Natur Exkursion ins Kräuterparadies

Hohenstadt / Von Brigitte Scheiffele 04.07.2018

Hier wächst der „mittlere Wegerich“ – ganz selten zu sehen. Fliederfarben mit kurzem Stempel“, bemerkt Claudia Nafzger. Sie leitet gemeinsam mit Evi Kletti aus Hohenstadt den Verein der Kräuterpädagogen in Baden-Württemberg. Rings um sie herum kauern und kriechen 20 Damen voller Begeisterung in der Wiese. Erst vor drei Wochen waren hier die Schafe unterwegs, worauf noch ein paar bollige Überbleibsel hinweisen. Was der Boden seither schon wieder hervorgebracht hat, lässt die Gruppe bei ihrer Bestimmungstour jubeln: „Auf Magerrasen ist die Vielfalt besonders groß. Dünger ist nicht notwendig, der Boden von Natur aus karg und was hier wächst, hat Power“, sagt Claudia Nafzger.

„Erst haben wir uns mit der Wacholderweide beschäftigt, jetzt ist der Magerrasen dran, dann folgt eine Tour ins Biosphärengebiet“, erläutert Evi Kletti. Sie hat die zentrale Fortbildung für die Kräuterpädagogen organisiert. Es gehe um verschiedene Standorte mit verschiedenen Bodenbedingungen, weswegen die Kolleginnen aller Altersstufen nach Hohenstadt kamen, nicht zuletzt in das Kräuterparadies von Evi Kletti. „Wir machen hier Grundarbeit für unsere eigenen Führungen“, erklärt sie. Auch Kräuterpädagogen brauchen regelmäßig Übung, Fortbildung und, wie sie sagt: „Diese notwendige Fummelarbeit.“ Das Schöne am Bestimmen von Pflanzen sei das genaue Hingucken. „Wann macht man das schon so?“

Wiesenpflaster Spitzwegerich

Mit Lupe, Block, Stift und Büchern ausgestattet sitzt die Gruppe auf gerade einmal drei Quadratmetern. Zu viel gibt es auf nur diesem kleinen Flecken zu sehen: Thymian, Majoran, Dost – auch Oregano genannt – Pizzagewürze auf der Wiese. Alles was nach Thymian riecht ist auch Thymian. Botanisch korrekt ausgedrückt muss jede Thymian-Pflanze aber extra aufgeschlüsselt werden. Daneben wird der gelbe Hornklee mit kleinen Blütensäckchen unter die Lupe genommen und dann ist der zarte „Hügel-Meier“ dran. Kleinste weiß-rosafarbene Blätter zeigen sich hinter der Lupe – „wie schön der ist“. Spitzwegerich, das Wiesenpflaster, wenn eine Bremse,  Wespe oder Biene mal zugestochen hat, wächst daneben mit seinen dicken Blattadern, die den heilsamen Saft in sich tragen. Es geht um Balsam und Tee, um die Bronchien, für deren Gesundung er wirksam sei und schon steht das aufgeblasene Leinkraut mit zarter Sprosse auf der Liste.

„Man kann zwölf Monate von der Natur leben“, sagt Beate Kessler, die aus Schwäbisch Gmünd angereist ist. Hagebutten im Winter seien zum Beispiel weich und zuckersüß, auch, wenn sie braun und unappetitlich am Zweig hängen. Jetzt stehen die Blattordnungen im Vordergrund: Fächer und Fieder sind zu zählen, um genaue Namen bei einem Doldenblütler zu bestimmen. 1500 verschiedene gibt es, viele davon sind giftig. Die Gruppe zählt, teilt und geht ins Lateinische über. Wieder pure Begeisterung: „Wie filigran diese Blätter sind. Wenn einen das nicht demütig stimmt!“ ist zu hören. Einstimmiger Tenor aber: „Nichts unbedacht herausnehmen, nur in Maßen und die Naturschutzregeln beachten. Nichts essen was man nicht zu hundert Prozent kennt oder nur in Begleitung von Fachpersonal.“ Zu entfernen seien die Kräuter „mit Wurzel und mit Dank“.

Monokultur schadet der Natur

Die aus Hannover angereiste Biologin Dr. Rita Lüders ist begeistert von der Alb. Die Sensibilität für die Natur sei in Süddeutschland weit größer als im Norden, bemerkt sie. „Es ist spürbar, dass die Menschen etwas für die Natur tun wollen. Der Süden sei hier eindeutig vorne und auch Führungen fänden mehr Interesse als im Rest der Republik. Das Anliegen der Dozentin, Autorin und auch Pilzsachverständigen: „Die Monokultur nimmt insbesondere durch die landwirtschaftliche Nutzung zu. Silage und Biomasse werden benötigt, deswegen wird gemäht und gedüngt was das Zeug hält.“ Natürlich seien die Landwirte unter Druck. Es gehe um Geld und am Ende sei alles politisch. „Jeder will alles billig haben und dabei zerstören wir uns selbst.“ Lüders Forderung daher: „Wegesränder nicht so oft mähen, die Pflanzen dahinter nicht spritzen und auch dem eigenen Garten eine Chance lassen.“

Die Steinwüsten in Neubaugebieten und das Bemühen um „ein adrettes, ordentliches Ortsbild mit ständig gemähten Straßenrändern“ sei für die Natur ebenfalls der falsche Weg, bemerkt sie in Richtung Stadtverwaltungen.

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