Auendorf Familie Fischer-Rihn lebt Europa

Familie Fischer-Rihn fühlt sich wohl im Schwabenland. Nur der kleine Felix ist müde - und entsprechend "grätig".
Familie Fischer-Rihn fühlt sich wohl im Schwabenland. Nur der kleine Felix ist müde - und entsprechend "grätig". © Foto: Thomas Hehn
THOMAS HEHN 22.03.2014
GZ-Serie zur Europawahl: Der Österreicher Paul Fischer und seine Frau Isabelle Rihn haben sich im Internet kennen- und liebengelernt - und fühlen sich inzwischen pudelwohl im schwäbischen Auendorf.

Wie in aller Welt verschlägt es einen Österreicher und eine Französin ins tiefste Schwabenland nach Auendorf? Heutzutage ist ja an allem das Internet schuld. Für den Wiener Paul und die Straßburgerin Isabelle war es dagegen der Glücksfall ihres Lebens, dass sie sich vor sechs Jahren zur gleichen Zeit einsam fühlten. Über eine Internet-Plattform lernten sich der IT-Spezialist und die Fotografin kennen. Aus Mails wurden immer längere Telefonate und im Mai 2008 das erste Treffen. Mit flauem Gefühl im Bauch trafen sich die schon einige Jahre in Deutschland bei Deizisau lebende Isabelle und Paul praktischerweise erst mal in Salzburg: "Das lag in der Mitte. Wir wussten ja nicht, wie wir aufeinander reagieren", erinnert sich Paul grinsend. Die Chemie stimmte und so folgten dem ersten Treffen weitere, bis Isabelle schließlich im Juni 2009 nach Wien zog.

Damals war schon Sohn Felix unterwegs, der im Oktober zur Welt kam. So glücklich die junge Familie war, mit den Wienern wurde Isabelle mit ihrem französischen Temperament nicht warm. "Wien ist eine wunderschöne Stadt, der Wiener aber kein sehr zugänglicher Mensch", räumt Paul ein. Am Ende nützte alles nichts: Dem "Wiener Schmäh" überdrüssig, wollte Isabelle wieder weg. Frankreich kam nicht infrage (Paul: "Ich kann kein Französisch"), und so traf man sich wieder in der Mitte. "Da ich schon fast 20 Jahre im Raum Stuttgart gelebt hatte, habe ich dort noch viele Freunde", erzählt Isabelle. Als Paul dann über einen deutschen Kunden seiner Wiener Firma einen Job als Projektmanager in der Klinik am Ulmer Eselsberg vermittelt bekam, musste alles schnell gehen. "Wir haben Wohnungsinserate gelesen und uns ins Flugzeug gesetzt", beschreibt Paul die Hektik. Das Mehrfamilienhaus in Auendorf war die zweite Wohnung von dreien, die sie ansehen wollten. Schon die Anfahrt war ein Erlebnis: "Leben da noch Menschen?", fragte Paul seine Frau, als sie Bad Ditzenbach hinter sich gelassen hatten.

Auch Isabelle wollte - kaum angekommen - "eigentlich sofort wieder weg!" Erst auf den zweiten Blick nahmen die beiden die traumhafte Natur um sie herum wahr. "Für die Kinder ist es genau das Richtige", entschieden Paul und Isabelle im September 2010. Und so fühlt sich seit 15 Monaten auch "Zwerg" Caroline wohl im Dörflein hinter den sieben Bergen. . .

"Zum Glück gibts hier noch mehr Rein gschmeckte", lautet die spontane Antwort auf die Frage, wie sie in Auendorf aufgenommen wurden. "Reingschmeckter bist du hier selbst nach 24 Jahren noch. Das sagt mein Nachbar - und der kommt aus Aufhausen", lässt der Österreicher erst gar keine falschen Schlüsse aufkommen. Nein, ausländerfeindlich seien die Auendorfer nicht. Aber genauso eigen wie die Wiener - auf ihre Art eben.

Das Naturell der Schwaben werden Paul und Isabelle wohl nie ganz verstehen, aber "man arrangiert sich" - zumal die Schwaben ja nicht nur die Kehrwoche erfunden haben oder "alles so schrecklich ernst nehmen", worüber "ein Franzose wohl nur mit den Schultern zucken" würde, wie Isabelle sich manchmal "etwas mehr Gelassenheit wünscht". "Aber wenn die Deutschen was machen, dann machen sies richtig", gesteht Paul anerkennend. Wenn der Österreicher sagt: "Dös maaach mer scho iiirgendwiee", ist in Deutschland "alles bis ins Detail durchgeplant - aber so funktioniert halt auch alles". Paul muss inzwischen aufpassen, dass "ich die Regeln im Beruf nicht ins Privatleben mitnehme". Und als IT-Experte für Sicherheitstechnik bei der Göppinger Firma Speidel hat er jede Menge Regeln zu beachten.

Isabelle ist da etwas freier. Da Kinder und Berufsfotografie nicht vereinbar sind, entdeckte Isabelle wieder ihre künstlerische Ader: Die Straßburgerin hat vor ihrer Ausbildung zur Fotografin vier Jahre eine private Kunstschule in Besancon besucht und betreibt heute ein recht ordentlich laufendes Geschäft mit selbst entworfenen und selbst gefertigten Kleidern, Handtaschen und Accessoires (zazazigzag.blogspot.com). Darüber hinaus bekam die Mutter mit Kind und Hund schnell Kontakte ("mit Kind gute, mit Hund weniger gute"). Nach dreieinhalb Jahren fühlen sich die beiden 42-Jährigen aber so wohl, dass sie sich vorstellen können, hier tiefere Wurzeln zu schlagen. Einige Häuschen haben sie bereits angeschaut. Paul wird sicher immer "Österreicher und vor allem Wiener bleiben". Auch Isabelle fühlt sich weiter als Französin. Aber das ist für beide kein Problem, denn gerade durch die "Erfahrung Deutschland" sind sie inzwischen auch überzeugte Europäer: "Du kommst hierher, meldest dich in der Gemeinde an - und das wars", schätzt Paul die unbeschränkte Reisefreiheit. "Ich will nicht wissen, was gewesen wäre, wenn wir aus einem Nicht-EU-Land gekommen wären."