Elke Caesar wird schon erwartet. Manuela H. (Name geändert) öffnet die Türe, die kleine Ruby auf ihrem Arm strahlt. Ein Wonneproppen. Einmal pro Woche besucht Elke Caesar die Mutter und das vier Monate alte Kind zuhause. Frauen und Familien in sogenannten "besonderen Lebenslagen" können über das Wochenbett hinaus bis zum 1. Geburtstag ihres Kindes die Dienste einer Familienhebamme in Anspruch nehmen. Die Geburtshelferinnen, die für diese Zusatzqualifikation eine 200 Stunden umfassende Schulung durchlaufen, stellen ein wichtiges Standbein der Frühen Hilfen im Landkreis Göppingen dar, sagt Brigitte Pallasch, die im Landratsamt die Einsätze der Familienhebammen koordiniert.

Ein schwer krankes Kind, finanzielle Probleme, Wochenbettdepressionen, Trennung, häusliche Gewalt, eine psychische Erkrankung eines Elternteils, eine alleinstehende oder überforderte Mutter . . . - oft zeichne sich bereits in der Klinik ab, dass die Umstände für ein gedeihliches Aufwachsen des neuen Erdenbürgers nicht optimal sind, erklärt Pallasch. Familien mit Anlaufschwierigkeiten bietet das Jugendamt die Unterstützung durch eine Familienhebamme an.

Manuela H. hat selbst die Initiative ergriffen. Die junge Frau ist eine liebevolle Mama, aber bedingt durch den frühen Tod ihrer Mutter hatte sie eine psychische Erkrankung und Angst, als Alleinerziehende nicht zurechtzukommen. "Ich wollte gleich eine intensivere Betreuung", erzählt sie. In der Klinik bekam sie den Tipp, sich um eine Familienhebamme zu bemühen und ist "glücklich". Elke Caesar ist sehr zufrieden mit der kleinen Ruby. "Sie ist ganz top dabei", sagt Caesar, während sie die sogenannten "Grenzsteine der Entwicklung" abcheckt. Ein wachsames Auge hat sie darauf, ob die Mutter erkennt, was ihr Kind braucht. Aufgrund fehlender Vorbilder oder loser Familienverbände gehe diese Fähigkeit oft verloren.

Manuela H. hat ein gutes Gespür für ihr Kind, ist sich Caesar sicher. Ernährung, wunder Po oder Durchschlafprobleme - die Familienhebamme hat ein offenes Ohr für alle Anliegen und gibt viele Tipps. "Ich konnte unheimlich viel mitnehmen und lernen, das gibt Sicherheit und ein gutes Gefühl", sagt die junge Mutter, die auch eine Haushaltshilfe zur Seite gestellt bekommt. Ruby schlummert inzwischen an der Mutterbrust und Elke Caesar verabschiedet sich.

"Die Stärken in den Familien erkennen und nicht nur die Defizite" sei ein wichtiger Aspekt ihrer Beratungstätigkeit, sagt die 50-Jährige, die auch noch zur 50 Prozent als Geburtshelferin in einer Klinik arbeitet. Weil es eine schöne Arbeit sei, Kindern auf die Welt zu helfen, und wegen der finanziellen Absicherung. Denn als freie Hebamme müsse man sehr viel arbeiten, um ein Auskommen zu haben. 35 Euro bekommt sie als Familienhebamme für einen Hausbesuch - egal wie lange der dauert. In Vollzeit an der Klinik zu arbeiten, kann sich Elke Caesar nicht vorstellen. Die Arbeit dort sei oft aufreibend, und es komme nicht selten vor, dass sie gleichzeitig mehrere Gebärende betreuen müsse.

Dass viele ihrer Kolleginnen keine Zukunftsperspektive mehr sehen, erfüllt auch Caesar mit Sorge. "Die Hebammenversorgung ist ein Stück weit Daseinsvorsorge", findet sie, während sie auf dem Weg zur nächsten Familie ist. Ein junges Paar in schwierigen Lebensumständen. In den Raum in der Notunterkunft am Stadtrand - gleichzeitig Küche und Wohnzimmer - dringt kaum Licht, die Enge ist erdrückend. Es gibt weder ein Bad, noch Warmwasser. Die Hebamme erkennt, wie belastend die Wohnsituation für die kleine Familie ist.

"Wir streiten oft, weil es zu eng ist", sagt Andrea M.. Den neun Monate alten Jeremy scheint das nicht zu stören. Genüsslich vespert er Brötchen mit Frischkäse, ein munteres, charmantes Kerlchen. Jeremys Mutter wurde die Begleitung durch eine Familienhebamme während der Schwangerschaft angeboten. "Ich war sofort dafür", erzählt die 28-Jährige, die wie der 20 Jahre alte Vater des Kindes arbeitslos ist. Beide leiden an ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) und leben von Sozialhilfe. Sie sind sichtlich stolz auf ihr Kind. Es sprudelt nur so, wenn sie von den Fortschritten des Kleinen berichten.

Die Eltern wollen alles richtig machen. Viele Fragen muss Caesar beantworten. Verträgt das Kleinkind Joghurt? Ist es gefährlich, wenn er den Kopf plötzlich nach hinten wirft? "Dieser kleine Mops entwickelt sich ganz prächtig, das ist Ihr Verdienst", lobt Elke Caesar die Mutter und ermuntert sie, liebevoll und konsequent mit ihrem Sprössling umzugehen. Sie sieht die Familie trotz der unguten Lebensumstände auf einem guten Weg. Das gelinge nicht immer. Nicht alle Familien begegneten ihr so offen, oft verspürten sie "Angst, dass wir der verlängerte Arm des Jugendamtes sind". Vertrauen aufbauen - "ich habe Schweigepflicht" - sei deshalb der wichtigste Teil ihrer Arbeit. Und zu akzeptieren, "dass wir oft kleine Brötchen backen".

Mehr zum Thema:

Interview: Faurndauer Hebamme schließt Praxis

Verein Mother-Hood unterstützt Anliegen der Hebammen

Berufsstand der Hebammen auch im Kreis in Gefahr