Vorsorgetag Einblicke in die menschlichen Gefäße

Dr. Peter Richter, Chefarzt des Gefäßzentrums der Alb-Fils-Kliniken (rechts), zeigt Kewal Lekha die Schienung, die bei der OP eingeführt wird, aufgeht und so die Gefäßwand stabilisiert.
Dr. Peter Richter, Chefarzt des Gefäßzentrums der Alb-Fils-Kliniken (rechts), zeigt Kewal Lekha die Schienung, die bei der OP eingeführt wird, aufgeht und so die Gefäßwand stabilisiert. © Foto: Annerose Fischer-Bucher
Göppingen / ANNEROSE FISCHER-BUCHER 28.04.2017

Eine Aktion zur Vorsorge (Screening) von Bauch- und Halsschlagader findet am Samstag, 6. Mai, von 10 Uhr bis 14 Uhr im Foyer des Göppinger Rathauses statt. Nach einem Vortrag von Dr. Peter Richter, Chefarzt des Gefäßzentrums der Alb-Fils-Kliniken, ist für Jedermann die Möglichkeit zur Ultraschalldarstellung der Bauch- und der Halsschlagader gegeben.

Kreisärzteschaft, AOK, Gesundheitsamt, Diabetiker Bezirksverband sowie Optik Häser bieten Beratungen an, die durch ein buntes Rahmenprogramm mit Glücksrad und einer Luftballon-Aktion ergänzt werden. Der Eintritt ist frei.

Sie sprechen von einer tickenden Zeitbombe, wenn die Bauchschlag­ader erweitert ist. Warum?

Dr. Peter Richter: Ab einem Durchmesser über 50 Millimeter besteht die Gefahr des Platzens des Gefäßes, was zum Tod führt. Deshalb führt die Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin jährlich bundesweit einen Vorsorgetag durch. In diesem Jahr beteiligen wir uns in Göppingen am 6. Mai daran.

Wer beteiligt sich daran?

Richter: Das Gefäßzentrum der Alb-Fils-Kliniken, die Kreisärzteschaft, der Diabetiker Bezirksverband Göppingen, die AOK, das Gesundheitsamt, Optik Häser Göppingen und die Firma Medtronic, die die endovasculären Prothesen herstellt.

In Ihrem geplanten Vortrag sprechen Sie davon, dass Albert Einstein, Thomas Mann und Charles De Gaulle etwas gemeinsam haben. Was haben sie denn gemeinsam?

Richter: Sie hatten alle einen Einriss in der erweiterten Bauchschlagader, der zum Tod geführt hat.

Können Sie an einem Beispiel erklären, was da passiert?

Richter: Ja. Nehmen wir doch das Beispiel von Thomas Mann. Er war ein starker Zigarrenraucher und hatte ein Lungenkarzinom, das operiert wurde. 1955 bekam er eine Beinschwellung, die aufgrund der bösartigen Lungenerkrankung für einen Venenverschluss gehalten wurde. Nach Rückenschmerzen, einer plötzlichen Verschlechterung seines Zustands und einem Kreislaufzusammenbruch führten intensive Behandlungsmaßnahmen nicht zum Erfolg und er verstarb. Die Ärzte nahmen an, es sei eine Lungenembolie gewesen. Die Obduktion jedoch ergab etwas ganz anderes: eine Heilung des Lungentumors, aber Blut im Bauchraum als Folge eines Risses in der erweiterten Bauchschlagader, der zum Tod geführt hat.

Müsste Thomas Mann heute noch daran sterben?

Richter: Nein. Deswegen bieten wir ja die Vorsorge an. Damals hatte man noch keinen Ultraschall, kein CT, keine schonende Röntgengefäßdiagnostik und keine endovasculären Prothesen, die es erst seit den 80er Jahren gibt. Heute haben wir all dies zur Verfügung. Außerdem haben sich die Operationsmethoden verfeinert.

Hat man denn Beschwerden bei erweiterten Schlagadern?

Richter: Nein, das ist eben das Gefährliche. Und wenn dann doch welche vorliegen, ist das Gefäß kurz vor dem Platzen.

Kommt es statistisch oft vor, dass ein solches Gefäß platzt?

Richter: Etwa 12 000 Patienten wurden in den letzten beiden Jahren in Deutschland behandelt. Bei knapp 10 Prozent gab es einen Einriss in der Gefäßwand. Davon hat die Hälfte der Patienten dank moderner intensiver medizinischer Maßnahmen überlebt. Übrigens trifft es Männer über 65 Jahre 6 Mal häufiger als Frauen.

Was macht man, wenn im Ultraschall die Diagnose Erweiterung der Schlagader über 50 Millimeter gestellt wird?

Richter: Man operiert entweder über einen Bauchschnitt oder minimal-invasiv, das heißt über zwei kleine Öffnungen in der Leiste. Dann wird eine Schienung eingeführt, die unter Röntgenkontrolle freigesetzt wird und somit die Erweiterung von innen her ausschaltet.

Was hat jetzt Diabetes mit Gefäßerkrankungen zu tun?

Kewal Lekha: Diabetiker haben ein ungleich höheres Risiko, an Gefäßerkrankungen wie Durchblutungsstörungen beispielsweise in den Füßen, an der Niere oder an den Schlagadern zu erkranken. Deswegen machen wir eine gemeinsame Veranstaltung mit dem Gefäßzentrum der Alb-Fils-Kliniken.

Warum findet die Veranstaltung im Göppinger Rathaus statt?

Lekha: Wir wollen raus aus der Klinik und raus aus dem Verband und hin zum Patienten gehen. Einmal im Jahr eine Kontrolluntersuchung bedeutet weniger Beinamputationen, weniger Dialyse, weniger Schlaganfälle, weniger Gefäßrupturen.

Zu den Personen

Dr. Peter Richter ist Chefarzt für Gefäßchirurgie und Sprecher des Gefäßzentrums der Alb-Fils-Kliniken.

Kewal Lekha ist der Vorsitzende
des Diabetiker-Bezirksverbands
Göppingen.

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