Wangen Fotoprojekt "Sichtlich Mensch" von Andreas Reiner mit Behinderten

Verschiedene fotografische Ebenen schieben sich bei dieser Aufnahme ins Bild. Helmuth Nemitz (re.) ist eines von 63 Models des Fotografen Andreas Reiner (li.). Nemitz ist zur Ausstellungseröffnung mit nach Wangen gekommen.
Verschiedene fotografische Ebenen schieben sich bei dieser Aufnahme ins Bild. Helmuth Nemitz (re.) ist eines von 63 Models des Fotografen Andreas Reiner (li.). Nemitz ist zur Ausstellungseröffnung mit nach Wangen gekommen. © Foto: HANS STEINHERR
HANS STEINHERR 08.03.2013
Sie zeigen Gesicht: 63 behinderte Menschen haben sich selbst porträtiert. Das Fotoprojekt von Andreas Reiner ist diese Woche noch in Wangen zu sehen, anschließend auf dem Kirchentag in Hamburg.

Es gehört Mut dazu, sich so zu zeigen, wie man ist. Ungeschminkt, ohne Larve und ohne Maske. Mit all der Unsicherheit im Gesicht und der Angst, die in einem steckt. Sich nicht zu verstellen und nicht zu verstecken, sondern offen zu zeigen. Der Biberacher Profifotograf Andreas Reiner vermeidet, wo und wann immer es geht, heile Welten im Rampenlicht zu fotografieren, die bunt und betörend, aber falsch sind. Lieber im Schatten, wo es ehrlicher, authentischer und oft auch trauriger zugeht. Dann kam ihm die Idee, behinderte Menschen zu fotografieren. Ein Fotoprojekt zum Thema Inklusion. Doch eine Kamera kann auch bloßstellen, kann ehrlich und dabei verletzend sein. "Sichtlich Mensch" ist das zweite Fotoprojekt, das Andreas Greiner gemeinsam mit Behinderten auf die Beine gestellt hat. Anders als beim ersten hat nicht er fotografiert, sondern über ein Dreivierteljahr hinweg Behinderte ermuntert, sich selbst zu fotografieren. Aus über 6000 Aufnahmen ist eine Ausstellung mit 63 Einzelporträtaufnahmen zustande gekommen, die diese Woche noch im Gemeindehaus der evangelischen Kirche in Wangen zu sehen ist. Anschließend wandert die Ausstellung weiter zum 34. Evangelischen Kirchentag nach Hamburg.

Dem Fotografen Reiner gelingt es, ein Tabu aufzubrechen. Die Porträts sorgen für Furore, weil man sich den 63 Gesichtern einfach nicht entziehen kann. Nicht geistig, nicht körperlich, nicht seelisch. Die Porträts sind in Schwarzweiß und leicht vergrößert. Die harten Kontraste verstärken dien Ausdruck. Reiners Fotoprojekt erschwert es, einer Begegnung mit behinderten Menschen aus dem Weg zu gehen. Die Gesichter lassen einfach nicht mehr los. "Das bin ich! Wer bist du?" scheinen die Porträtierten zu fragen. Reiner ist in Behinderteneinrichtungen gegangen, hat die fotografische Ausrüstung vom Stativ über die Kamera bis zum Selbstauslöser gestellt. Es sei wichtig gewesen, Ängste und Misstrauen abzubauen, sagt er. Den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Offen und direkt. Als jeder Einzelne dann soweit gewesen sei, habe er selber den Auslöser der Kamera betätigen können. Helmuth Nemitz ist eines der Models. Er habe sofort den Auslöser betätigt, sagt er. Weil er neugierig gewesen sei und Reiner schon länger gekannt habe. Zur Ausstellungseröffnung ist er mit nach Wangen gekommen. Helmuth Nemitz fühlt sich ganz offensichtlich wohl dabei und ein wenig auch als Star. "Die Leute sollen sehen, dass wir auch da sind", sagt er.


Ausstellung im Evangelischen Gemeindehaus Wangen neben der Kirche. Öffnungszeiten: täglich von 9-18 Uhr (bis 10. März)