Serie Gekämpft für Menschen und die Natur

Uhingen / Margit Haas 14.04.2018

Als typischen 68er will sich Werner Lorenz nicht bezeichnen. „Diese studentische Bewegung war uns Arbeitern und Handwerkern zu akademisch und zu abgehoben“, erinnert sich der Uhinger. Gleichwohl hat er sich in den sechziger Jahren politisiert und ist bis heute ein politisch denkender Mensch.

Es waren die Naturfreunde, die aus der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung heraus entstanden waren, die ihn geprägt haben. Schon der Vater von Werner Lorenz war dort engagiert, er selbst lange Jahre Bezirks-Jugendleiter. Die Grundsätze der Naturfreunde bewegen ihn bis heute. In seiner langen Tätigkeit als Uhinger SPD-Gemeinderat waren es gerade Themen des Umwelt- und Naturschutzes, die ihn umgetrieben haben. Ob Landschaftsplan, Heckenanpflanzungen oder eine Biotopkartierung – stetig waren es Aspekte der Natur, die dem 74-Jährigen am Herzen lagen. Demnächst wird er mit Mitstreitern der Lokalen Agenda den Kreisverkehr an der Alemannenstraße mit Blumen und Sträuchern bepflanzen.

Auch wenn die Studentenproteste – und insbesondere die sexuelle Befreiung – bei den meisten Arbeitern, Handwerkern und Gewerkschaftern viel Kopfschütteln hervorgerufen hatten – sie diskutierten dieselben Probleme wie die angehenden Akademiker. „Gewerkschaften und Naturfreunde luden gemeinsam zu politischen Seminaren ein.“ Antifaschismus, Antikapitalismus, Antiimperialismus wurden ebenso thematisiert wie die bis dahin fehlende Auseinandersetzung mit der NS-Zeit. „Und wir waren tief betroffen von der Ermordung Martin Luther Kings und vom Leiden der Menschen in Vietnam“, erinnert sich der pensionierte Schuhmachermeister.

Aber auch die Notstandsgesetze und das Betriebsverfassungsgesetz standen im Mittelpunkt der Diskussionen. „Nicht zu vergessen die Atompolitik mit Franz-Josef Strauß als erstem Atomminister.“ Als sich die ersten Ostermärsche formierten, „waren wir dabei“. Der Protestmarsch führte die Arbeiterjugend aus dem Filstal einmal „zu Fuß von Offenbach nach Frankfurt“. Das Naturfreundehaus wurde zur atomwaffenfreien Zone erklärt. Daneben spielte der Schutz der Natur eine entscheidende Rolle. „Flüsse waren total verseucht und vergiftet. In einer landesweit Aufsehen erregenden Aktion haben wir den Kocher beerdigt.“

Fast zwangsläufig kam zum Engagement bei den Naturfreunden ein politisches. Unter dem Eindruck der Entspannungspolitik von Willy Brandt war Werner Lorenz 1975 in die SPD eingetreten. „Mein politischer Ziehvater war August Zimmermann.“ Schnell übernahm der damals jung Verheiratete Ämter im Ortsverband, wurde Ende der Siebziger dessen Vorsitzender und blieb dies 23 Jahre lang.

„Ich hatte viele gute politische Freunde um mich, und so haben wir sehr viel bewegt“, resümiert der zweifache Großvater. 34 Jahre lang setzte er sich im Gemeinderat „für eine gute Gemeinschaft und ein gutes Miteinander in Uhingen ein“. Was er bis heute tut. Im Café Asyl, als Fahrer des Bürgerbusses Uli, bei den Handballern oder im SPD-Kreisverband – noch immer engagiert sich Werner Lorenz für Andere. Der Hausdienst im Naturfreundehaus (heute ist es im Besitz der Stadt Uhingen) gehörte selbstverständlich auch dazu. „Es war unsere zweite Heimat“.

Apropos annehmen. Ein bisschen schwer hat er sich mit dem Annehmen der „GroKo“ getan. „Ich hätte es auch in der Opposition ausgehalten.“ Aber: „Eine Neuwahl wäre für die SPD wahrscheinlich noch schlechter ausgegangen“, stellt er pragmatisch fest. Und kann sich nicht erklären, dass mit der Angst vor Fremden nach wie vor erfolgreich Politik gemacht werden kann.

Von all den ganz unterschiedlichen Themen, die im Uhinger Gemeinderat teilweise kontrovers diskutiert worden waren, ist ihm eines besonders in Erinnerung geblieben. Dass es in Uhingen weiterhin ein Freibad gebe, sei „seiner“ SPD zu verdanken. Das alte Bad hatte dem Bau der Umgehungsstraße weichen müssen. Die SPD sammelte Unterschriften für ein neues und 1988 schloss sich der Gemeinderat an: „Es war ein großartiger Erfolg der SPD in der Kommunalpolitik von Uhingen.“

Schon einmal hatte Lorenz mit seiner SPD gehadert: zur Zeit des NATO-Doppelbeschlusses Ende der Siebziger Jahre. „Das war eine harte Zeit für uns Genossen, zu glauben, man muss Waffen aufbauen, um sie dann wieder abzubauen. Das konnten wir nicht glauben. Im Nachhinein war es dann aber richtig.“ Nur so seien Glasnost, also Offenheit, und Perestroika, der Umbau der Sowjetunion, möglich geworden.

Gegen die Interessen der Großgrundbesitzer

Den arbeitenden Menschen den Zugang zur Natur zu erschließen – das war das Ziel der Naturfreunde-Bewegung. 1895 wurde sie gegründet. Eine wichtige Komponente war das Recht des freien Zugangs zur Natur für alle gegen die bürgerlich-privaten Interessen der Großgrundbesitzer und existierenden Wander-, Bergsteiger- und Sportvereine, die der Arbeiterschaft die Mitgliedschaft verwehrten. Heute hat die Naturfreunde-Bewegung über 500 000 Mitglieder in 21 Ländern.