankenhaus ein, zu schlecht waren die Werte. Wenige Stunden später hatte Martin Wahl Gewissheit: Er hat sich mit dem Hantavirus infiziert.

Mediziner warnt: „Wir haben eine Häufung an Infektionen“

Dr. Martin Kimmel, Chefarzt der Klinik für  Nieren-, Hochdruck- und Autoimmunerkrankungen, in der Klinik am Eichert, hat Martin Wahl in dieser Zeit behandelt. Der Mediziner geht davon aus, dass es in diesem Jahr noch viele Patienten geben wird, die sich das Hantavirus einfangen: „Wir haben eine Häufung an Infektionen“, stellt er fest. Diese Häufung trete zyklisch auf. In diesem Frühjahr und Sommer scheint das Nahrungsangebot für den Überträger der Krankheit, die Rötelmaus, üppig zu sein. Dadurch vermehren sich die Nager stark und übertragen dementsprechend häufig die Krankheit. Kimmel glaubt, dass es eine hohe Dunkelziffer an Infizierten gibt, die die Krankheit einfach wie eine Grippe auskurieren.

Hantavirus: Das sind die Symptome

Wie Martin Wahl aus Schlierbach beschreibt, treten bei einer Infektion zunächst die typischen Symptome eines Virusinfekts auf:

  • Abgeschlagenheit
  • Kopf- und Gliederschmerzen
  • Fieber
  • ­Spätestens wenn Flanken- und Bauchschmerzen sowie leichte Sehstörungen hinzukommen, sollte man zum Arzt gehen, warnt Kimmel.

Denn das Hantavirus greift die Nieren an, bei ­schweren Verläufen kann es zu akutem Nierenversagen mit vorübergehend notwendiger Dialyse kommen. „Einige Patienten müssen stationär aufgenommen werden“, sagt der Nephrologe. In diesem Jahr seien bereits einige Patienten am Eichert behandelt worden.

So wie Martin Wahl. Acht Tage musste er im Krankenhaus bleiben. „Ich bin knapp an der Dialyse vorbeigeschrammt“, erzählt der Schlierbacher. Er musste viel trinken, sechs Liter am Tag, und bekam Infusionen. „Mein Glück war, dass ich rechtzeitig zum Arzt gegangen bin und mein Hausarzt das gleich getestet hat“, sagt der verheiratete Familienvater. Er sei wieder komplett gesund und arbeitet wieder.

Infektion mit Hantavirus: Krankheit ist meldepflichtig

Dr. Kimmel bestätigt, dass es fast immer zum Ausheilen dieser meldepflichtigen Krankheit kommt. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Das Hantavirus wütet vor allem im Süden Deutschlands, und hier hauptsächlich in den Regionen Stuttgart, Tübingen, Reutlingen und Göppingen. Schützen könne man sich nur eingeschränkt in typischen Situationen: Beim Kehren der Garage oder beim Aufräumen des Gartenhäuschens oder des Kellers wird Staub aufgewirbelt, in dem sich Ausscheidungen der Rötelmaus befinden können. Den Staub mit den Viruspartikeln atmet man ein, so gelangt der Erreger in den Körper.

Bis die Krankheit ausbricht, dauert es etwa zwei bis drei Wochen. Im Frühjahr und Sommer sei die Infektionsrate besonders hoch, unter anderem weil sich da die Menschen eben am meisten draußen auf­halten oder zu Hause Frühjahrsputz machen. Von Mensch zu Mensch ist der Erreger nicht übertragbar.

Welche Rötelmäuse das Virus in sich tragen, sei nicht eindeutig geklärt, sagt der Chefarzt. Es gebe zwar gute wissenschaftliche Untersuchungen, man beobachte Patienten und die jeweiligen Krankheitsverläufe, schaut nach Immunitäten. „Das ist ein groß angelegtes Projekt“, betont der Nierenexperte. Bis alle Ergebnisse vorliegen, werde es noch dauern. Überlegungen in Sachen Impfstoff seien noch nicht weit fortgeschritten, „es gibt noch deutlich schlimmere Infektionserkrankungen“, verdeutlicht Kimmel. Ein Impfstoff gegen Hantaviren habe daher nicht oberste Priorität.

Infektionsrisiko gering

Der Nephrologe will keine Panik verbreiten: „Bei den üblichen Freizeitaktivitäten ist das Risiko gering, sich zu infizieren.“ Doch man sollte wachsam sein und bei grippeähnlichen Symptomen vorsichtshalber zum Arzt gehen. Wie Martin Wahl aus Schlierbach. „Ich bin froh, dass es so verlaufen ist“, meint er rückblickend.

Die Frotzeleien im Geschäft waren da noch das geringste ­Problem, sagt der 44-Jährige lachend: „Wenn Dich ein Elefant umgehauen ­hätte. Aber dass Dich so eine kleine Maus krankenhausreif macht ... “, hätten die Kollegen gesagt. In Schuppen und Garagen geht er heute mit anderen Augen. „Aber ich habe natürlich nicht immer einen Mundschutz in der Tasche.“

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Baden-Württemberg am stärksten betroffen


In Spitzenjahren haben sich rund 50 bis 60 Patienten im Landkreis Göppingen mit dem Hantavirus infiziert, die Dunkelziffer liegt aber sicher weitaus höher, sagt Dr. Martin Kimmel. In Deutschland waren es im Jahr 2010 1873 Fälle, davon fast 50 Prozent in Baden-Württemberg. Das Virus breitet sich derzeit immer mehr nach Norden aus.