Frau Boß, was ist an der Gemeinschaftsschule besser als an den klassischen Schultypen?

Claudia Boß: In der Gemeinschaftsschule können wir der Vielfalt unserer Schüler besser begegnen. Auch im dreigliedrigen Schulsystem gab es nie homogene Lerngruppen: Die Begabten sind immer wieder in einigen Fächern unterfordert, während die Schwächeren manchmal überfordert sind. In der Gemeinschaftsschule soll jeder Schüler nach seinem Vermögen und in seinem Tempo lernen. Das können viele kleine Schritte, aber auch Riesenschritte sein.

Wie wollen Sie diese individuelle Förderung in der Praxis hinbekommen?

Boß: Das ist eine spannende Frage und ein Prozess, der sich immer weiter entwickelt. Die grundlegende Aufgabe ist es, die Schüler Schritt für Schritt zum eigenständigen Lernen hinzuführen. In der 5. Klasse wird das eher mit dem klassischen Frontalunterricht starten: Der Lehrer führt in ein Thema ein und die Schüler vertiefen den Stoff dann mit Hilfe von Lernpaketen etwa in Form von Arbeitsblättern, Projektarbeiten oder auch in Gruppenarbeit.

Das klingt nicht danach, als ob der Gemeinschaftsschule die Quadratur des Kreise gelungen sei.

Boß: Wir wollen die Pädagogik ja auch nicht neu erfinden: Altbewährtes soll auch in der Gemeinschaftsschule weiter zum Einsatz kommen. Der Unterschied liegt in der inneren Differenzierung und der Förderung der Selbstständigkeit. Die Schüler sollen lernen selbstverantwortlich ihren eigenen Lernprozess zu planen und voranzubringen. Das kann schon bei Arbeitsblättern in verschiedenen Niveaustufen anfangen. Der Schüler bearbeitet die Aufgaben, denen er sich gewachsen fühlt - und entscheidet dann selbst, ob er auf ein schwierigeres Niveau wechseln will. Dafür bekommen die Schüler einen "Lernkalender", bei dem sie sich zum Beispiel in einem Wochenplan Ziele stellen und am Ende der Woche selbst beurteilen, inwieweit sie diese Ziele erreicht haben. Ein dem Schüler zugeteilter Lerncoach begleitet, berät und unterstützt den Schüler in Einzelgesprächen. In Klassenarbeiten können die Schüler bei mir schon heute bei jeder Aufgabe unter zwei Schwierigkeitsstufen wählen.

Wie kommt man da zu einer gerechten Note?

Boß: Die Schüler wissen, dass es für die schwereren Aufgaben mehr und für die leichteren weniger Punkte gibt. Außerdem geht es nicht in erster Linie um Noten. Die geben wir künftig nur, wenn die Eltern es ausdrücklich wünschen. An die Stelle der Noten kommt ein "Kompetenzcheck", etwa nach einer Lernstanderhebung (so heißen Arbeiten künftig). Hier beurteilt zunächst der Schüler und dann der Lehrer, wie weit er der jeweiligen Aufgabe gewachsen war. Wenn der Schüler lernt zu sehen, wo er steht, also wo seine Stärken und wo seine Schwächen liegen, steigt die Motivation.

In der Gemeinschaftsschule gibt es auch kein Sitzenbleiben mehr. Glauben Sie wirklich, dass jeder Schüler ohne jeden Druck freiwillig lernt?

Boß: Natürlich gibt es auch immer bequemere Typen, die einen "Schubser" brauchen. Aber im Grunde sind Kinder von Natur aus neugierig und wollen lernen. Aber nicht jedes Fach ist für jeden gleich interessant.

Was machen Sie, wenn der Schüler keinen Sinn darin sieht, ausgerechnet dies oder das zu lernen?

Boß (lacht): Dann versuche ich, gemeinsam mit dem Schüler, einen Sinn zu finden.

Welche Möglichkeiten bietet die Gemeinschaftsschule noch, das selbstständige Lernen zu fördern?

Boß: Ein wichtiges Mittel sind unter anderem die kooperativen Lernformen. Ein Ziel hier ist, dass der starke Schüler dem schwachen hilft. Davon profitiert übrigens nicht nur der schwache: Indem der starke Schüler etwas erklären muss, vertieft dieser "Schülerexperte" sein Wissen automatisch. Lehren ist eine der effektivsten Formen des eigenen Lernens.

Wie könnte der Idealfall des individualisierten Lernens in der Gemeinschaftsschule aussehen?

Boß: Der Lernbegleiter gibt eine Einführung zum Thema und entlässt die Kinder in ihre individuellen Lernstufen: Während die einen noch etwas Hilfe durch den Lernbegleiter brauchen, vertiefen andere das Thema mit "Schülerexperten" oder etwa in der Gruppenarbeit. Wiederum andere gehen in ihr "Lernbüro", wo sie an ihren Lernpaketen auf unterschiedlichen Niveaustufen in ihrem Tempo weiterarbeiten.

Die Gemeinschaftsschule funktioniert nur, wenn auch die Lehrer mitziehen. Auf die kommt neben der Umstellung eine Menge Mehrarbeit zu. Stehen alle Ihre Kollegen hinter dem neuen Konzept?

Boß: Die Gesamtlehrerkonferenz, wie auch die Schulkonferenz haben den Beschluss für die Gemeinschaftsschule einstimmig gefasst. Dies spricht, denke ich, für sich. Natürlich ist ein Lehrerkollegium ebenfalls keine homogene Gruppe, denn auch hier macht uns die Vielfalt aus. So gehen auch die Lehrer in unterschiedlichem Tempo voran. Die einen preschen vor und die anderen sind vielleicht noch etwas zurückhaltend. Dies ist aber völlig normal. Auch wir begreifen uns als Lernende, die sich immer weiterqualifizieren müssen.

Die Gemeinschaftsschule ist gleichzeitig verpflichtende Ganztagsschule. Bleibt dem Kind eigentlich noch Zeit für Freunde, Spiel oder Verein, wenn es den ganzen Tag in der Schule verbringt?

Boß: Der Unterricht endet um 15.30 Uhr. Da bleibt zumindest im Sommer noch genügend Zeit, um draußen zu spielen. Bisher mussten sie nach der Schule noch Hausaufgaben machen. Die entfallen künftig, weil die Verteilung des Unterrichtsstoffs in der Gemeinschaftsschule entzerrt ist.

Alleinerziehenden und Familien, in denen beide Eltern berufstätig sind, kommt die Ganztagsschule sicher entgegen. Ist die Gemeinschaftsschule damit nicht auch ein willkommener "Aufbewahrungsort"?

Boß: Hier im ländlichen Raum spielt dieser Faktor sicherlich noch eine nicht so große Rolle. Die Gemeinschaftsschule mit der integrierten Ganztagesschule ist ein ganzheitliches Konzept. Die Gemeinschaftsschule soll nicht nur Lernort, sondern auch Lebensort sein: Wenn Lehrer und Schüler - ob beim Mittagessen, in AGs, Projektunterricht oder offenen Betreuungsangeboten - auch im außerschulischen Bereich zusammen sind, werden personale und soziale Kompetenzen extrem gestärkt.

Was passiert, wenn Grün-Rot bei der nächsten Landtagswahl abgewählt wird und die nächste Landesregierung das Rad wieder zurückdreht?

Boß: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Rad nochmal zurückgedreht wird. Die Gemeinschaftsschule ist ein Erfolgsmodell und wird sich als neue Schulart etablieren. Außerdem sollten wir eines bedenken: Die Schüler sind zwar die gleichen, dafür wird die Berufswelt immer anspruchsvoller: Viele Berufe, die ein Hauptschüler früher locker gepackt hat, sind heute nicht mehr so leicht erlernbar. Die Gemeinschaftsschule wird die Schüler noch besser auf die erhöhten Anforderungen vorbereiten können.


An der Gemeinschaftsschule können die Schüler nach der 9. Klasse den Hauptschulabschluss und nach der 10. Klasse den Realschulabschluss ablegen. Dabei absolvieren die Schüler dieselben Prüfungen wie Haupt- und Realschüler. Am Freitag, 1. März, findet in der Lonseer Schule ab 17 Uhr ein Info-Nachmittag zur geplanten Gemeinschaftsschule statt.

Zur Person

Claudia Boß ist seit 2011 Rektorin der Grund- und Werkrealschule Amstetten-Lonsee. Die 47-Jährige hat bereits am Ausbau der Einrichtung zur Ganztagesschule 2012 entscheidend mitgewirkt. Boß ist verheiratet und hat zwei Söhne im Alter von 17, und 19 Jahren.