Uff, wo bin ich da reingeraten? Armin, unser Trainer, joggt voraus durchs Göppinger Oberholz. Freitagabend, 18.30 Uhr. Sarah, Heinz, Carolin, Oliver und der Rest der Gruppe folgen. Ich fühle mich wie auf der Flucht, dabei war locker Laufen angekündigt. Normalerweise drehe ich alleine oder mit einer Freundin Runden durch die Wälder. Zum Entspannen, Durchatmen, Loslassen. Aber wir sind ja nicht nur zum Spaß hier. Als die ambitionierteste der drei Gruppen bei „Lauf geht’s“ – wir heißen „Espresso“ (siehe unten) – haben wir ein klares Ziel vor Augen. Wir wollen im September einen Halbmarathon laufen. Nein, nicht nur überleben. Im Ziel möchten wir eine ordentliche Zeit auf der Anzeigetafel sehen.

An diesem Abend laufen wir uns im Wald warm. Hier und da unterhalten sich meine Mitstreiter – es geht um Wettkampferfahrungen, Motivation und den Trainingsplan mit Ernährungstipps. Wir befinden uns in Woche 7, also stehen 80 Minuten auf dem Plan. Armin baut in diese Zeit Tempoläufe ein. Wir bleiben nicht im Grünen, sondern wollen heute die Tartanbahn im Dr.-Heinrich-Zeller-Stadion nutzen.

Ein eher wässriger Espresso?

Heute kommt auf dem Weg zurück ins Stadion Trainerin Charlotte von hinten auf mich zugespurtet, sagt mir, dass mein Oberkörper beim Rennen zu stark rotiert. Die Physiotherapeutin und Sportwissenschaftsstudentin erklärt mir, wie ich lernen kann, das Defizit auszugleichen. Denn ich verliere durch den schlechten Laufstil viel Kraft, vor allem, wenn ich schneller rennen soll. Auch das noch.

Späterer Einstieg nach Operation

Motiviert war ich von Beginn an. Bevor ich mich auf meinen Weg zu 21 Kilometern am Stück begab, füllte ich wie alle anderen 245 Teilnehmer einen Fragebogen aus. Selbst einstufen? Ging schnell. 30 Minuten joggen am Stück? Klappt. Mehrmals die Woche Sport? Ja, doch, meistens schon. Als ich Freunden von der Herausforderung erzählte und sagte, dass ich zur Gruppe Espresso gehören werde, sagten zwei direkt „Du bist aber ein doppelter“. Wegen einer OP stieg ich erst in der dritten Trainingswoche ein und spürte schnell meine Grenzen. Nach dem ersten Freitagabend kam ich nach Hause und dachte: „Espresso? Okay ... aber ein verdammt wässeriger.“

Und jetzt: Blitzstart aus dem Stand. Gerade einmal 100 Meter später schwere Beine, zu wild rudernde Arme. Lediglich die Puste verlässt mich nicht. Jahrelanges Laufen zahlt sich aus. Armin gibt das Tempo vor. Ich renne. Schneller als normal. Als wäre mir ein Verfolger auf den Fersen. Für mein Ziel, den Halbmarathon, gehe ich ans Limit. Nach 400 Metern stoppen meine Mitstreiter. Warten auf mich, die Nachzüglerin.

Bin ich hier falsch?

Frust macht sich breit. Nach diesem Abend und dem nächsten in Heiningen kommen Zweifel auf. Bin ich falsch? Meine Gruppe hängt mich in Woche 8 auf 10 Kilometern ab. Fünf Minuten und ein paar Sekunden pro Kilometer und das über die Distanz? Ich falle zurück, erfreue mich an grasenden Kühen, blühenden Magerwiesen und sehe hauptsächlich die Rücken der Espressi. Wenn überhaupt. Trainerin Alexandra begleitet mich als Nachzüglerin, gibt mir Tipps am Hang und spricht aus, was ich mich bisher nicht traute. „Also ihr vier Letzten wärt bei den schnellen Cappuccinos besser aufgehoben.“ Schluck. Mein Ehrgeiz protestiert, meine Beine schreien: Tu’s!

Zum Training treffen sich die Teilnehmer in jeweils drei Leistungsgruppen immer freitags und sonntags.
© Foto: Rolf Bayha

Als ich in Woche 9 auf dem Parkplatz der Voralbhalle in Heiningen ankomme, habe ich mehr Lust aufs Training als die Wochen zuvor. An diesem Urlaubstag steige ich beschwingt aus dem Auto, trinke einen großen Schluck stilles Wasser. Im Pulk sehe ich Doro, sage ihr, dass ich nicht mehr gewillt bin, mich hetzen zu lassen und freue mich, dass sie meiner Meinung ist. Und prompt teilt Alexandra nach dem Aufwärmen all diejenigen, die den Anschluss zu Armin gerne mal verlieren, in eine neue Gruppe ein.

Frei von Druck trainieren

Wir stehen auf dem Sportplatz nahe der Voralbhalle, überlegen kurz. Unser Trainer Denis meint, wir als Mischmasch seien Espresso Macchiato – ein Espresso mit einem Schuss Milch. Der Trainingsplan für die mittlere Leistungsgruppe sieht 75 Minuten laufen vor, kein Problem. Wir rennen um Eschenbach herum, nach Ursenwang und Richtung Eichert zurück nach Heiningen. Während der ganzen Zeit unterhalte ich mich mit zwei Espresso-Kolleginnen. Wir freuen uns über die Leichtigkeit und die gemütliche Grundeinstellung in unserer neuen kleinen Familie. Manche sind langsamer als wir, sie bilden zusammen mit Trainerin Wilma den Schluss. Wir drehen für sie um und sammeln sie ein. Natürlich kam ich an diesem Freitagabend nicht an mein Limit. Auch über diese Frage diskutierten wir ausgiebig zwischen den Feldern. Wollen wir das? Jeder definiert sein Ziel schließlich anders.

Eine Woche später laufe ich wieder als Espresso mit Trainer Armin und der liebgewonnenen Truppe. 26 Grad, 85 Minuten. Wir schnaufen zu zwölft los und finden ein angenehmes Einstiegstempo – das Unterhalten mit Carolin klappt gut. Nach kleinen Wettkämpfen und Tempospielchen erreichen wir beinahe gemeinsam und glücklich die Voralbhalle. Meinen Platz bei „Lauf geht’s“ habe ich endlich gefunden.

Die Einstufungen bei Lauf geht´s


Einstufung: Die Läufer teilten sich anhand eines Fragebogens selbst zu Beginn in eine der drei Leistungsgruppen ein, die alle nach einem Kaffeegetränk benannt sind. Merke: Je mehr Milch in die Tasse kommt, desto moderater das Training. Wer sich über- oder unterfordert fühlt, wechselt die Gruppe.

Latte Macchiato: Viel Milch – also für Einsteiger gut geeignet. Zuerst walken die Teilnehmer, dann geht’s ganz moderat ans Laufen. Das Programm eignet sich auch für Menschen mit Übergewicht. Sie machen die erstaunlichste Verwandlung durch: vom Anfänger zum Halbmarathonläufer.

Cappuccino: Weniger Milch – also für diejenigen, die schon joggen oder regelmäßig anderen Sport machen. Das Training beinhaltet zunächst laufen und walken im Wechsel. Bereits in der dritten Woche stehen 30 Minuten am Stück auf dem Plan.

Espresso: Keine Milch – also für ambitionierte Sportler, die mindestens eine halbe Stunde am Stück joggen können und Wettkampf-Erfahrung haben. Die Verbesserung der Halbmarathon-
zeit spielt eine wichtige Rolle.

Konzept: Bei „Lauf geht’s“ stehen Schlankwerden und Freude an Bewegung im Vordergrund. Die Teilnehmer erhalten neben dem Training auch Tipps zur Ernährung. Das Programm wird deutschlandweit an verschiedenen Standorten angeboten. In Bielefeld, Oldenburg oder Heidenheim trainieren Läufer nach den gleichen Methoden. Beim Ulmer Einstein-Marathon am 29. September treffen sich Teilnehmer aus dem süddeutschen Raum, um zusammen ihren Traum zu verwirklichen.