Landwirtschaft Grüne werben für Veränderung

Bad Boll / Jürgen Schäfer 12.04.2018

Wo soll‘s hingehen mit der Agrarpolitik der EU? Darüber haben sich schon im vorigen Sommer Tagungsteilnehmer aus dem Ländle in der Evangelischen Akademie Bad Boll Gedanken gemacht. Das Einführungsreferat hielt Landwirtschaftsminister Peter Hauk. Eine Erkenntnis war: Die Verbraucher wünschen sich eine grünere Landwirtschaft.

Jetzt haben die Grünen in Bad Boll nachgelegt. Mit Maria Heubuch (Bild) luden sie eine grüne Europaabgeordnete und Fachfrau zum Vortrag ein. Die Agrarpolitik wird in Europa gemacht, betont der Grünen-Kreisvorsitzende und Göppinger Landtagsabgeordnete Alex Maier, und nächstes Jahr ist wieder Europawahl. Maria Heubuch bezeichnet sich als stolze Milchbäuerin. Landwirtin will sie lieber nicht genannt werden, weil das Leben und Arbeiten auf dem Hof mehr sei als das Produzieren von Lebensmitteln.  Sie wünscht sich Vielfalt statt Monokulturen.

Die Bad Boller Grünen-Sprecherin Dorothee Kraus-Prause ist begeistert: Der Bürgersaal ist voll. 70 Leute interessieren sich für dieses Kernthema der Grünen. Die einen haben einen Bezug zur Landwirtschaft. Vom Landwirt und Energiewirt aus Faurndau, der Biogasanlagen für unverzichtbar für die Energiewende hält, bis zu Dr. Gerhardus Lang, dessen Vater als einer der ersten den biologisch-dynamischen Anbau nach Rudolf Steiner betrieben habe. Heute, so Lang, betrachte er als Arzt die Gesundheitsfolgen einer Landwirtschaft, die er in den Fängen der Chemieindustrie sieht. Auch andere treibt um, was als Probleme der „industriell“ betriebenen Landwirtschaft gilt: Der umstrittene Unkrautvernichter Glyphosat, die Nitratbelastung im Wasser, der Artenschwund, um nur die akuten Themen zu nennen. In Bad Boll gab’s schon eine Unterschriftenaktion gegen Glyphosat.

Biologisch-dynamisch: Steiners Erbe lebt im Sonnenhof der Wala weiter, die Europaabgeordnete Heubuch hat ihn besichtigt. Sie ist hellauf begeistert, wie dort Tiere gehalten werden und Acker­bau betrieben wird. Da werde mit Mist gedüngt, Humus aufgebaut, eine sorgfältige Fruchtfolge betrieben – „wirklich spannend. Da ist sehr viel Wissen.“ Der Hof ist ein Paradebeispiel dafür, wo sie hin will: zu einer sozialen, ökologischen und ökonomischen Landwirtschaft.  Derzeit herrsche die pure Marktwirtschaft. Mit einem fairen und auch „ehrlichen Preis“, der die Folgekosten von industrieller Landwirtschaft einbeziehe, gebe es allerdings kein Kilo Schnitzel mehr für 3,99 Euro. Das erfordere ein Umdenken in der Politik und in den Köpfen.

Wie es abseits des Sonnenhofs aussieht: Der gnadenlose Verdrängungswettbewerb hält an. Maria Heubuch sieht es an ihrem eigenen Betrieb in Leutkirch. Als sie dort vor 38 Jahren einheiratete, hieß es: Sie gehe an einen großen Hof. „Heute sind wir mit 33 Hektar Grünland knapp unterm Durchschnitt in unserem Landkreis.“ Das Höfesterben: Im Krisenjahr 2015/16 hätten fünf Prozent der Milchbauern und Schweinemäster aufgegeben. Andere haben zugelegt und größere Ställe gebaut, oftmals auf Kredit.

Maria Heubuch klärt auf. Man müsse verstehen, in welchem Rationalisierungsprozess die Landwirtschaft stecke. Zehn Cent weniger Milchgeld durch die Preiskrise am Milchmarkt seien in der Summe 3,2 Milliarden Euro, die den Bauern fehlten und die sie nur über die Produktionskosten an Land und Tieren reinholen könnten. Da sei es vorbei mit optimaler Fruchtfolge, man müsse anbauen, was Geld bringt. Sie beklagt: „Die Vielfalt auf den Höfen geht verloren.“

Was hinzukomme: Der Liter Milch, den die Bauern vielleicht gar nicht mit Gewinn produzieren, geht auch als Milchpulver nach Afrika und macht den dortigen Klein- und Kleinstbauern Konkurrenz. Hähnchenfleisch ebenso. „Bei uns werden die Edelteile, das Brustfleisch, gegessen, das andere wird exportiert.“ Man solle die dortigen Bauern unterstützen und ihnen nicht unser Modell von Landwirtschaft aufdrängen. „Das funktioniert schon bei uns nicht.“

 Zum Thema Glyphosat, dem umstrittenen weil unter Krebsverdacht stehenden Pflanzenschutzmittel, hat die Europaabgeordnete ganz eigene Erkenntnisse: Es sei in der Nahrungskette drin. Sie habe sich zusammen mit 48 Kollegen im Europaparlament untersuchen lassen und der Befund laute: Sie habe Glyphosat im Urin. „Sie wohl auch“, sagt sie den Zuhörern. Und: „Da gehört es nicht hin.“ Zum wissenschaftlichen Streit um die Krebsgefahr sagt sie: „Die Strategie der Chemielobby ist es, ganz gezielt Zweifel zu säen, ob Glyphosat krebserregend ist oder nicht. So wollen sie verhindern, dass das Gift verboten wird. Dabei hat die internationale Agentur für Krebsforschung Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend für den Menschen klassifiziert.“

Es geht auch ohne Glyphosat, sagt sie. Der Sonnenhof verwendet es nicht, die Biobauern auch nicht. Bio –  das sei mittlerweile mehr als eine Nische. „Die Nachfrage ist da.“ „Warum stellen die Bauern nicht um?“ fragt ein Zuhörer. Viele hätten das getan, sagt Heubuch. Aber das sei keine Entscheidung, die man so einfach treffe. Der ganze Betrieb müsse umgestellt und der Zugang zum Markt hergestellt werden, was sich ziehen könne.

 Für eine Ökologisierung der Landwirtschaft sieht Maria Heubuch durchaus Chancen. EU-Kommissar Oettinger wolle kleinere und mittlere Betriebe stärken, Zuschüsse an Umwelt- und Klimastandards binden.

EU-Parlament wollte den Glyphosat-Ausstieg

Beschluss Glyphosat ist auf weitere fünf Jahre in der EU zugelassen.  Das EU-Parlament hatte dagegen einen Ausstiegsplan gefordert sowie ein sofortiges Verbot beispielsweise auf Spielplätzen und in der sogenannten Vorerntebehandlung von Getreide.

Untersuchung Das Votum des deutschen Agrarministers Christian Schmidt pro Glyphosat, das seine einsame Entscheidung gewesen sein soll, hat noch ein Nachspiel. Das EU-Parlament will klären, wie das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung und die europäische Lebensmittelbehörde zu ihrer Zustimmung zu Glyphosat gekommen sind.