Levi hat sich Fragen aufgeschrieben. „Brauchen Sie immer einen Partner beim Sport? Sind Sie von Geburt an blind? Wie alt waren Sie, als Sie Biathlon anfingen?“ Er und elf Mitschüler aus den Klassen 3 bis 9 erfahren eine Menge über eine außergewöhnliche Sportlerin, die tatsächlich von Geburt an nur einen Lichtschimmer sieht. Biathlon hat sie schon mit zehn angefangen,  beim Schießen orientiert sie sich an einem akustischen Signal, und beim Laufen hat sie einen Begleiter, der sie am Seil leitet. Auch Fahrradfahren, Judo, Leichtahtletik liebt sie, und sie findet heraus, dass auch die Schüler der Gemeinschaftsschule viel Sport treiben. Fußball an erster Stelle, Moritz träumt von der Oberliga, aber auch Tischtennis, Skifahren und Reiten. Ilona ist sogar ein As im Speerwurf.

Verena Bentele erkennt nicht, wer von den Schülern, die ihr gegenübersitzen, eine Behinderung hat, und freut sich darüber. Sie wünscht sich Inklusion, das ist ihr ein Anliegen als Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Sie selber wäre auch gerne in einer Schule für alle geblieben, in ihrem Dorf am Bodensee, musste aber in eine Förderschule für Blinde, wo sie zwar ihren Weg gemacht hat und auch früh auf den Sport gekommen ist, der sie nach ganz oben führte: zwölf Goldmedaillen bei den Paralympics, vier Weltmeister-Titel.

Heute will sie als Behinderten-Politikerin die Förderschulen im Land „zurückbauen“, weil diese die Schützlinge nicht auf das Leben in der Gemeinschaft vorbereiteten. Behinderte sollten ihren Platz in der Gemeinschaft finden, nicht in separaten Räumen wie Förderschulen und Werkstätten.

Was ihr die Schüler aus Bad Boll, erzählen, spricht ihr aus der Seele. Dass sie es gut finden, gemeinsam als Menschen mit und ohne Behinderungen zu lernen, dass sich Lehrer die Zeit nähmen und man als Mitschüler helfen könne. Moritz, der schon auf dem Absprung ist, blickt auf sechs inklusive Schuljahre zurück: „Eine gute Sache, dass ich auf einer solchen Schule gewesen bin.“ Er erzählt von einem Ausflug mit Segelboot, wo Mitschüler mit Behinderungen „ein bisschen rausgekommen sind aus ihrer Haut“.

Läuft alles gut? Rektor Thomas Schnell und seine Kollegen berichten der Bundesbeauftragten vom schieren Lehrermangel. Es fehle an Sonderpädagogen. An Lehrern für die Regelschule übrigens auch. Die Folge: Zu wenig Förderunterricht für die Schüler mit Handicap. Zwei Wochenstunden pro Schüler sind es bei den Lernbehinderten. Wenn fünf in einer Lerngruppe sind, macht das zehn Lehrerstunden. „Und was ist an den übrigen 27 Wochenstunden?“ fragt Schnell. Wenn Lehrer oder Lehrerinnen – das Kollegium ist weitgehend weiblich –  sich darüber hinaus um die Schüler kümmern, wird das nicht bezahlt. Auch der Rektor absolviert den Mehraufwand an Gesprächen „in der Freizeit“.

Verena Bentele erfährt, dass die Eltern mit der inklusiven Gemeinschaftsschule zufrieden sind. Eine Tischrunde mit Elternbeirat zeigt das. Nur. Wie geht es für behinderte Schüler nach der Schule weiter? fragt ein Vater. Der Weg in eine Behindertenwerkstatt ist ihm zu wenig. In den Arbeitsmarkt müsse er führen, zu den Firmen.  Bentele kann ihm nur zustimmen, und der Ball geht auch an Heike Baehrens, die SPD-Bundestagsabgeordnete im Kreis. Sie ist unmittelbar Vertreterin der Politik, sie ist in engem Kontakt mit der Bundesbeauftragten, sie hat am neuen Teilhabegesetz mitgearbeitet, das Verbesserungen bringe.

Gestärkt werde, sagt Baehrens, was der Vater wünscht: eine assistierte Ausbildung für Jugendliche mit Behinderungen. Das koste zwar Geld für den „Jobcoach“, den ein Behinderter braucht, um am Arbeitsplatz zurechtzukommen. Aber: „Das ist nicht zwingend teurer als ein Werkstattplatz“, sagt Bentele. Ihr Credo: „Wir brauchen den inklusiven Arbeitsmarkt.“  Wie es derzeit läuft: Kleinere Firmen täten sich schwer mit Inklusion, es brauche den persönlichen Bezug.  „Ohne klappt’s eigentlich nie.“

Wenn man Inklusion zu Ende denke, brauche man auch den Zugang zu einer öffentliche Berufschule, meint der Vater. Bentele stimmt zu. Rektor Schnell gibt den Gästen aus Berlin noch mit auf den Weg: Einheitliche Prüfungen für Schüler mit und ohne Behinderungen seien nicht zielführend.  Wenn der Schüler in einem Fach, das er für den Beruf brauche gut sei, dürfe er an anderem nicht scheitern. Schnell: „Die Abschlussprüfungen müssen sich verändern.“

Seit Jahrzehnten Erfahrung mit Inklusion


Förderbedarf: Etwa 40 Schüler mit Förderbedarf gehen in die Bad Boller Gemeinschaftsschule. Seit diesem Schuljahr ist die Förderschule geschlossen. Die Schülerzahl insgesamt liegt bei 600.

Tradition: Seit Jahrzehnten hat die Boller Schule Erfahrung mit Inklusion. Und schon in früheren Zeiten, so hat es Rektor Schnell erfahren, hat der Schulleiter Kinder mit Behinderungen einfach mitunterrichtet und sie beim Besuch des Schulrats versteckt. Sonst wären sie in die Sonderschule gekommen.

Teilhabe: Was in Bad Boll selbstverständlich ist, ist längst noch nicht Standard. „Bayerische Schulen sehen Inklusion nicht als Aufgabe an“, berichtete Verena Bentele, die im Freistaat wohnt.  Eine UN-Konvention fordert die Teilhabe bereits seit acht Jahren.