Bilanz Eltern-Kind-Station bewährt sich

Kreis Göppingen / SWP 11.08.2018

Im Juli vergangenen Jahres hat im Göppinger Christophsbad die neue kombinierte Psychotherapiestation mit integrierter Eltern-Kind-Abteilung eröffnet. Dort behandeln Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psycho-therapie gemeinsam mit Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Zusammenarbeit mit Fachtherapeuten beider Bereiche psychisch erkrankte Eltern und Kinder. Ziel ist laut Klinikum die Verbesserung oft verhärteter und frustrierender Beziehungsmuster in der Familie. Seit der Eröffnung könne die  Abteilung bereits auf zahlreiche Therapieerfolge zurückblicken, heißt es in einer Mitteilung des Christophbads.

Auf der Eltern-Kind-Station, untergebracht im 2016 fertiggestellten Neubau der Kinder- und Jugendpsychiatrie, werden psychisch erkrankte Eltern – Mutter oder Vater – mit dem ebenfalls erkrankten Kind im Alter von vier bis zehn Jahren gemeinsam behandelt. „In Einzelfällen bieten wir aber auch Erwachsenen, deren psychischer Krankheitszustand in Zusammenhang mit familiären Konflikten auftritt, hier eine Therapiemöglichkeit“, erklärt Oberärztin Dr. Stefanie Härle. Paar- und Familiengespräche sowie die Einbeziehung wichtiger Angehöriger seien  von besonderer Bedeutung.

Seit der Eröffnung der Station wurden dort laut Christophsbad 24 Mütter oder Väter mit ihren Kindern behandelt. „Die Therapeuten der Kinder-und Jugendpsychiatrie und Erwachsenenpsychiatrie wirken dabei durchgängig eng zusammen“, erklärt der Kinder- und Jugendpsychiater und Pädiater Boris Schößler, Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Als Beispiel, bei denen die therapeutische Konzeption Sinn mache, nennt das Klinikum den Fall einer Fünfjährigen. Das Kind sei mehrfach auf Grund aggressiven Verhaltens vom Kindergarten ausgeschlossen worden. Was da­zu geführt habe, dass die schwer depressive, 40 Jahre alte Mutter ihre Berufstätigkeit aufgeben musste. Während der Therapie seien Mutter und Tochter zusammen in einem Zwei-Bett-Zimmer auf der Station untergebracht gewesen und jeweils von Therapeuten individuell betreut worden.

Mit der Tochter hätten die Verantwortlichen intensiv daran gearbeitet, sich in die Gemeinschaft einzufügen und Regeln und Grenzen einzuhalten. Als eine besondere Herausforderung für die junge Patientin habe sich der Umgang mit Konkurrenz herausgestellt, vor allem wenn es darum gegangen sei, Aufmerksamkeit mit anderen Kindern zu teilen.

Die Begleitung der Eltern-Kind-Interaktion bei einer gemeinsamen Aufgabe – etwa Kuchen backen oder die Gestaltung eines Bildes  – habe viele positive Effekte. Von den Therapeuten komme die Rückmeldung, inwieweit auf das Kind eingegangen werde oder wie Aufgaben verteilt würden. Ziel sei es, eine positive, authentische Beziehung zwischen Eltern und Kind zu erreichen, in der sich beide Seiten gesehen und gehört fühlen.

„Häufig müssen die erwachsenen Patientinnen und Patienten darin bestärkt werden, ihre mütterliche beziehungsweise väterliche und erzieherische Rolle überzeugter einzunehmen“, erklärt Härle. Dazu gehört auch, an der eigenen Lebensgeschichte zu arbeiten. „Wir unterstützen sie dabei psycho-therapeutisch und auch mit Bewegungs- oder Kunsttherapie. Hier können sie Ressourcen und Sicherheit wieder entdecken oder entwickeln.“

So etwa habe ein 35-jähriger Vater in den psychotherapeutischen Gesprächen, unterstützt durch Körpertherapie, ein neues Gefühl der Stärke und Kontrolle erlebt, das er in seinen Alltag mitgenommen habe. Laut Klinikum hatte der Mann zuvor seit Jahren sein Haus wegen einer Panikstörung und multiplen Ängsten nicht mehr alleine verlassen. Parallel dazu habe sein neunjähriger Sohn den Schulbesuch wegen Mobbings verweigert und sich in eine Scheinwelt von PC-Spielen zurückgezogen. Der Junge habe nun in der Klinikschule einen Neuanfang gewagt. „Es hat sich sehr positiv auf ihn ausgewirkt, zu sehen, wie der Vater schrittweise an Freiheit gewonnen hat“, berichtet Härle. „Parallel dazu haben wir gemeinsame Gespräche mit der gesamten Familie geführt. Dabei wurden auf der einen Seite Konflikte des Paares bearbeitet. Auf der anderen Seite haben wir die Autonomie der kranken Familienmitglieder gefördert und Hilfestellungen für den Alltag in die Familie gegeben.“

Außer der pflegerisch-therapeutischen Begleitung findet ein Austausch unter den Patienten statt. Durch die Konfrontation mit den Mitpatienten und den Kindern habe eine Frau den Anstoß und Mut bekommen, nach Jahren wieder Kontakt zu ihren Kindern und Enkeln aufzunehmen. Wegen einer Kränkung und einer Depression habe sie sich völlig zurückgezogen gehabt. „So gewann ihr Leben wieder an Beziehung und Sinn”, resümiert Dr. Isa Sammet, Chefärztin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Fachpsychotherapie.

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