Der Rückstau ist groß“, weiß Dr. Cornelius Vollmer bereits. Der Gemeindearchivpfleger, der vor einem Vierteljahr seinen Dienst beim Göppinger Landratsamt angetreten hat, konnte sich bereits einen Blick in die Archive einzelner Landkreisgemeinden werfen und weiß, dass auf ihn viel Arbeit wartet. Denn zahlreiche Gemeindearchive wurden in den vergangenen Jahrzehnten eher stiefmütterlich behandelt. Sämtliche Unterlagen werden zum Teil nach wie vor auf Bühnen und in Kellern gestapelt – weitgehend ohne jede Systematik und nicht selten unter klimatisch zumindest fragwürdigen Umständen. Kreisarchivar Dr. Stefan Lang weiß sogar von millimeterdicken Schimmelschichten zu berichten. Deshalb gehört auch eine Atemmaske zu den Arbeitsmitteln des Gemeindearchiv­pflegers.

„Wir haben aktuelle Bestandsaufnahmen von allen Archiven vorliegen.“ Die hatte der Kreisarchivar in der Bürgermeisterversammlung vorgestellt und dort „offene Türen eingerannt“. Denn der Druck auf die Kommunen sei groß. Ohne Bewertung der Akten werde einfach alles aufbewahrt und zwischenzeitlich gehe nicht selten der Platz aus. „Außerdem findet niemand mehr etwas“, weiß Cornelius Vollmer. Dass in den sechziger Jahren der Aktenplan geändert wurde, trage zur weiteren Verwirrung bei.

Archive im Umbruch

Eine vielleicht noch größere Herausforderung stelle die Archivierung der digitalen Unterlagen für die Kommunen dar. „Damit sind sie technisch überfordert und brauchen unseren Sachverstand“, so Stefan Lang. „Wir bilden uns ständig fort, denn das Archivwesen befindet sich derzeit in einem Umbruch wie vielleicht noch nie“, beurteilt der Kreisarchivar die Entwicklung.

Zunächst muss Cornelius Vollmer aber die schriftlichen Aktenbestände aufarbeiten. „Oftmals ist seit den siebziger Jahren nichts mehr gemacht worden.“ Denn pensionierte Lehrer oder Pfarrer, die früher nicht selten die Aufgabe des Ortschronisten ganz selbstverständlich übernommen hatten, sind eine aussterbende Spezies. „In manchen Kommunen wurde überhaupt noch nie archiviert“, weiß der 40-Jährige.

Wie lange er für die Aufarbeitung in den jeweiligen Kommunen benötigt, „hängt davon ab, was dort gewünscht wird“. Sollen die Akten nur sortiert und bewertet werden oder sollen sie auch ausgewertet werden – der Aufwand wird ganz unterschiedlich sein. Cornelius Vollmer weiß, dass in einzelnen Gemeinden jeder Gesetzestext der vergangenen Jahrzehnte aufbewahrt wurde. „Die können weg.“ Bewahrenswert seien Unterlagen, „die für die Zukunft juristisch oder historisch aussagekräftig sind, aber auch alles, dass das öffentliche Handeln transparent hält“, betont Stefan Lang. Es sei „aber in jedem Fall notwendig, in jeden Ordner zu blicken“, weiß Cornelius Vollmer, der unter anderem Kunstgeschichte und Archäologie studiert und in Marburg noch eine einfache Archivausbildung absolviert hatte.