Gingen Gingen nimmt SEL-Ferngas-Trasse zähneknirschend zur Kenntnis

Zwischen Gingen und unterhalb des Marrenwaldes (ganz links) soll die dicke Hochdruck-Gasleitung über den Hohenstein (Bildmitte) führen.
Zwischen Gingen und unterhalb des Marrenwaldes (ganz links) soll die dicke Hochdruck-Gasleitung über den Hohenstein (Bildmitte) führen. © Foto: Markus Sontheimer
Gingen / HARTMUT ALEXY 16.07.2015
Ausgesprochen widerwillig haben die Gingener Gemeinderäte den Planfeststellungsbeschluss für die SEL-Ferngasleitung zur Kenntnis genommen. Nach einem rettenden Strohhalm suchten sie vergebens.

Keiner weiß, wann die Ferngasleitung nördlich von Gingen gebaut wird und ob sie in ein paar Jahren noch nötig ist. Fraglich ist sogar, ob die SEL oder ein anderes Unternehmen das Vorhaben überhaupt jemals in Angriff nehmen wird. Trotzdem: In einer Woche wird der Planfeststellungsbeschluss für die Trasse, die Gingen nun schon seit mehreren Jahren beschäftigt hat, vollends amtlich. Der Gemeinderat hat am Dienstagabend zähneknirschend beschlossen, auf das letzte Rechtsmittel in Form eines Eilantrags beim Verwaltungsgerichtshof Stuttgart zu verzichten, weil eine Klage keinerlei Aussicht auf Erfolg gehabt hätte. Dazu hatte Rechtsanwalt Bernhard Rauscher von der Stuttgarter Kanzlei Mohring und Kollegen geraten, der das ganze Verfahren begleitet hatte. Die Trasse führt damit von Süßen her entlang der B 466 unterhalb des Marrenwaldes zum Albaufstieg östlich des Hohensteins.

Das Vorhaben beschäftigt die Gemeinde schon seit mehreren Jahren. Ihr Erfolg bestand darin, dass die Trasse einige Male umgeplant wurde; geologische Gutachten brachten zu Tage, dass bestimmte Streckenführungen am Marren, am Marrbach und am Albaufstieg des Scharfenbergs wegen Rutschungen für eine Gashochdruckleitung nicht infrage kommen. Die Albaufstiegstrasse am Messelberg wäre quer durch einen vermuteten Böschungsabbruch verlaufen.

Gingen erreichte allerdings nicht, dass am geplanten Albaufstieg östlich des Felsens am Hohenstein eine alternative Verlegetechnik zum Einsatz kommt. Die Gemeinde wollte, dass die Leitung am Steilhang in einem Bohrverfahren eingezogen wird, um den Eingriff in die Landschaft klein zu halten. Nun wird sie in einem Graben verlegt. Angesichts der Topografie und des Baugrunds wären Bohrungen mit "erheblichen technischen und wirtschaftlichen Ausführungsrisiken" verbunden gewesen, sagte das Regierungspräsidium - an der Albkante hätten Felsen abstürzen können und zum Schluss hätte das Ganze zu viel Geld gekostet. Die Gemeinde verwies darauf, dass das Erscheinungsbild des Hohensteins von einer gegrabenen Trasse beeinträchtigt werde. Das Regierungspräsidium erwiderte, dass die "Landmarke Hohenstein" nicht unmittelbar berührt werde und man von Gingen aus ohnehin nichts vom Kahlschlag sehen werde. Vom Filstal aus aber schon, warf nun jemand ein.

Erfolg hatte Gingen mit der Forderung, die Trasse im Bereich des interkommunalen Gewerbegebiets zwischen Süßen und Gingen näher an die Bundesstraße heranzuführen. So gehen dem Gewerbegebiet keine Flächen verloren - und direkt neben einer Bundesstraße darf man sowieso nicht bauen.

Nicht gelten ließ das Regierungspräsidium dagegen den Einwand Gingens, der Bau einer großen Gasleitung sei nicht gerechtfertigt, so lange ausreichende Netzkapazitäten vorhanden sind. Stuttgart argumentierte mit dem Energie-Szenario des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung dagegen, das bis zum Jahr 2050 einen Mehrbedarf an Energie zur Stromerzeugung vorhersagt. Dazu soll vor allem Gas mit hohem Kaloriengehalt dienen, das dann allerdings vermehrt importiert werden muss. Verteilt wird es über Hochdruckleitungen. "Stuttgart und Ulm brauchen eben viel Energie", erklärte Bürgermeister Marius Hick. Und für diese boomenden Gebiete sei die Hochdruckleitung sicher gedacht.

Die Gemeinderäte suchten bis zuletzt nach einem juristischen Schlupfloch. André Steck konnte sich nicht vorstellen, dass dem Regierungspräsidium an keiner Stelle des 244 Seiten dicken Planfeststellungsbeschlusses ein Formfehler unterlaufen ist. Rathaus und Anwaltskanzlei hatten aber keinen gefunden, obwohl sie das dicke Werk natürlich auch genau geprüft hatten. "So jämmerlich pressieren kann es mit dieser Leitung doch nicht", probierte es Friedrich Frey (CDU/FW) auf einer anderen Schiene. Ob es tatsächlich einmal Bedarf an der neuen Leitung geben wird, stehe jetzt nicht zur Debatte, sagte darauf Rechtsanwalt Rauscher. Der Planfeststellungsbeschluss sei vielmehr durch den Netzentwicklungsplan Gas 2014 abgesichert, der "verbindlich" umgesetzt werden müsse. Christian Hofmann (UWG-FW) versuchte sich vorzustellen, was die nächste Generation dazu sagen wird: "Wie konntet ihr so etwas zulassen?", werde sie wahrscheinlich fragen. Eine Eilentscheidung hätte allenfalls dann eine Chance, wenn das Regierungspräsidium die einzelnen Interessen nicht sorgfältig gegeneinander abgewogen hätte, erwiderte wiederum Rauscher. Die Einwände Gingens seien samt und sonders geprüft worden, bestätigte der Bürgermeister. Auch wenn das Ergebnis in wesentlichen Punkten nicht den Vorstellungen der Gemeinde entspreche, müsse man es nun eben so akzeptieren.

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