Bundestagswahl FDP-Kandidat ist lieber streitbar als langweilig

In Podiumsdiskussionen fühlt sich FDP-Kandidat Hans-Peter Semmler in seinem Element, denn: „Wenn man in einer kontroversen Diskussion  nicht mit seinen Argumenten überzeugen kann, wie soll das dann in Berlin gehen?“.
In Podiumsdiskussionen fühlt sich FDP-Kandidat Hans-Peter Semmler in seinem Element, denn: „Wenn man in einer kontroversen Diskussion  nicht mit seinen Argumenten überzeugen kann, wie soll das dann in Berlin gehen?“. © Foto: Staufenpress
Ingrid Zeeb 13.09.2017

Hans-Peter Semmler liebt Podiumsdiskussionen. Auch wenn es gleich mehrere pro Woche sind wie in der Endphase dieses kurzen, aber intensiven Wahlkampfs. „Kontrovers zu diskutieren ist hervorragend“, findet er. Veranstaltungen, bei denen nur Statements abgefragt werden, aber keine Diskussion zustande kommt, langweilen das Publikum nur, meint der 39-jährige Bad Boller: „In einer guten Diskussion sieht man, wer streitbar ist und sich mit seinen Argumenten behaupten kann. Denn wenn man das hier nicht schafft, wie soll das dann in Berlin gehen?“

Einen übervollen Terminkalender hat der liberale Bundestagskandidat zurzeit, denn Urlaub nehmen ist für den Geschäftsführer eines IT-Unternehmens wegen des Wahlkampfs nicht drin. Für ihn kein großes Thema, Wahlkampf mache ihm Spaß. Warum er die Kandidatur als Unternehmer mit wenig Zeit auf sich nimmt? „Weil es unglaublich wichtig ist, dass Menschen aus mittelständischen Unternehmen im Bundestag vertreten sind“, sagt er. Er findet es verheerend, dass dort kaum Inhaber kleiner und mittlerer Betriebe vertreten sind, aber dafür viele Lehrer und Beamte, weil die sich leichter beurlauben lassen können.

Das Gespräch mit dem FDP-Bundestagskandidaten findet denn auch im Anschluss an eine Podiumsdiskussion statt. Der Hotel- und Gaststättenverband hat zum Weißwurstfrühstück ins Göppinger „Andechser“ geladen, um den Kandidaten auf den Zahn zu fühlen. Ein Heimspiel für den FDP-Kandidaten, könnte man meinen. Unvergessen ist die Senkung des Mehrwertsteuersatzes für Hoteliers, die 2010 Wellen geschlagen hat. Semmlers Auftritt kommt bei den Gastronomen gut an, obwohl er auch Schelte verteilt: Die Investitionszusagen, die damals im Gegenzug gemacht wurden, seien nicht überall eingehalten worden, kritisiert er. „Aber man muss auch sehen, wir kamen damals aus einer tiefen Wirtschaftskrise, und die Steuersenkung war Teil eines Gesamtpakets zur Konjunkturankurbelung.“ Das sei leider nicht gut genug kommuniziert worden.

Doch das ist Schnee von gestern. Was die Menschen jetzt am meisten interessiert und auch polarisiert, sei das Thema Energiewende und Elektromobilität. Endlich kommt auch Hans-Peter Semmler dazu, sich eine Weißwurst zu gönnen. „Wir bewegen uns gerade in eine Sackgasse hinein“, ist er überzeugt. Den Verbrennungsmotor kaputtzureden hält er für „die größte Gefahr für die deutsche Wirtschaft und unseren Wohlstand.“ Denn jeder fünfte Arbeitsplatz in Baden-Württemberg hänge vom Auto ab. Der schlanke 39-Jährige, der deutlich jünger wirkt, redet sich bei dem Thema in Schwung, trotz erkaltender Weißwurst. „Die Region Stuttgart droht, ein zweites Detroit zu werden“, fürchtet er in Anspielung auf den Niedergang der US-amerikanischen Autoindustrie. „Was wir brauchen, ist ein vernünftiger Mix unterschiedlicher Energieformen.“ Elektromobilität habe darin ebenso ihren Platz wie etwa synthetische Kraftstoffe. Einseitig auf E-Mobilität zu setzen, hält er für falsch, weil zahlreiche technische Probleme noch nicht gelöst seien und die Batterieproduktion nicht so umweltfreundlich sei, wie viele denken.

Eine Dame möchte Informationsmaterial, der Kandidat zieht es aus einer leuchtend türkisen Stofftasche. „Deutschland Update“ steht in den FDP-Farben darauf. Der Beutel stammt aus einem früheren Wahlkampf, er hat ihn behalten, weil ihm der Slogan gefällt. Chancengleichheit ist ein Thema, das ihm besonders am Herzen liegt. Dass Menschen ermöglicht wird, ihre Chancen zu nutzen, sieht er als zutiefst liberales Anliegen. Es liegt vielleicht an seiner Biografie, dass ihm das so wichtig ist. Sein Vater ist Buchbinder, seine Mutter Bankerin – und stammt aus Griechenland. „Ihre Eltern haben ihr Leben in die Hand genommen und sind nach Deutschland gekommen, als sie zehn Jahre alt war“, diese Mentalität hat ihn geprägt. Semmler kann Griechisch – „sprechen gut, schreiben weniger gut“ – und ist überzeugter Europäer. „Europa ist ein Friedensprojekt, für das wir mit aller Kraft kämpfen müssen. Wenn die europäische Idee scheitert, werden wir wieder kriegerische Konflikte in Europa haben“, davon ist er überzeugt. Für antieuropäische Parolen hat er deshalb kein Verständnis.

Flüchtlingspolitik ist ein weiteres wichtiges Thema, aber aus seiner Sicht nicht das dominierende im Wahlkampf. Dass FDP-Chef Christian Lindner zuletzt die Rückkehr von Bürgerkriegsflüchtlingen forderte, sobald der Konflikt vorbei ist, fand er in Ordnung. „Das steht auch genauso im FDP-Parteiprogramm. Allerdings muss man Lindners Sätze im Zusammenhang sehen.“ Er und seine Partei wollen ein qualifiziertes Einwanderungsgesetz nach dem Vorbild Kanadas und Neuseelands. Das besage, dass Bürgerkriegsflüchtlinge dauerhaft einwandern können, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllten, also beispielsweise einen Arbeitsplatz hätten und gut integriert seien. Wenn nicht, müssten sie zurück. Wichtig findet er, dass Flüchtlingen die sozialen Normen vermittelt werden müssen, die in Deutschland gelten, und dass Verstöße dagegen Konsequenzen haben müssten.

Mit Listenplatz 30, so hat der IT-Unternehmer ausgerechnet, müsste die FDP rund 25 Prozent erreichen, damit er in den Bundestag kommt. Das ist selbst bei optimistischen Schätzungen eher unwahrscheinlich. Dennoch gibt Hans-Peter Semmler alles, um ein möglichst gutes Ergebnis zu bekommen: „Der Rauswurf aus dem Bundestag 2013 war für mich ein Schlüsselerlebnis. Damals sagte ich mir: Ich will nicht, dass die FDP untergeht, sondern ich will beim Neuaufbau mithelfen.“ Heute, sagt er, höre er oft von Leuten, es fehle ihnen ein liberales Korrektiv in der Politik.

Zur Person

Biografie Hans-Peter Semmler wurde 1978 in Göppingen geboren und wohnt in Bad Boll. Der 39-Jährige ist ledig und kinderlos. Nach dem Realschulabschluss an der Göppinger Uhland-Realschule und einem Auslandsjahr an einer Highschool in den USA erwarb er die Fachhochschulreife und studierte an der FH Nürtingen, Standort Geislingen, mit Abschluss Diplom-Betriebswirt (FH).

IT-Unternehmer Semmler hat sich beruflich bei regionalen Mittelständlern und einem großen IT-Systemhaus mit der Einführung von ERP-Systemen beschäftigt. ERP (= Enterprise Ressource Planning) ist die Ressourcenplanung von Unternehmen. 2007 gründete er mit einem Kollegen das auf ERP spezialisierte mse-Systemhaus Stuttgart, dessen geschäftsführender Gesellschafter er ist. Mit seinem IT-Unternehmen betreut er vorwiegend lokale Mittelständler in der Region.

Partei In der FDP engagiert sich Semmler seit 2002, er ist stellvertretender FDP-Kreisvorsitzender.