Eislingen Energiegeladene Bilder der Natur

Melanie Wioras Fotoarbeiten lassen den Betrachter oft an seinem Standpunkt zweifeln. Die Künstlerin stellt beim Eislinger Kunstverein aus.
Melanie Wioras Fotoarbeiten lassen den Betrachter oft an seinem Standpunkt zweifeln. Die Künstlerin stellt beim Eislinger Kunstverein aus. © Foto: Hans Steinherr
Eislingen / HANS STEINHERR 20.04.2015
Die Fotokünstlerin Melanie Wiora fotografiert Naturlandschaften und bewegt sich im Grenzbereich von Fotografie und Malerei. Der Eislinger Kunstverein zeigt ihre Ausstellung "Travelling Beyond".

Es zischt und brodelt urgewaltig leise. Wolkenberge und Wasserfronten türmen sich auf und fallen im nächsten Augenblick wieder in sich zusammen. Ein Schauspiel, das jegliches Zeitgefühl, jedes Empfinden für Raum und Dimension außer Kraft zu setzen scheint und immer wieder von neuem beginnt. Blaue, weiße und graue Farben lassen ein Gefühl von Kälte und Bedrohung aufkommen.

Die gebürtige Waiblinger Fotokünstlerin Melanie Wiora, die in Köln lebt, begibt sich mit ihren Fotoarbeiten auf eine Gratwanderung im Grenzbereich zwischen Fotografie und Malerei. Der ist erstaunlich schmal und lässt den Betrachter allzu oft an der eigenen Wahrnehmung zweifeln. In dieser Zone begegnete die 45-Jährige Naturlandschaften im US-amerikanischen Yosemite Nationalpark und auf Island. "Travelling Beyond" ("Reisen außerhalb") heißt ihre Foto-Bilder-Schau, die seit dem Wochenende beim Eislinger Kunstverein in der Alten Post zu sehen ist.

Rahmenlose Fensterscheiben vor großdimensionierten Fotografien gewähren Sicherheit hinter Glas. Durch sie hindurch erlebt man den Blick wie durchs Bullauge eines Schiffes hinaus auf die tobende See oder von windgeschützter Aussichtsplattform herab auf Bergspitzen, hinunter auf Gletscher oder Wolkenlandschaften. Der Ausstellungsbesucher darf den Urgewalten näher treten. Nur ganz sicher darüber, wo er sich gerade befindet, kann er sich nie sein. Melanie Wioras Fotoarbeiten lassen ihn häufig am eigenen Standpunkt zweifeln. Für das, was ihm in der Serie "Natura" gezeigt wird, gibt es immer eine gedankliche Alternative und eine alternative Idee.

Mit viel Instinkt und Erfahrung fotografiert die Künstlerin Berge und Abgründe, Bäche und Schienenstränge, die sich auf ihrem eigenen Auge spiegeln. Meist sind die Motive diffus und unscharf, regen dadurch erst recht an, gedeutet und erkannt zu werden. Was von außen fotografiert wurde, wirkt wie von einer inneren Kamera hinter der Pupille aufgekommen. Wieder erfährt der Besucher diese jähe Orientierungslosigkeit. Hinter jeder Fotografie erlebt er ein geballtes Gefühlsgemenge aus Neugier und Angst, Erstaunen und Befremden, Befürwortung und Ablehnung.

Eine Mischung der pure Energie erwächst. Die gezeigten Arbeiten sind nichts anderes als anschaulich gemachte Kraftfelder. Zwei Videoarbeiten "Eruptions" und "Rise and Fall" verstärken dieses Empfinden. Zeitrafferaufnahmen - gefilmt mit einer speziellen High-Speed-Kamera - von Ausbrüchen isländischer Geysire ermöglichen es, zeitgleich Augenzeuge sowohl an wiederkehrender Genesis wie auch an fortwährender Apokalypse zu sein.
 



Info Ausstellung in der Alten Post, Bahnhofstr. 12 in 73054 Eislingen. Öffnungszeiten: Di. bis Sa. 16-18 Uhr; So. 14-18 Uhr. Ausstellungsdauer: bis 17. Mai.

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