Süßen Zirkus: Eine Piratenfahrt in der Manege

Generalprobe mit Markus Mitterhofer (rechts) im Zirkuszelt: Am Freitagabend muss alles sitzen.
Generalprobe mit Markus Mitterhofer (rechts) im Zirkuszelt: Am Freitagabend muss alles sitzen. © Foto: Rainer Lauschke
Süßen / Jochen Weis 11.05.2018
In Süßen starten die Vorstellungen von „I topolini constanti“. Für Zirkusdirektor Markus Mitterhofer ist es der letzte Vorhang.

Leinen los und volle Fahrt voraus: Heute Abend sticht der Piratenkahn Goldrausch in See, um seine Besatzung zu einem verlorenen Schatz zu bringen. „Goldrausch“, das ist auch der Titel dieser Geschichte, der großen Jahresaufführung des Süßener Kinder- und Jugendzirkusses „I topolini constanti“. Insgesamt vier Vorstellungen stehen bis Sonntag auf dem Programm. Für den Käpt’n des Kahns, Markus Mitterhofer, wird diese Schatzsuche zugleich die letzte große Fahrt: Der Macher und Vorsitzende des Zirkus-Vereins sagt nach zwölf Jahren letztmals Ahoi – und geht von Bord.

„Irgendwie ist es schon ein komisches Gefühl, der Zirkus ist mein Baby“, erzählt Mitterhofer, „aber ich habe immer gesagt: Ich klammere mich nicht an ein Amt, ich will nicht 30 Jahre lang der Vorsitzende sein. Und nun ist der richtige Zeitpunkt zum Aufhören gekommen.“ In seinem anderen Leben ist der Bad Überkinger Leiter der Geislinger Kita Einsteinschule. Und die bekommt eine neue, dritte Gruppe, außerdem ist die Einrichtung seit 2016 Kinder- und Familienzentrum. „Das heißt, ich bin dort ordentlich eingespannt und muss in die andere Richtung kürzertreten“, sagt der 44-Jährige: „Aber der Zirkus läuft, der Verein steht auf grundsoliden Beinen, ich kann also in der Gewissheit aufhören: Es geht auch ohne mich weiter.“

Vor zwölf Jahren hatte Mitterhofer, damals als Leiter des Süßener Jugendhauses, den Zirkus vom AST Süßen übernommen. „Das war seinerzeit eher ein Freizeitprojekt“, erzählt Mitterhofer, „dann haben wir beim Jugendhaus damit begonnen, dem Projekt eine neue Konzeption, neue Strukturen zu verpassen.“ Das hieß für Mitterhofer, den ausgebildeten Zirkus- und Theaterpädagogen, die Förderung der Kinder und Jugendlichen in den Mittelpunkt zu rücken.

Das Credo: Spielerisch lernen

„Ein großes Anliegen der Zirkuspädagogik ist die spielerische Stärkung der motorischen und kognitiven Fähigkeiten von Kindern“, erklärt Mitterhofer. Das geschieht durch die eigentliche Zirkus-Arbeit, die Artistik. Zum Beispiel mit Jonglage oder dem Diabolo, jenes verwunschene Spielgerät, mit dem Könner einen rotierenden Doppelkegel auf einer Schnur tanzen und springen lassen können – und der Laie staunend davorsteht. „Das fördert die Auge-Hand-Koordination, also die Fähigkeit, durch das Sehen die Bewegung der Hände zu steuern – eine wesentliche Voraussetzung für das Schreiben“, erklärt Mitterhofer, „diese Fähigkeit ist heutzutage bei vielen Kindern eingeschränkt, weil sie sich viel zu wenig bewegen. Ihnen fehlt die körperlich-sinnliche Wahrnehmung, was sich wiederum in einer schlechten Motorik äußert.“

Außerdem müssen die Kinder unterschiedliche Übungen und Bewegungen simultan ausführen. Bei der Jonglage beispielsweise werfen und fangen sie die Bälle gleichzeitig, beim Diabolo kommt Bein- und damit Koordinationsarbeit bei den Nummern hinzu. „Das erweitert die kognitiven Fähigkeiten, das Gehirn lernt dadurch zu lernen, die räumliche Wahrnehmung verbessert sich, ebenso die Fähigkeit zur Konzentration oder zielgerichtet vorzugehen.“ Die Zirkusgruppe ist auf 25 Mitglieder beschränkt, die Warteliste darum lang. Aber nur so lasse sich vernünftig arbeiten, nur so sei eine intensive Betreuung möglich, betont Mitterhofer.

Der zweite große Aspekt der Zirkuspädagogik sind die sozialen Kompetenzen. „Die Kinder lernen, sich gegenseitig zu unterstützen und zu helfen, sie müssen zusammenarbeiten und dabei gemeinsam nach Lösungen suchen, wenn sich eine Nummer, eine gemeinsame Übung  nicht wie erhofft umsetzen lässt“, erläutert Mitterhofer. Darüber hinaus lernen die jungen Artisten , Verantwortung zu übernehmen. „Wir haben regelmäßiges Training, müssen die Nummern einüben, sonst könnten wir ja nie eine Aufführung auf die Bein stellen“, sagt Mitterhofer: „Das funktioniert aber nur, wenn alle regelmäßig da sind. Was viel Selbstdisziplin erfordert, klare Strukturen und klare Regeln. Kinder brauchen das. Die Belohnung ist ja die Zirkusarbeit, die unglaublich viel Spaß macht.“

Klare Regeln und Strukturen

Was letztlich auch das Erfolgsgeheimnis sei. „Wir decken das komplette Programm ab: Außer Jonglage und Diabolo auch Akrobatik, Tuchnummern, Laufkugeln oder eine Feuershow“, erzählt Mitterhofer. All das verpacken er und seine Trainerkollegen in eine Geschichte. Heuer ist es die Schatzsuche in „Goldrausch“, in der Vergangenheit waren es Geschichten wie „Hollywood“, bei dem sich alles um die großen Stars und ihre Filme drehte, oder „Revolution“, in der die Artisten ihren Zirkusdirektor in die Verbannung schickten – und danach etwas chaotische Zustände in der Manege herrschten. „Oberstes Credo ist: Die Handlung muss ganz einfach gehalten werden, die Geschichte leicht verständlich sein, ansonsten sind die Kinder überfordert“, erklärt Mitterhofer.

Die Aufführungen selbst finden seit drei Jahren im Zirkuszelt statt. „Davor war wir in der Zehntscheuer in Süßen. Das war auch toll, aber ein Zelt ist einfach authentisch, nur dort kommt diese richtige Zirkusstimmung auf“, sagt Mitterhofer. Eines ist indes seit jeher gleich: „Die Requisiten und die Kostüme werden soweit wie möglich gemeinsam mit den Eltern hergestellt. Und die Eltern sind voll dabei, da bin ich jedesmal absolut begeistert.“

Weshalb es für Mitterhofer kein endgültiger Abschied vom Zirkus, kein Bruch wird: „Ich höre zwar als Vorsitzender auf, bin dann auch aus der Organisation raus“, sagt er, „aber ich werde immer wieder mal als Trainer aushelfen oder bei Bedarf die Aufführungen moderieren.“ Vom Käpt’n zum Maat sozusagen, aber doch immer noch dran an der großen Leidenschaft.

Es gibt noch Tickets für Samstag und Sonntag

Die insgesamt vier Vorstellungen von „Goldrausch“ starten heute Abend um 18 Uhr im großen Zirkuszelt bei der Hornwiesen-Grundschule in Süßen. Die heutige Show ist bereits ausverkauft, für die folgenden Aufführungen am Samstag um 14 und 18 Uhr sowie am Sonntag um 14 Uhr gibt es noch Tickets an der Tageskasse (Erwachsene 6 Euro, Kinder 3 Euro).

Der Süßener Kinder- und Jugendzirkus „I topolini constanti“ – übersetzt die „Ausdauermäuse“ – ist seit fünf Jahren ein eingetragener Verein. Gegründet wurde der Zirkus 1998 als Projekt des AST Süßen. Der Verein finanziert sich über Mitgliedsbeiträge, Spenden und die Erlöse aus Vorstellungen und Workshops. Mehr Infos gibt es online: www.zirkus-topolini.de

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