Göppingen Familienfrau mit Helfer-Gen

Hilde Huber an einem ihrer Lieblingsplätze am Wasserreservoir bei Bartenbach.
Hilde Huber an einem ihrer Lieblingsplätze am Wasserreservoir bei Bartenbach. © Foto: Staufenpress
Göppingen / Arnd Woletz 12.10.2018
Hilde Huber hat als junge Frau eine Lebenskrise erlebt. Mit ihrem Glauben und viel Energie hat sie die Kehrtwende geschafft und zur Familienhilfe umgemünzt.

Hilde Huber trägt an diesem Nachmittag einen Pullover mit der Aufschrift „Life“. Das ist sicher Zufall. Aber das Leben mit seinen Höhen und Tiefen, Enttäuschungen und Erfolgen, mit eigener Durchsetzungskraft und Einsatz für die Allgemeinheit, das ist auch ihr großes Thema.

Hilde Huber, die am Montag ihren 60. Geburtstag feiert, ist im sozialen und politischen Leben in Göppingen eine feste Größe. Doch ihr leichter bayerischer Zungenschlag verrät, dass ihre Wurzeln nicht im Filstal liegen. Das beschauliche Waging am See im Landkreis Traunstein war Schauplatz einer glücklichen Kindheit und Jugend in einer Großfamilie mit offenen Türen im elterlichen Handwerksbetrieb. „Man ließ uns Kinder viel ausprobieren“. Und Opa sei der Tröster und Zuhörer gewesen, erinnert sie sich.

Das Thema Familie sollte auch ihr weiteres Leben bestimmen. Doch davon ahnte sie damals wohl noch nichts.

Nach der Ausbildung zur Krankenschwester zog es die 21-Jahre junge Hilde in die Industriestadt am Fuße des Hohenstaufen. Und dabei spielte die Klinik am Eichert eine entscheidende Rolle. Denn damals herrschte in dem nagelneuen Krankenhaus eine Aufbruchstimmung, die sie lockte. Pioniergeist habe in der Klinik geherrscht, erinnert sich die 59-Jährige. Auch das private Glück schien für die Neu-Göppingerin perfekt, als sie heiratete, 1983 und 1985 die beiden Töchter geboren wurden und die Familie ein neues Haus in Maitis bezog. Doch dann brach noch im gleichen Jahr all das zusammen, als ihr Mann andere Wege gehen wollte. Da stand Hilde Huber da, allein mit zwei Kleinkindern. „Zuvor war alles dynamisch und im Aufbau. Und dann war alles, was ich geplant hatte, zunichte gemacht“, sagt Huber. „Ich habe die Welt nicht mehr verstanden.“

Doch die alleinerziehende Kinderkrankenschwester Hilde Huber hat das Ruder für sich herumgerissen und, fast wie von selbst, nach und nach auch den Einsatz für andere Menschen in den Mittelpunkt gerückt. „Durch die eigene Krise ist vieles erst entstanden“, ist sie sich heute bewusst. „Es ging darum, macht es mich zunichte, oder lerne ich, wie mein Leben gelingen kann“. Geholfen haben ihr die eigene Energie, die Arbeit, das Netz von Freunden. Und ihr unerschütterlicher Glaube. Sie habe damals Bibelstellen rausgeschrieben und sich damit konfrontiert, erzählt Hilde Huber. Die Bibel nennt sie „das Buch des Lebens“. Es sei doch „die Vorstellung von unserem Schöpfer, dass es den Menschen gutgeht.“ Daraus habe sie Zuversicht geschöpft. Ein von Hilde Huber oft zitierter Satz lautet: „Steht doch in der Bibel“. Jesus sei Vorbild, die Bibel eine Lebensanleitung, findet sie.

In ihrem Reihenhaus im Bergfeld hat sie zeitweise alleinerziehende Mütter aufgenommen, erinnert sie sich. „Wir haben uns gegenseitig gestützt und aufgebaut. Keiner war allein“.

Hilde Huber besuchte Seminare beim Institut für Christlichen Lebensberatung, machte eine Ausbildung zur beratenden Seelsorgerin. Heute arbeitet sie hauptberuflich im Patientenmanagement der Kinderklinik und in der Pädiatrie der Klinik am Eichert. Sie hat freiberuflich ihre „Familienoase“ gegründet, wo sie Elternkurse, Beratung und Hilfe in vielen Lebenslagen anbietet. Über Jahrzehnte hat sie nebenher ein Feuerwerk an Ideen gezündet und ein Paket an Ehrenämtern geschnürt. All das hat sie gar nicht als Kraftanstrengung erlebt. „Es war nicht übers Knie gebrochen“ betont sie, „es muss fließen.“

Los ging es mit der Gründung des Fördervereins der Kinderklinik am Eichert. Dann engagierte sie sich im Berufsverband Kinderkrankenpflege Deutschland. 2004 wurde der Göppinger Familienrat gegründet. Das „Lokale Bündnis für Familien“ folgte im Jahr 2006. Seit 2006 ist Hilde Huber auch Familienhelferin. 2007 wurde das Modell Familienpatenschaften vorgestellt. Das Prinzip: Sich kümmern um schwächere Familien, sie stärken, stützen, aufbauen, anstatt sie niederzumachen. Dabei soll das Helfen aber „kein In-Watte-Packen“ sein. „Wenn mich einer anlügt, werde ich ungemütlich. Es muss doch Regeln geben.“ Hilfe zur Selbsthilfe soll das Familien-Engagement sein. „Jeder hat seine Geschichte. Es nützt nichts in der Vergangenheit rumzumachen sondern die Entscheidung zu treffen: Ja, ich kann ein gutes Leben führen.“ Hilde Hubers Projekt ist auch „Eltern(s)paß“ und sie hat den Vorlesetag mit ins Leben gerufen. Heute ist sie im Vorstand des Netzwerks Familie Baden-Württemberg. Es gehe ihr bei ihrem Einsatz immer um positive Gemeinschaft, mit der Familie als Keimzelle, sagt sie, um Stabilität in den familiären Strukturen. Das Schlimmste sei, dass viele Familien Schwierigkeiten bekommen, weil sie zaudern und hadern. „Geht lieber in die falsche Richtung, aber geht los“, wolle sie den Familien raten. „Wenn vieles zu lange im Nebulösen bleibt, dann zehrt es an unseren Kräften.“

Über viele Jahre lebte Hilde Huber selber als Alleinstehende.  Erst vor sechs Jahren ist sie wieder eine feste Beziehung eingegangen. Mit ihrem Partner wohnt sie in einem schmucken Haus in Bartenbach. Man merkt, dass die ihr innewohnende Umtriebigkeit  auch im Privaten gilt. Ihr Hobby: „Radfahren, aber nicht gemütlich“, sagt sie lachend. Außerdem: Bergwandern, Skifahren und Natur. Ihre Töchter haben ihr inzwischen vier Enkel beschert.

Fast schon als natürliche Fortsetzung hat sie sich auch politisch engagiert. 2014 kandierte sie für die SPD, sitzt im Göppinger Gemeinderat und im Kreistag. Seit April ist Hilde Huber auch Vorsitzende des SPD-Ortsvereins. Ausruhen können wird und will sie sich nicht so schnell: „Es liegt noch viel Arbeit vor uns“.

Porträtreihe über starke Frauen im Landkreis

Jubiläum In diesem Jahr feiert der Landkreis 80. Geburtstag, das  Frauenwahlrecht wird 100 Jahre alt. Die NWZ veröffentlicht aus diesem Anlass die Reihe „ Starke  Frauen“, die als „Heldinnen des Alltags“ oft im Verborgenen Großartiges leisten. Ob die Pflege von Angehörigen, herausragende Leistungen als Unternehmerin, Künstlerin, Sportlerin oder im Ehrenamt – die Serie zeigt  Frauen und ihre Arbeit.

Bisher wurden Ilse Birzele, Barbara Küpper, Susanne Weißkopf, Caroline Märklin, Lena Urbaniak, Claudia A. Schlürmann, Angeline Fischer, Margret Hofheinz- Döring, Marga Lorch, Renate Mutschler, Birgit Göser, Gabriele von Trauchburg, Claudia Leber, Helene Mühlhäuser, Emilie Eisele, Pia  Schäfer-Mayer, Margret Keller-Rehm, Marianne Rasch, Melanie Schulze, Sandra Skutta, Elnora Hummel, Elisabeth Sigmund, Friederike Wackler, Astrid Vöhringer, Gudrun Lamparter, Anna von Sprewitz, Susanne Gieler-Breßmer, Anneliese Hermes, Vera-Maria Schäfer, Elke Keller, Mareile Beigelbeck und Andrea Staudenmaier vorgestellt.

Die Serie erscheint in Zusammenarbeit mit der Gleichstellungsbeauftragten des Kreises, Lidwine Reustle, dem Kreisfrauenrat und der Geislinger Zeitung.

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