Kreis Göppingen Gerüstbauer brauchen starke Nerven

Kreis Göppingen / Claudia Burst 06.07.2018
Wer als Gerüstbauer arbeiten will, muss körperlich fit und schwindelfrei sein. Nach der Ausbildung sind die Fachkräfte sehr gefragt.

Bei wenigen Berufen spielen Teamfähigkeit und gewissenhaftes Arbeiten wohl eine so bedeutende Rolle wie bei den Gerüstbauern. „Sie sind aufeinander angewiesen“, erklärt Patricia Föhl von der gleichnamigen Gerüstbau-Firma in Ebersbach. „Jeder muss sich 100-prozentig darauf verlassen, dass der Kollege seine Arbeit sorgfältig macht – davon hängen Menschenleben ab.“ Und zwar das Leben der Kollegen genauso wie das all der Handwerker, die anschließend auf dem Gerüst zu tun haben.

Aber es gehört noch mehr dazu, um Gerüstbauer werden zu können: Für schwache Nerven ist dieser Beruf nichts. Arbeiten in 30 Meter ist keine Seltenheit – „wir hatten sogar schon 100 Meter“, sagt Föhl. Körperliche Fitness und Schwindelfreiheit sind deshalb genauso Voraussetzungen für die Ausbildung wie ein Hauptschulabschluss im Bereich „befriedigend“, räumliches Vorstellungsvermögen und handwerkliches Geschick. „Außerdem muss sich der Mitarbeiter in deutscher Sprache verständigen können, das ist notwendig“, fügt Föhl hinzu.

Der Beruf des Gerüstbauers sei anspruchsvoll und vielseitig, macht die Assistentin des Geschäftsführers klar. Vor allem sei es ein gut bezahlter Job mit Zukunft: „Arbeitslose Gerüstbauer gibt es eigentlich nicht, diese Fachkräfte im Handwerk sind sehr gefragt.“ Zu diesen Fachkräften entwickeln sich Azubi im Lauf von drei Jahren, in denen sich drei- bis vierwöchiger Blockunterricht in Dortmund oder Groß-Gerau mit der Praxis auf den jeweiligen Baustellen abwechselt. „Gute Azubi können ihre Lehrzeit auf zweieinhalb Jahre verkürzen.“

Während der Ausbildung lernen angehende Gerüstbauer alles über ihre Arbeitsgeräte: Arbeits- und Schutzgerüste für den Industriebau, für Privatkunden, Kirchen und Brücken. Dazu gehören auch Hängegerüste – wenn ein Gerüst zum Beispiel nicht auf dem Boden oder an der Fassade verankert werden kann oder darf. Und Sonderkonstruktionen wie in Stuttgart vor dem Neuen Schloss: „Da haben unsere Gerüstbauer ein Spezialgerüst für die größte Gardine der Welt aufgebaut, die im Guinness-Buch der Rekorde gelandet ist“, erzählt Patricia Föhl stolz.

Auch mit Zusatzarbeiten wie Dachrandsicherungen, Personen- und Materialaufzüge, Scheren- und Teleskopbühnen und Personenauffangnetze beschäftigen sich die Lehrlinge. Im ersten Lehrjahr geht es gleich um Sicherheitstechniken und die persönliche Schutzausrüstung, zu der Helm und Gurt mit Seilschutz gehören.

Wer mit der Ausbildung fertig ist, kann sich bei entsprechendem Interesse zum Kolonnenführer fortbilden lassen und den Lkw-Führerschein machen.

Der Beruf des Gerüstbauers hat Zukunft, ist Patricia Föhl überzeugt. Die Digitalisierung schreite auch in diesem Bereich voran, und in absehbarer Zeit werde man Gerüste auf dem PC planen und zeichnen – was die Lehrlinge schon in der Schule lernen. So könnten die Teams dann ein Tablet mit auf die Baustelle nehmen, die Zeit digital erfassen, den Baustellenfortschritt dokumentieren und die Gerüste digital freigeben.

Bei der Berufswahl an Alternativen denken

Selten hatten junge Menschen so gute Startbedingungen für ihr Berufsleben wie jetzt. Fachkräfte mit einer Ausbildung und aufbauenden Qualifizierungen sind auf dem Arbeitsmarkt extrem gefragt und haben ebenso gute Karrierechancen wie mit einem Studium. Insgesamt gibt es rund 350 Ausbildungsberufe – und in nahezu ­allen werden Nachwuchskräfte gesucht. Es lohnt sich, neben den „Top 10“ der beliebtesten Ausbildungs­berufe auch die nicht so bekannten anzuschauen und attraktive Alter­nativen für sich zu entdecken. In der Serie stellen wir einige von ihnen vor.

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