Kirche Gemeinsam für die Ökumene

„Wir wollen den Hoffnung suchenden Menschen wenigstens ihre Würde erhalten“ – darin sind sich Marianne Fuchs und Brigitte Dursch (links) und ihr Hattenhofer Team einig.
„Wir wollen den Hoffnung suchenden Menschen wenigstens ihre Würde erhalten“ – darin sind sich Marianne Fuchs und Brigitte Dursch (links) und ihr Hattenhofer Team einig. © Foto: Sabine Ackermann
Hattenhofen / Sabine Ackermann 08.11.2018

Wie sollten sie die Sprachkurse in Göppingen mit kleinen Babys besuchen?“, stand damals als Frage im Raum. Es war 1990, als sich Marianne Fuchs und Brigitte Dursch zusammen taten und mit Sprachhilfe für ausländische Mütter mit Kleinkindern und Gruppen für Schulkinder begannen. „Als erstes organisierten wir ein Vortreffen zur Beruhigung der Männer“, erinnert sich Marianne Fuchs. Mit Bildern und unzähligen Wiederholungen wurde gelernt, erst das Sprechen, anschließend das Schreiben. „Wichtig war uns der Ablauf der vier Jahreszeiten, Ostern, Weihnachten, unsere Kultur wie Dorf- und Schulfeste“, betonen beide Frauen, die aber auch Opferfest und Ramadan mit einbezogen.

Gemeinsames Kochen, Spiele, kleine Ausflüge in die Umgebung und ganz viel Geduld nahmen den Kindern die Scheu. „Seht fern, das ist wichtig für die Sprache“, lautete ihr Ratschlag. Später kamen dann noch die Flüchtlinge aus dem Jugoslawien-Krieg dazu, Menschen aus dem Kosovo und auch Russland.

Wenn die Pädagogin über die Anfänge und kleinen Erfolge berichtet, spiegelt sich noch immer die Freude in ihrem Gesicht. Zum Beispiel die Freundschaft mit einer sehr christlichen und feinen Familie aus der Osttürkei. Die älteste Tochter war später sogar im Kirchengemeinderat, brachte sich bei der Kinderkirche ein und leitete eine Kindergruppe im Sportverein, erzählt Marianne Fuchs und berichtet stolz: „Heute steht sie vor dem Abschluss ihres Jura-Examens.“

Auch Brigitte Dursch erlebte Integration – die nicht nur auf dem Papier stand. „Arbeiten und Hausaufgaben korrigieren, das war oft mein Part“, berichtet die Biotechnikerin, die gleichfalls schöne Erinnerungen daran hat, wie sich mit der Zeit persönliche Beziehungen entwickelten. Unvergessen bei den wöchentlichen Treffen, wenn in heiteren unbeschwerten Stunden die Frauen ihre Kopftücher ablegten – aber nur, wenn gerade keine strengen Schwiegermütter dabei waren.

Aber besonders schön und wertvoll empfinden beide Frauen die vertrauensvolle Freundschaft, die in dieser Zeit entstanden und gewachsen ist. Marianne Fuchs (72) kam 1976 von Flensburg nach Hattenhofen und fünf Jahre später als Lehrerin an die damalige Grund- und Hauptschule. Dort unterrichtete sie auch evangelische Religion. Die Katholikin Brigitte Dursch (74) zog es vom Niederrhein an die Donau, in Ulm studierte sie Biologie mit Schwerpunkt Endokrinologie, die Lehre von den Hormonen. 1983 fand sie in Hattenhofen ihre Heimat. Verheiratet mit dem Internisten Dr. Otto Dursch, unterstützte sie ab 1991 zusätzlich ihren Mann in dessen Praxis, bis er Mitte vorigen Jahres in den Ruhestand ging. Beide Frauen haben Kinder und Enkel.

Weil die ökumenische Arbeit an der Basis beginnt, bringen sich die Menschenfreundinnen besonders beim Weltgebetstag im März ein – denn die Probleme der Frauen ähneln sich weltweit. Seit Jahren arbeiten die lebhaftere Marianne Fuchs und die ruhigere Brigitte Dursch als Christen unterschiedlicher Glaubensrichtungen im Team zusammen. Und das funktioniert hervorragend.

Jede bringt ihre eigene Begabung mit, von der musikalischen bis zur dekorativen Gestaltung bis hin zum Kochen. Abende, die mit Informationen zwischen einem landestypischen Drei-Gänge-Menü in das jeweilige Land einführen, kommen genauso gut an wie die Kindertage. „Durch Basteln und die Gestaltung einer Feier fasziniert uns immer wieder, wie ernsthaft die Kinder die weltweiten Probleme bearbeiten“, staunt Marianne Fuchs und ergänzt: „Durch meine Besuche in Ägypten und Surinam mit einem Team konnte ich die vor Ort gewonnen Infos weitergeben.“

Danach beschlossen beide, die alte Tradition der „Friedengebete“ wieder aufzunehmen. „Natürlich greifen wir auch die Länder auf, aus denen die Flüchtlinge in Hattenhofen kommen, damit sie wissen, warum sie zu uns geflüchtet sind“, erzählen beide auch darüber, wie die Betroffenen ergreifend von ihrem Schicksal erzählen. Gerade über die Friedensgebete entstand die Bereitschaft, sich für Asylsuchende einzusetzen.

Zusätzlich zu den beiden Senio­rinnen engagieren sich etwa 20 weitere Ehrenamtliche je nach Bedarf. Hören, wo der Schuh drückt und Begleitung zu Ärzten und Behörden sind mit am Wichtigsten. Tauchen Probleme auf, pflegen beide die Strategie der kurzen Wege. Einen guten Draht zu unkonventionellen Ärzten, Behördenmitarbeiterinnen und der VHS sind wichtig. Ehemalige Lehrerinnen unseres Teams alphabetisieren diejenigen, die in ihrer Heimat nicht in den Genuss der Schule kommen, verrät Marianne Fuchs, die sich bei der „Aktion Bleiberecht“ für gut integrierte Flüchtlinge engagiert. „Da muss ich meinem Ärger auch immer wieder Luft machen und bin so dankbar an Brigitte, dass sie mir zuhört und weiß, morgen bin ich wieder friedlich“, weiß Marianne Fuchs die Ruhe und Kraft ihrer Freundin zu schätzen.

Beide Frauen sind seit fast drei Jahrzehnten für kleine und große, junge und alte Menschen aus sämtlichen Ecken der Welt und auch füreinander da. „Wenn jedes Dorf 50 Flüchtlingen begegnet, muss Integration gelingen“, so die Pädagogin und betont: „200 oder 1000 an einem Ort zusammengepfercht, das kann selbstverständlich nicht gut gehen und führt zu Spannungen und Gewalt.“

Porträtreihe über starke Frauen im Landkreis

Jubiläum 2018 feiert der Landkreis seinen 80. Geburtstag, das Frauenwahlrecht wird 100 Jahre alt. Die NWZ veröffentlicht aus diesem Anlass die Reihe „ Starke Frauen“, die oft im Verborgenen Großartiges leisten. Ob die Pflege von Angehörigen, herausragende Leistungen als Unternehmerin, Künstlerin, Sportlerin oder im Ehrenamt – die Serie zeigt Frauen und ihre Arbeit.

Bisher vorgestellt wurden in dieser Reihe: Ilse Birzele, Barbara Küpper, Susanne Weißkopf, Caroline Märklin, Lena Urbaniak, Claudia A. Schlürmann, Angeline Fischer, Margret Hofheinz- Döring, Marga Lorch, Renate Mutschler, Birgit Göser, Gabriele von Trauchburg, Claudia Leber, Helene Mühlhäuser, Emilie Eisele, Pia Schäfer-Mayer, Margret Keller- Rehm, Marianne Rasch, Melanie Schulze, Sandra Skutta, Elnora Hummel, Elisabeth Sigmund, Friederike Wackler, Astrid Vöhringer, Gudrun Lamparter, Anna von Sprewitz, Susanne Gieler-Breßmer, Anneliese Hermes,  Vera-Maria  Schäfer, Elke Keller, Mareile Beigelbeck, Andrea Staudenmaier, Hilde Huber, Hilde Fuchs, Marianne Dursch, Caroline Niklaus, Sevgi Aslanboga und Ulla Biskup.

Kooperation Die Serie erscheint in Zusammenarbeit mit der Gleichstellungsbeauftragten des Kreises, Lidwine Reustle, dem Kreisfrauenrat und der Geislinger Zeitung.

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